Kritik

Veröffentlicht am 1.04.2020 | von Malte Triesch

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DEUTSCHSTUNDE – Filmkritik


Foto-© Georges Pauly

Brauchbare Menschen müssen sich fügen, mein Junge.

(Jens Ole Jepsen – Deutschstunde)

Die trostlose Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein karges Klassenzimmer in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche. Ein Aufsatz mit dem Thema „Die Freuden der Pflicht“. Ein Stapel leerer Blätter liegt vor dem jungen Siggi Jepsen (Tom Gronau), dessen Gesichtsausdruck ebenso leer ist. Die Blätter bleiben leer und Siggi wird zur Strafe in Einzelhaft gesperrt, bis er den Aufsatz fertig schreibt. Es ist jedoch nicht so, dass Siggi sich dem Thema verweigert oder gar nichts zu sagen hätte zu den Freuden der Pflicht. Tatsächlich hat er so viel dazu zu sagen, dass er keinen Anfang finden konnte. Und so bleibt er freiwillig in Einzelhaft, um alle seine Gedanken niederzuschreiben. Über seinen Vater, Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen), der während des Zweiten Weltkriegs blindlings seinen Pflichten als Polizist gefolgt ist. Über seinen Bruder Klaas, der an die Front gezogen war. Und über seinen Patenonkel Max (Tobias Moretti), dem Künstler, der das System hinterfragt und die Menschlichkeit in den Vordergrund stellt. Vor allem aber seine eigene Geschichte, die des jungen Siggi (Levi Eisenblätter), der seinen eigenen Weg und seine eigenen Werte in diesen schwierigen Zeiten finden musste.

Deutschstunde ist kein einfacher Film. Das erwartet, ob der Thematik, dem geschichtlichen Hintergrund und der Romanvorlage von Siegfried Lenz wohl auch Niemand. Mit 130 Minuten Laufzeit ist auch von Anfang an klar, dass man sich für diesen Film wortwörtlich Zeit nehmen muss. Soviel vorweg, es lohnt sich. Beginnen wir mit dem geschichtlichen Hintergrund. Der Zweite Weltkrieg ist im deutschen Kino alles andere als unverbraucht – Deutschstunde schafft es jedoch einen Aspekt zu beleuchten, der recht unverbraucht ist. Die omnipräsente Bedrohung, täglich spürbar, obgleich die tatsächliche physische Gefahr weit entfernt ist. Die norddeutsche Kleinstadt in der Deutschstunde primär spielt liegt fernab „der Hauptstadt“ und dem tatsächlichen Kriegstreiben und dennoch liegt eine unglaublich bedrohliche Schwere über dem kompletten Alltag der Bürger. Opulente Kamerafahrten über die an sich wunderschönen norddeutschen Strände und Dünen wirken kalt und menschenfeindlich. Musik wird nur sehr spärlich und pointiert eingesetzt. Auch die Ausstattung ist dabei über jeden Zweifel erhaben und muss sich in keiner Weise vor großen internationalen Produktionen verstecken. Wenig überraschend hat doch Regisseur Christian Schwochow neben deutschen TV-Produktionen sowohl Kino (Die Unsichtbare, 2011) als auch internationale Erfahrung (The Crown, 2016).

Einzig die Einsätze der Schauspieler wirken, wie so oft im deutschen Schauspiel, etwas theatralisch. Wenn sie erst einmal im Redefluss sind, passt alles wunderbar, aber auf dem Weg dahin wirkt es oft ein wenig als zählen sie gedanklich bis fünf und warten auf ihren Einsatz. Davon abgesehen gibt es schauspielerisch eigentlich nur positives zu vermelden. Allen voran der in seinem eigenen Pflichtbewusstsein gefangene Vater, gespielt von Ulrich Noethen, der zumindest anfangs noch ab und zu durchblicken lässt, dass er vielleicht doch gerne anders handeln würde, aber einfach nicht mehr über seinen Schatten springen kann und irgendwann auch nicht mehr will. An seiner Seite Sonja Richter als Mutter Gudrun, weniger dem System hörig, aber eben auch nicht bereit offen gegen ihren Ehemann aufzubegehren. Echte Wärme strahlen die ältere, rebellische Schwester Hilke (Maria Dragus), vor allem aber der Patenonkel Max (Tobias Moretti) und seine Frau Ditte (hinreißend gespielt von der aus Die Päpstin bekannten Johanna Wokalek). Zwischen all dem steht Siggi. Introvertiert, verängstigt und mit hochgezogenen Schultern und wird viel zu früh dazu gezwungen sich für oder gegen Menschen zu entscheiden. Zwischen Freundschaft und vermeintlicher Pflicht zu wählen.

All dies wird von Regisseur Christian Schwochow glaubhaft und authentisch inszeniert. Auch die Zeitsprünge zwischen dem jungen und alten Siggi fügen sich harmonisch zusammen. Sie ergänzen den Spannungsbogen ohne dabei aus dem Erzählfluss zu reißen. Dies ist sicher auch dem Drehbuch bzw. der guten Zusammenarbeit mit der Autorin geschuldet. Das war, wie schon bei Die Unsichtbare und seinem anderen Spielfilm Marta und der fliegende Großvater (2006), die Mutter des Regisseurs, Heike Schwochow, ihres Zeichens Autorin und ebenfalls Regisseurin. Entstanden ist dabei ein Film, der sehr zum Nachdenken anregt und mit seinen ruhigen Bildern viel Raum zum Nachdenken gibt. Damit passt er sowohl inhaltlich als auch technisch perfekt in das aktuelle Zeitgeschehen, welches den meisten von uns viel Raum zur Reflektion lässt, ja teilweise abverlangt. Wer also Deutschstunde in seiner Schulzeit verpasst hat oder von dem Werk so begeistert war, dass er es gerne noch einmal auf rauen norddeutschen Hochglanz poliert genießen möchte, der sollte sich die Zeit für gut zwei Stunden Nachsitzen nehmen.

Deutschstunde (DE 2019)
Regie: Christian Schwochow
Cast: Ulrich Noethen, Levi Eisenblätter, Tom Gronau, Johanna Wokalek, Tobias Moretti, Sonja Richter, Maria Dragus, Louis Hofmann
Heimkino-VÖ: 3. April 2020, capelight pictures

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Über den Autor

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.



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