Reviews Owen © Atiba Jefferson

Veröffentlicht am 11.06.2020 | von Andreas Peters

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OWEN – The Avalanche


Foto-Credit © Atiba Jefferson

Let me be anything but a boy or in love
It’s a double-edged word
Both sides will cut you clean
I too often forget if I’m in or out of it
I bleed the most
I turn my blood into poetry
That’s why I need to know what she sounds like when she sings

(Owen – A New Muse)

Das Schaffen von Mike Kinsella in den vergangenen Jahren war nicht weniger als richtungsweisend für ein ganzes musikalisches Genre. Angefangen von Cap’n Jazz über Joan of Arc bis hin zu dem stilbildenden Sound mit American Football, die nach der einschneidenden Debütplatte 1999 erst viele Jahre später mit ihr Zweit- und Drittwerk veröffentlichten und zunehmend in den Fokus von Kinsellas Wirken rückten. Die vertraute, innere Welt des einfühlsamen Künstlers entfaltet jedoch ihren vollen Schein erst mit seinem langjährigen Soloprojekt Owen, das zuletzt 2016 The King of Whys veröffentlichte. Bereits das zehnte Werk dieser Formation, präsentiert Kinsella nun mit The Avalanche einige seiner ehrlichsten, fragilsten und von Schönheit nur so durchdrungenen Stücke, die gemeinsam mit dem Produzenten Sean Carey (Bon Iver) und Zach Hanson (The Tallest Man On Earth, Waxahatchee) in Eaux Claire, Wisconsin aufgenommen wurden. 

Wie eine ausladende tönende Landschaft präsentiert sich The Avalanche vom ersten Akkord an und ist dabei so mitreißend, wie es der Titel der Platte bereits glauben lässt. Auch wenn immer recht düster und mitunter voller tragischer Noten, scheint doch aus jedem Stück eine Schönheit heraus, die die Schwere der Songs gut einbettet. Die gefühlvolle Instrumentierung – oft nur mit akustischer Gitarre und mit verhaltener rhythmischer Unterstützung – ist es dann auch, die uns nicht in der Schwermut der Lieder versinken, sondern den Fall in die Tiefe immer nur erahnen lassen. Mit A New Muse gleich zu Beginn zeigt sich dieser Tanz zwischen melancholischer Versenkung und unverblümter Feier der Kunst. „Let me be anything but bored or in love“ ruft einem die gefühlvolle Gesangsstimme hier entgegen, eingerahmt von der einfachen, aber wirkungsvollen akustischen Gitarre. Die Wirkung verfehlen die folkigen Stücke nie. On With The Show ist hier ein weiteres Highlight. Etwas mehr „up-beat“, dabei doch doch voller Schmerz und Bitterkeit („I memorized my lines and taught myself to cry“), dringt Kinsella hier tief in verwundbare Regionen hinein. Diese enthemmende Ehrlichkeit zieht sich dann auch weiter durch die folgenden Stücke, wie etwa dem tragisch-atmosphärischen Mom And Dead, einem der Herzstücke von The Avalanche. „How long can we exist in between what we say and what we mean?“, ruft Kinsella fast klagend hervor, und wäre es nicht um die vielschichtigen Ebenen aus verstärkten Gitarren und dem dezenten Klavierspiel, diese existenzielle Härte wäre wohl kaum noch zu ertragen. Headphoned reißt uns dann wieder aus diesem eisigen Loch heraus und beruhigt mit sanfter akustischer Gitarre und beinahe schon hoffnungsvollem Sound. 

Je länger man sich entlang der vereisten Spuren dieses wundervollen Folk-Albums verirrt, desto schwerer fällt es dann auch am Ende, den Aufstieg hinauf zu wagen. Ergreifend dicht, emotional tief schürfend und vor allem künstlerisch gereift, gelingt es Mike Kinsella hier auf nur neun Liedern eine Reflexion und Verarbeitung schwieriger Kapitel seines Lebens zu wagen. Dass dabei noch große Kunst herauskommt verwundert natürlich nicht, lässt einen aber trotzdem einfach nur staunend zurück. 

Owen – The Avalanche
VÖ 19.06.2020, Big Scary Monsters
www.owenmusic.com
www.facebook.com/mybandowen

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