Kritik

Veröffentlicht am 8.04.2020 | von Malte Triesch

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HUSTLERS – Filmkritik

 „It’s all a strip club, you have people tossing the money and people doing the dance.“

 (Ramona – Hustlers)

Destiny (Constance Wu) ist Asian american und hauptberuflich Stripperin. Ihren wahren Namen erfahren wir nicht, einen Einblick in ihr eigentliches Leben hingegen schon. Inspiriert von wahren Begebenheiten startet „Hustlers“ in einem New Yorker Strip Club in 2007. Schnell wird klar, dass hinter dem strahlenden Äußeren des Clubs harte Arbeit, viel Schatten und eine klare Hierarchie, mit Stripperinnen an unterster Stelle, steht. Nach Abgaben an den Club und Schmiergeld für die Türsteher bleibt wenig übrig. So lebt Destiny nicht „Downtown“, sondern nimmt den Bus in die Vorstadt. Dort lebt sie gemeinsam mit ihrer Oma (Wai Ching Ho) und hat ob der langen Anreise kaum Zeit den fehlenden Schlaf der langen Nächte aufzuholen. Destinys Stand in der Hierarchie ändert sich jedoch schlagartig nachdem Ramona (Jennifer Lopez), der Star des Clubs, sich ihrer annimmt. Sie lernt neben oberflächlichen Striptease Lektionen, wie man das Klientel ausspielt, wem man wie das Geld aus der Tasche zieht und wen man tatsächlich schmieren muss. Die Masche geht auf, so lange das Geld locker sitzt, aber damit ist es nach dem Börsencrash 2008 vorbei. Mit dem Rücken zur Wand machen sich eine Gruppe von Stripperinnen mit Ramona und Destiny als Strippenzieherinnen auf, ihren früheren Wall Street- Kunden dennoch das Geld aus der Tasche zu ziehen. 

Hustlers lockt zunächst mit dem unnötigen Marketing Jennifer Lopez, mittlerweile Anfang 50, richtig sexy tanzen zu sehen. Wer jedoch mehr in dieser Richtung erwartet, wird genau wie bei dem Besuch eines respektablem Strip Clubs (dem Hören und Sagen nach, anm. des Autors) enttäuscht. Hustlers ist kein Striptease- Film, sondern ein Film, dessen Protagonistinnen Stripperinnen sind, mit einem Plot so vielschichtig wie die Charaktere eben selbst. So ist es einerseits eine Schande (für ihn), dass Scorsese das Script abgelehnt hat und andererseits ein Segen (für den Film), dass an seiner statt die bisher zumindest in der Regie von Kinofilmen noch unerfahrene Lorene Scafaria die Regie übernommen hat. Denn an sich wäre Hustlers genau Scorseses Ding. Ein klassisches Crime Drama, wie Casino und Good Fellas, nur eben von und mit Frauen. Anders als der Genderswap Film Oceans 8 (2018) ist die weibliche Perspektive hier aber kein Gimmick, sondern tief mit der Thematik verwoben. Es werden realistische Charaktere gezeichnet, nicht beschränkt auf aber angereichert dadurch, dass sie nicht „nur“ Frauen, sondern Mütter, Töchter oder Großmütter sind. Die knapp zweistündige Show beginnt zwar mit einem Striptease, so richtig los geht der Film aber nicht, wenn Jennifer Lopez sich auszieht, sondern wenn sie später auf dem Dach des Clubs die unterfahrene Destiny, noch in „Arbeitsuniform“, unter ihren Pelzmantel nimmt und verspricht ab heute auf sie aufzupassen. Es sind schöne Marketing Anekdoten, dass Wu auf ihrem Method- Acting Ausflug in die Stripperwelt über 600,- USD an ihrem ersten Abend verdient hat und Jennifer Lopez, ohnehin eine begnadete Tänzerin, für ihre Performance monatelang Poledance trainiert hat. Darum geht es jedoch nicht. Auch kann man viel über und vor allem gegen Pelzmäntel sagen, aber kaum jemand wird sich der Geborgenheit, die das Bild auf dem Dach des Clubs ausstrahlt, entziehen können. Die Performance von und Chemie zwischen den beiden ist dabei über jeden Zweifel erhaben und sorgt ganz nebenbei auch noch für viel auflockernden Humor. Ein Glücksgriff, war zum Casting Zeitpunkt noch nicht abzusehen, dass Constance Wu durch „Crazy Rich Asians“ eine der angesagtesten Schauspielerinnen werden würde. In der Nebenrolle als herzliche chinesische Großmutter begeistert ebenso Wai Ching Ho, vielen bekannt als die knallharte Madame Gao aus Dare Devil. Auch Settings und Inszenatorik überzeugen trotz des geringen Budgets von ca. 20 Millionen USD komplett. Wohl auch weil in einem echten Long Island Strip Club gedreht wurde, primär aber sicher weil es ein Herzensprojekt war und niemand übertriebene Gagen aufgerufen hat. 

Gewaltexzesse, wie bei anderen Crime Dramen üblich, erwarten den Zuschauer zwar nicht, aber, dass der Film bei so viel nackter Haut und Drogenkonsum mit einer Altersfreigabe ab 12 durchgekommen ist, kann nur daran liegen, dass die FSK ihn als künstlerisch wertvoll erachtet. Auch wenn nicht die Klasse der eingangs erwähnten Scorsese Klassiker erreicht wird, hat Hustlers somit genug Alleinstellungsmerkmale um sich zu differenzieren. Nebenbei stellt der Film auch noch die Frage in den Raum ob bzw. zu welchem Grad die Verbrechen der Frauen wirklich verwerflich sind? Ist es okay von denen zu stehlen, die andere erniedrigen und deren Reichtum auf dem Ausbeuten schwächerer und Ausnutzen von Lücken im System basiert? Sehenswert für Fans des Genres, des Milieus und spannend gezeichneten Charakteren.

Hustlers (US 2019)
Regie: Lorene Scafaria
Cast: Constance Wu, Jennifer Lopez, Julia Stiles, Mette Towley, Wai Ching Ho, Mette Towley, Keke Palmer, Cardi B.
Heimkino Release 10.04.2020

YouTube video

 

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Über den Autor

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.



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