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Veröffentlicht am 15.10.2019 | von Christian Weining

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M83 – Digital Shades Vol. 2


Foto-© Jeremy Searle

Wer das Schaffen des Synthie-Großmeisters M83 aka Anthony Gonzalez verfolgt, erinnert sich sicherlich noch an die B-Seite – wenn man sie denn so nennen will – Digital Shades Vol. I. Selbst wer sich gerne an diese Platte zurückerinnert, wird sich wahrscheinlich eingestehen müssen, dass der weitere Erfolg des Franzosen dieses Experiment in den Hintergrund gerückt hat. Stücke wie Midnight City oder Wait und nicht zuletzt Soundtracks für Filme wie Oblivion brachten den Erfolg in Europa und darüber hinaus. Wer nun aber doch die weniger kommerzielle Seite an Gonzalez zu schätzen weiß, die vor 12 Jahren mit Volume I hörbar wurde, kann sich nun auf DSVII freuen.

Inspiriert von Computerspielen der 80er Jahre und ihren Soundtracks hat sich M83 an eine zweite Ausgabe des Schattenprojekts gemacht und präsentiert diese nun als wesentlich „ambitionierter und fortgeschrittener“ als noch die erste: „With Digital Shades Vol. 2, I wanted to come back with something stronger that featured the depth of a proper studio album without the pressure of providing pop music.“ In diesem Sinne scheint Gonzalez viel Mühe und Zeit in etwas gesteckt zu haben, was das heutige gewöhnliche Ohr fast befremdlich finden muss. Synthie-Pioniere wie Brian Eno hingegen dürften ihre Freude haben.

Anders als auf Vol. I ist das ganze Album vollständig mit analogen Geräten entstanden. Neben allerlei Keys sind dabei auch immer wieder Gitarren und vereinzelt Drums zu hören. Insgesamt sind die Digital Shades Vol. II damit wesentlich rhythmischer als zuvor. Es dominieren verträumte Piano Pattern mit durchdringenden Synthiemelodien und Synthiechören, die kleine Bildschirme, genauso wie Kinosäle oder ganze Konzerthallen füllen können. Gonzales nimmt uns mit auf eine Reise durch Science-Fiction- und Fantasywelten, meist sehr gefühlvoll wie in Oh Yes You’re There Everyday, selten aber auch chaotisch und spannend wie in Lune de fiel, was wohl eher in Richtung Endgegner geht.

Die Songtitel erinnern an die Beschreibung einzelner Spielsituationen, die von den ausgefeilten und komplexen Kompositionen ausgeschmückt werden: Während die Protagonisten in Hell Riders auf dem Weg zu ihrem nächsten Stopp in einem Fantasy-Universum sind, wird in Goodbye Captain Lee der Abschied eines befreundeten Kriegers begangen, bevor in Meet The Friends die heimelige Atmosphäre der Ankunft nach einem Abenteuer erklingt. Episch, bedrohlich, traurig – Gonzales traut damit dem Hörer unendliche Fantasie zu, der sich auf diese Weise seine eigenen Welten erschaffen kann.

Auch wenn viele der einzelnen Sounds so klingen, wie sie vor Jahrzehnten aus kleinen Spielapparaten gekommen sind, ist der Gesamteindruck trotzdem nicht knarzig und retro, sondern auf verblüffende Weise zeitlos. Die Harmonien und Melodien zielen mit ihrer Wärme direkt auf die emotionalen Sensoren und selbst, wenn man sich fragt „Was soll das Ganze?“, selbst dann wird kaum jemand abstreiten, dass hier eine musikalische Schönheit entstanden ist. Mit dem Wissen, dass nichts davon digital kreiert wurde, strahlt sie sogar noch mehr. Gonzalez versucht auf seiner neuen Platte eben mal nicht Klangteppiche von digitaler und galaktischer Weite zu produzieren, sondern komponiert schönste ausgefallene Musik.

Das Besondere daran ist, dass jedes Stück nach Weltraum und Geheimnis und doch so sehr menschengemacht klingt. Ob DSVII nun wieder zu einer B-Seite wird? Man weiß es nicht. Fest steht, dass M83 einmal mehr bewiesen hat, dass sein musikalisches Verständnis und seine Kreativität wenige Grenzen kennen und man sich hoffentlich auf viele weitere Schattenprojekte freuen kann.

M83 – Digital Shades Vol. 2
VÖ: 20. September 2019, Naïve Records
www.ilovem83.com
www.facebook.com/m83

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