Kritik

Veröffentlicht am 10.02.2020 | von Malte Triesch

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BOMBSHELL – Filmkritik

Foto-© Wild Bunch Germany

No crying at Fox

(Jess Carr – Bombshell)

Gretchen Carlson (Nicole Kidman), Nachrichtensprecherin bei Fox News, beschließt sich gegen die erniedrigende und von sexueller Ausbeutung geprägte Kultur des Senders zu wehren, indem sie versucht den Hauptverantwortlichen, den Präsidenten des Senders Roger Ailes (John Lightow), zu Fall bringt. Um dies zu schaffen ist sie jedoch auf die Unterstützung weiterer Frauen, die sich trauen ihre Karriere zu riskieren, um auf die Missstände aufmerksam zu machen, angewiesen. Diese Mitstreiterinnen versucht sie unter anderem in dem Star des Senders Megyn Kelly (Charlize Theron) und der frisch eingestellten Kayla Pospisil (Margot Robbie) zu finden.

Mit Little Women, Birds of Prey: And the Fantabulous Emancipation of One Harley Quinn (jede Gelegenheit den grandiosen Titel auszuschreiben sollte genutzt werden!) und Bombshell buhlen gleich drei, zugegeben sehr unterschiedlich geartete, Filme um starke, sich emanzipierende Frauengruppen derzeit um die Gunst der Zuschauer im Kino. Während Birds of Prey: And the Fantabulous Emancipation of One Harley Quinn (okay zweimal reicht) dies im Superhelden-Genre wortwörtlich mit dem Holzhammer versucht, zeigt Little Woman als Verfilmung des klassischen Romans mit seinem historischen Setting, dass dieser Kampf um Gleichbereichtigung kein neues Thema ist. Bombshell hingegen macht erschreckend klar, dass die Probleme real und leider immer noch aktuell sind. 

Die Besetzung lässt Großes hoffen und alle drei Damen überzeugen auf ganzer Linie. Einzig Nicole Kidmans Make-Up wirkt ein wenig irritierend, da man irgendwie immer noch Kidman spürt aber Gretchen Carlson sieht. Das Sehvergnügen, denn trotz der ernsten Thematik und teilweise abstoßenden Szenen macht der Film besonders im ersten Drittel noch richtig Spaß, hängt dabei zu einem gewissen Teil davon ab, wie bewandert man in der Gemengelage der amerikanischen Politik ist. Auch wenn Trumps Wahlkampf nicht der Hauptstrang der Handlung ist, so ist dieser und die Hintergründe von Republikanern und Demokraten doch eng mit der Geschichte verflochten. Bombshell startet zwar mit einer grandios inszenierten, erklärenden Montage, in der, ähnlich wie in The Big Short, Megyn Kelly direkt mit dem Zuschauer spricht und die Ausgangssituation schildert – ab dann ist der Zuschauer jedoch größtenteils sich selbst überlassen. Passt aber, denn am Ende ist die Politik eben doch nur der Hintergrund, während der Fokus auf die unerträgliche aber alltägliche sexuelle Belästigung gelegt wird. Regisseur Jay Roach etabliert diese sehr geschickt ab Szene eins als so selbstverständlich, dass sie bei all den oberflächlich zunächst sehr sympathischen Charakteren kaum negativ hervorstößt, um dann mit einer wirklich unangenehmen Szene zu schockieren und alles bisher Gesehene in ein ganz anderes, abstoßendes Licht zu rücken. 

Ein wichtiger und spannender Film, der von seinen weiblichen Protagonisten aber auch dem männlichen Antagonisten getragen wird. John Lightow kann wie kaum ein anderer zwischen dem sympathischen Patriarchen und widerwärtigen Creep springen. Wer einen reinen Politik- oder Wirtschafts-Thriller sucht, ist bei dem erwähnten The Big Short sicher besser aufgehoben, während Romantiker Little Women den Vorzug geben sollten. Wer sich aber mit dem Ursprung der #metoo Bewegung auseinandersetzen mag und zumindest ein wenig Politik interessiert ist, sollte Bombshell in Betracht ziehen. Im besten Fall ist es keine Entweder-oder Entscheidung, denn absolut sehenswert sind beide Filme, sieht man über die konfuse Handlung hinweg vielleicht sogar auch noch Birds of Prey. Allen gemein ist die Botschaft, dass Frauen nicht vor eine Wahl zwischen Karrieren oder X gestellt werden dürfen, egal ob dies etwas ebenfalls Erstrebenswertes wie Familie ist oder etwas verwerfliches wie die Aufgabe der sexuellen Selbstbestimmung ist. Sie verdienen ganz einfach alle Möglichkeiten und Optionen, die auch Männer haben und müssen als Menschen und ambitionierte Charaktere betrachtet werden und nicht als hübsches Accessoire in einer Nachrichtenshow, einem Kostümdrama oder einem Superhelden Team.

Bombshell  (US 2019)
Regie: Jay Roach
Cast: Charlize Theron, Nicole Kidman, Gretchen Carlson, Kayla Pospisil, Roger Ailes, Jess Carr
Kinostart: 13. Februar 2020, Wild Bunch Germany

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Über den Autor

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.



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