Kritik

Veröffentlicht am 3.04.2020 | von Malte Triesch

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COMA – Filmkritik

Du darfst nicht aufwachen! Du bist jetzt hier im Koma, daran kannst du nichts ändern.

(Fly – Coma)

Viktor (Rinal Mukhametov) erwacht, komplett ohne Erinnerungen, in einem Apartmentzimmer. Wortwörtlich aus dem Zusammenhang gerissen, fehlen auch manche Teile der Umgebung komplett. Türe, Wände, Möbel, alles ist von pockenartigen Löchern durchzogen. Ein Blick aus dem Fenster zeigt, dass dieses Phänomen keineswegs auf das Apartment beschränkt ist. Die ganze Welt ist augenscheinlich auseinandergerissen und per Zufall zu einem Konstrukt, das an ein neuronales Netzwerk erinnert, wieder zusammengesetzt worden. Dabei trotzt die neue Zusammensetzung gänzlich den Gesetzen der Schwerkraft. Ein Blick in den Himmel zeigt Gebäude, Straßen und Bäume, die sich dem neuen Synapsen- Konstrukt folgend in alle Richtungen erstrecken. Bei diesem fantastischen Anblick dauert es ein wenig bis Viktor auffällt, dass die Welt nahezu bar jeglichen Lebens ist. Sein einsamer Ausflug durch die verlassenen Straßen wird jedoch schnell durch das Auftauchen von drei, bis an die Zähne bewaffneten Fremden, unter ihnen der kriegerische Phantom (Anton Pampushnyy) und die schöne Fly (Lyubov Aksyonova), die offensichtlich auf der Flucht sind und Viktor scheinbar widerwillig mitnehmen. Ihnen direkt auf den Fersen ist ein Reaper, ein scheinbar unaufhaltsames Monster mit leuchtend gelben Augen, welches seinen scheinbar aus schwarzem Teer bestehenden Körper nahezu beliebig verformen kann. Dem Reaper mit knapper Not entkommen, wird Viktor zu der restlichen Gruppe von Überlebenden geführt. Dort eingetroffen eröffnet ihm der augenscheinliche Anführer Yan (Konstantin Lavronenko), dass sie alle sich im Koma befinden. Im Koma, so Yan, verfüge jeder über spezielle Fähigkeiten. Schon am nächsten Tag soll Viktors Training beginnen um seine Fähigkeiten zu erwecken, so dass er seinen Beitrag zum Kampf gegen die Reaper leisten kann.

Von der ersten Szene an drängen sich beim Coma die Vergleiche zu Matrix (1999) und Inception (2000) auf. Nahezu alle Aspekte des Films, vom visuellen Look über das gedankliche Grundkonzept bis hin zum konkreten Verlauf der Geschichte, lassen sich auf einen der beiden Filme zurückführen. Hinzu kommt eine gute Prise Videospiel-Ästhetik, besonders auffallend bei den Reapern und den Action-Szenen. Dies gibt sich teilweise als liebevolle Hommage, wenn Viktor im Rebellencamp angekommen sogar ein nahezu identisches Shirt zu dem frisch aus der Matrix befreiten Neo trägt. Oft wirkt es jedoch, wie zum Beispiel beim Design der Welt, mit den sich in alle Richtungen erstreckenden Wolkenkratzern, als schlichte Kopie, in diesem Beispiel von Inception. Auch einige der Figurennamen scheinen per Copy und Paste aus der Matrix in Coma eingefügt worden zu sein, das geht sogar bis hin zu den kurzen englischen Spitznamen wie Tank und die bereits erwähnten Fly und Phantom. Das was Coma an Eigenständigkeit mitbringt, kommt somit zu einem großen Teil daher, dass es eine russische Produktion ist. Wirklich auffällig ist dies jedoch nur, wenn man den Film in der Originalversion schaut. Denn sowohl die Darsteller, als auch ein Großteil der Szenarien sind sehr eindimensional und international gehalten. Eine russische Lagerhalle ist eben auch nur eine Lagerhalle.

Visuell profitiert der Film davon, dass Regisseur Nikita Argunov aus der CGI-Effekt Branche kommt. Der Look des Films ist, besonders ob des sehr moderaten 4 Millionen USD Budgets, klar sein Highlight und muss sich nicht hinter wesentlich größeren Produktionen verstecken. Auch wenn viel kopiert ist, sieht der Film einfach verdammt gut aus und vermischt die Vorbilder zu sehr harmonischen und interessanten Bildern. Neben reinen Effekten hat Nikita Argunov auch schon Erfahrungen als Produzent z.B. bei Guardians (2017), der russischen Variante der Avengers oder dem Sci-Fi Film Survival Game (2016) sammeln können. So überrascht es wenig, das auch Coma sich optisch wie inhaltlich zunächst wie ein großer US Sommer Blockbuster anfühlt. Es ist jedoch der erste Film, zu dem er auch noch das Drehbuch geschrieben hat. Genau hier zeigen sich leider die größten Schwächen. Dieses bietet nämlich neben einer Hommage an die großen Vorbilder leider nur ein Konstrukt an Erinnerungen, das die Design-Setpieces zusammenhält. Das ist besonders schade, denn aus dem abgeänderten Grundkonzept, sich im Koma zu befinden und nicht in der virtuellen Realität oder den Träumen anderer, ergeben sich durchaus viele spannende Ansätze. Wer sind die Reaper? Warum sind nur so wenige Menschen hier, was verbindet diese und warum haben sie besondere Fähigkeiten? Warum ist die Welt voller Lücken? Leider bleibt es hier bei interessanten Ansätzen, denn die Antworten werden entweder schlicht ausgesprochen oder komplett ausgespart. Raum zum Philosophieren wird dem Zuschauer kaum gelassen.

Somit zeigt Coma leider nur, dass aus Russland Filme auf Augenhöhe zum US-Blockbuster Kino kommen könnten. Hardcore Fans des russischen Kinos oder der beiden Vorbilder können dennoch ruhig einen Blick riskieren, sollten aber nicht zu viel erwarten. Vielen neuen Impulsen wird man im Koma eben nicht ausgesetzt, sondern verarbeitet Erinnerungen an vergangene Zeiten und hofft, dass man bald aufwacht. In diesem Fall nach 111 Minuten. Unter diesem Meta-Aspekt vielleicht doch ein wegweisender Film?

Coma (RU 2019)
Regie: Nikita Argunov
Besetzung: Rinal Mukhametov, Lyubov Aksyonova, Anton Pampushnyy, Konstantin Lavronenko, Polina Kuzminskaya, Vilen Babichev, Milos Bikovic
Heimkino VÖ: 3. April 2020 (außerdem seit 20. März bei Amazon Prime im Streaming), capelight pictures

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Über den Autor

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.



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