Kritik

Veröffentlicht am 21.07.2020 | von Malte Triesch

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THE VIGIL – DIE TOTENWACHE – Filmkritik

It won’t let you leave.

(Mrs. Litvak- Vigil)

Yakov (Dave Davis) ist dabei sich aus dem ultraorthodoxen Judentum zu verabschieden und seinen Weg in der modernen Gesellschaft Brooklyns zu finden. Trotz mangelndem Glauben, aufgrund von ebenfalls mangelndem Geld, übernimmt er dennoch widerwillig die Totenwache des ehemaligen KZ- Insassen Rubin Litvak. Widerwilliger noch als er akzeptiert die Witwe den augenscheinlich ungeeigneten Totenwächter. Vermeintlich alleine mit dem Toten und seiner Witwe wird er im Laufe der Nacht zunehmend von Visionen seiner aber auch der Vergangenheit des Verstorbenen heimgesucht und ein Kampf um das Seelenheil beider entbrennt.

Blumhouse Filme fallen grundsätzlich in zwei Kategorien. Knallhart kalkulierter, seelenloser Fließband-Horror (Paranormal Activity X, Black Christmas etc.) und spannende low-budget- bis Indie-Produktionen (z.B. Get Out oder Whiplash). Wirtschaftlich knallhart kalkuliert sind letzten Endes tatsächlich beide, aber richtig Spaß hat man i.d.R. eher mit Filmen aus der zweiten Kategorie und in die fällt zum Glück The Vigil. Keith Thomas´ Spielfilmdebüt war nämlich bereits produziert als Blumhouse sich die Distributionsrechte gesichert hat und profitiert jetzt lediglich von dem, gerade im Horror-Genre, großen Namen. Die Geschichte an sich ist zunächst nicht sonderlich innovativ, profitiert jedoch enorm von dem unverbrauchten jüdischen Hintergrund. Während der westliche Horror spätestens seit The Exorcist und The Omen sehr christlich geprägt ist, ist The Vigil durch und durch jüdisch.

Von den handelnden Personen über den religiösen Unterbau der Horrorgeschichte bis hin zu streckenweise komplett jiddischen Dialogen. Unterstützt wird das Gefühl der Fremde durch eine minimalistische Einführung der Hauptfigur, seiner Situation und seiner Umgebung. Wichtig dafür auch, dass der Film nahezu ein klaustrophobisches, solo Kammerspiel ist. Mehr handelnde Figuren würden zu blass wirken, mehr Schauplätze zu viel erklären und ablenken. So erfährt der Zuschauer trotz minimaler Exposition gerade genug um der Handlung zu folgen und Empathie für den jungen Mann zu entwickeln. Einen jungen Mann, dessen langsames Abrutschen in den Wahnsinn sehr glaubwürdig von Dave Davis dargestellt wird. Ebenso langsam steigert sich der Horror und schreit nicht direkt in die Kamera, eine Krankheit, an der fast alle aktuellen Geistergeschichten kranken. Auch der Titel ist cleverer gewählt als man zunächst denkt und durchaus mehrdeutig. Sowohl um dem sehr realen Haus voller qualvoller Erinnerungen zu entkommen als auch um Frieden nach dem Tod zu finden wird es nötig mit sich selbst Frieden zu schließen. Denn nur aus dieser Stärke heraus kann man auch anderen Menschen helfen und zur Seite stehen.

So geschickt der Film seine Spannung jedoch aufbaut und so unverbraucht Szenario und Hauptdarsteller sind, so klischeehaft ist leider ein Großteil der Schreckmoment und ebenso formelhaft die Methodik der Aufklärung des zu Grunde liegenden Mysteriums. Horroreinsteiger werden somit glücklicher als Veteranen mit The Vigil, zu bieten hat er jedoch für beide etwas.

The Vigil (US 2019)
Regie: Keith Thomas
Darsteller: Dave Davis, Menashe Lustig, Malky Goldman, Lynn Cohen
Kinostart: 23. Juli 2020, WILD BUNCH GERMANY

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Über den Autor

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.



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