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Veröffentlicht am 1.11.2019 | von Anne Beier

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SUDAN ARCHIVES – Athena


Foto-© Alex Black

Just be glory in the name of the dollar
Just be holy in the name of the father
The white man ain’t tryin’ to pay me proper
I’m trying to get a ring for my baby momma

(Sudan Archives – Glorious)

Schon mit ihren EPs Sudan Archives (2017) und Sink (2018) schaffte es Brittney Parks, aka Sudan Archives, den Blick auf ein Streichinstrument mit verstaubtem Image zu verändern. Heute erscheint ihr Debütalbum Athena. Sudan Archives ist eine Avantgarde-Geigerin, die ihr Instrument vollkommen in ihren Dienst stellt und mit ihm Songs zwischen westafrikanischem Rhythmus, sudanesischem Folk, R’n’B und experimentellem Beatmaking erschafft. Ihre Liebe zu Musik entdeckte Brittney schon in ihrer Kindheit, als ihre Familie oft umzog und sie Halt in der Religion und in der Kirchenmusik fand. Sie lernte Geige auf eigene Faust und behielt diese komplett eigennützige Spielweise bei. Parks zog von Cincinnati nach Los Angeles und fing an, sich mit Musikethnologie zu beschäftigen. Sie fand ihren Namen, Sudan Archives, wühlte sich durch Archive und begann, die musikethnologischen Entdeckungen auch in ihre Musik einfließen zu lassen. Rückblickend fühlten sich ihre beiden EPs eher „wie ein Haiku von dem, was das Album ist“, an, so Sudan. Athena sei „viel direkter, viel streitlustiger – und das zeigt auch, wie ich als Künstlerin gewachsen bin.“ Was die Platten verbindet, ist ihr entschlossener individueller Klang, beeinflusst durch die elektronischen Experimente des Kameruners Francis Bebey. Arbeitete sie vorher überwiegend allein, öffnete sie für das Album ihren Kreis und arbeitete mit den ProduzentInnen Wilma Archer (Jessie Ware, Nilüfer Yanya), Washed Out, Rodaidh McDonald (The xx, Sampha, King Krule) und Paul White (Danny Brown, Charli XCX). Das Debütalbum entstand schließlich aus rund 60 Songideen, von denen sie letztlich 14 Tracks ausgewählt hat.

Auf Athena zeigt Sudan Archives nicht nur eine innere Vielfalt an Einflüssen, sondern auch viele künstlerische Facetten zwischen den Songs. Das reicht von dem minimalistischen Pizzicato, der gezupften sudanesischen Geige des Openers Did You Know zu dem sinnlichen letzten Song Pelicans In The Summer, der durch rhythmische Experimente und Verzerrungen wie ein schwüler Sommertag wirkt. Tracks wie die vorab veröffentlichte Single Confessions sind Ohrwürmer mit Message. Die westlichen klassischen Streicher legen sich über einen modernen Song, der inhaltlich das persönliche Exil und die Identität als schwarze Frau in den USA behandelt: „There is a place that I call home / But it’s not where I am welcome / And if I saw all the angels / Why is my presence so painful?“ Daneben stehen Partysongs wie Glorious, in denen die Geige nordafrikanische Motive über die Hip-Hop-Beats legt. Sanfte Töne gibt es im Breakup-Song Iceland Moss – hier wird der sonst so abwechslungsreichen Sound des Albums klar und pur. Dagegen steht der verschleppte Rhythmus von Black Vivaldi Sessions mit futuristischen Klangelementen und fast schon hypnotischen Vocals, die sich auch in Coming Up manifestieren und zeigen, dass vielschichtige Musik nicht durcheinander sein muss.

Dass auf Athena jedes Detail mit Bedacht gewählt wurde, zeigt auch der Titel, der von Martin Bernals Werk Black Athena über den ägyptischen Einfluss auf das antike Griechenland inspiriert wurde. Auf dem Cover nimmt Sudan Archives die Pose einer griechischen Göttin aus Bronze ein. Sie überlässt auf ihrem Debütalbum nichts dem Zufall. Die bedeutungsschwangeren und detailliert ausgearbeiteten Klänge vermischen sich mit einer hochaktuellen Diskussion über Identitäten, Fragen von Recht und Unrecht und der Dualität von Fremd- und Eigenwahrnehmung. Mit der aufwändigen Produktion verliert Sudan Archives etwas von der Radikalität ihrer EPs, zeigt aber ihr künstlerisches Potenzial bis ins letzte Detail. Athena klingt künstlerisch und spannend, ohne sich so weit vom Mainstream zu entfernen, dass es nur eine Platte für LiebhaberInnen ist. Die Vielfalt und die künstlerische, sehr individuelle Herangehensweise ihrer Arbeit macht Sudan Archives zu einer der interessantesten aktuellen KünstlerInnen.

Sudan Archives – Athena
VÖ: 01. November 2019, Stones Throw Records
www.sudanarchives.com
www.facebook.com/thesudanarchives

Sudan Archives auf Tour in Deutschland:
12.11. Säalchen, Berlin
13.11. CBE, Köln
14.11. Rote Sonne, München

YouTube video

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