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Veröffentlicht am 20.01.2020 | von Christian Weining

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OEHL – Über Nacht

Foto-© Alexander Gotter

Dort hin, wo ich hin will
Fährt keine Bahn
Kein freundliches Gesicht
Nur der Fährmann
Was würd‘ ich geben dort
Orpheus zu sein
Wer sich zu früh umdreht
Verfällt dem Schein

(Oehl – Über Nacht)

„Eigenständig, klug und künstlerisch besonders“, so bezeichnet Herbert Grönemeyer sein neues Labelmitglied Oehl. Mit Über Nacht bringt das isländisch-österreichische Duo am 24. Januar sein Debütalbum bei Grönland Records heraus. Grönland Records, Herbert, Oehl, Island, Österreich…das klingt nach Lyrik, das klingt nach Kunst und das klingt auf den ersten Ton bemerkenswert.

Ariel Oehl und Hjörtur Hjörleifsson, die sich auf einer Party in Salzburg kennenlernten, ergänzen sich auf eine für das Ohr aufregende Art und Weise: Poetische und schwermütige Texte treffen auf leichte, raffinierte Beats und Ohrwurmrefrains. Und sie scheinen die richtigen Register zu ziehen! Was dabei rauskommt sind nicht die nächsten Deep House/Chill/Loopstation Nummern und auch keine simplen Deutsch-Pop Eintagsfliegen, sondern tiefgründiger, locker flockiger Pop mit düsterer Grundhaltung für verheißungsvolle Nächte und trübe Vormittage. Es sind Synthies, auffällig analoger Bass, Melodiegitarre und Drums, die hier die Basis bilden und ab und zu mit kleinen Experimenten, u.a. einer japanischen Koto verziert werden. Der Sound ist sehr analog und durchsichtig, mit allerlei Details an allen Ecken und Enden. Ariel Oehls Gesang schwebt dabei sehr sanft und wenig aufbrausend über den Beats, erinnert im Stil tatsächlich an den flüsternd nuschelnden Labelkollegen Philipp Poisel.

Mit einem minimalistischen und intelligenten Opener (Bisher), der seiner Funktion nicht besser gerecht werden kann, startet eine kleine Reise durch deutschsprachige Gedichtbände und isländische Landschaften. „Sag hörst du nicht die Hunde bellen, wenn sie vor lauter Angst nicht mehr essen? Sag siehst du den Erlkönig nicht, wie er über uns hereinbricht?“ Irgendwie genial.

Darauf folgt Keramik, ein erster Hit, der auch schon als Single von sich reden gemacht hat, nicht zuletzt auch durch Caspers wohlwollendes Urteil. Es geht um die Ängste und Freuden, die ein werdender Vater mit sich herumträgt. Hier wird durch den Unterschied in der Ästhetik von Text und Musik schon gleich diese ungewöhnliche und ziemlich reizvolle Spannung zwischen Melancholie und Leichtigkeit präsent, die sich durch das ganze Album zieht.

Nicht weniger hitverdächtig sind Wolken und Über Nacht. Ersteres ein absoluter Ohrwurm über Trennung mit Feelgood Beat und textlich wieder genial: „Diese Wolken haben’s mir angetan, sie halten mir die Sonne vom Leib. Wenn Sie dann fort sind, ist es schon dunkel hier. Dann werd‘ ich wieder zu Staub bei dir.“

Über Nacht mit einem Reggae-Dub Beat und gefühlter Panflötenmelodie klingt so ungewöhnlich lässig für deutsche Musik, dass man nur staunen kann, wie gut Oehl deutsche Lyrik hier so überzeugend und unprätentiös unterkriegen. Daran kann man sich fast nicht satt hören. Andere Stücke wie Fluchtpunkte oder Himmel sind etwas sperriger, doch hat man das Gefühl, dass sie sich bei diesen Nummern kreativ fast noch mehr ausleben. Ins Gesamtbild des Albums passen sie allemal.

„Rilke ist seit über 70 Jahren tot, man muss also niemanden etwas zahlen. Wenn man von Popmusik erwartet, mit werbeähnlichen Plattitüden oder mit Poesiealbum-Prosa bedient zu werden…Ich setze Erwartungen lieber höher. Wenn man heute Autoren als Raubritter bezeichnet, dann suche ich lieber in Schätzen aus Hunderten Jahren deutscher Sprache und bediene mich nicht im Elektronikladen um die Ecke.“

In dieser Aussage von Oehl liegt eine klare Ansage, die sich gut in Hinblick auf das gesamte Album verstehen lässt: Sie haben Ansprüche an und Vorstellungen von der Kunst, die sie machen, meinen ernst was sie tun und nehmen sich selbst ernst dabei. Der Unterschied zwischen ihnen und vielen anderen Deutsch-Pop-Debütanten ist, dass sie das auf ihrer ersten Platte schon gleich 11 Stücke lang beweisen. In Über Nacht liegt der sprachliche Zauber einer vergangenen Zeit und musikalisch kreative Feinarbeit, die paradoxerweise 2020 bei allen zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten gar nicht mehr selbstverständlich ist. Hut ab!

Oehl – Über Nacht
VÖ: 24. Januar 2020, Grönland Records
www.oehlmusic.com
www.facebook.com/oehlmusic

Oehl Tour:
14.02.2020 Milla, München
15.02.2020 Club Cann, Stuttgart
17.02.2020 Centralstation, Darmstadt
18.02.2020 Stereo, Nürnberg
19.02.2020 Lagerhaus, Bremen
20.02.2020 Hafenklang, Hamburg
21.02.2020 Kantine im Berghain, Berlin

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