Reviews Angel Olsen © Kylie Coutts

Veröffentlicht am 31.08.2020 | von Anne Beier

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ANGEL OLSEN – Whole New Mess

Angel Olsen - Whole New Mess Albumartwork
Foto-Credit © Kylie Coutts

And all those people I thought knew me well
After all that time, they couldn’t tell
I lost my soul, was just a shell
There was nothing left that I could lose

Took a while, but I made it through
If I could show you the hell I’d been to
Lost the light, but then the sun was shining
Couldn’t hide it and I wasn’t trying

(Summer Song) Angel Olsen

Ende des Sommers 2018 befand Angel Olsen, dass es Zeit war, ihre neuen Songs nach außen zu tragen. Ihr Meisterwerk und Karrieredurchbruch My Woman von 2016 katapultierte sie auch in eine persönliche Phase der Veränderung: eine schmerzhafte Trennung und eine schwierige Aufarbeitung. Zu Hause in den Blue Ridge Mountains in North Carolina schrieb Olsen Lieder, die sich mit diesen Problemen auseinandersetzen, insbesondere mit der Liebe – warum man ein „für immer“ nicht versprechen kann und wie Beziehungen uns in unbewegliche Versionen von uns selbst verwandeln können. Diese empfindsamen Erkundungen der eigenen Gefühlswelt prägen das neue Album Whole New Mess, das heute bei Jagjaguwar erscheint. Es ist Olsens erstes Soloalbum seit ihrem Debüt Half Way Home 2012 und ein emotionales Porträt, das so intim und verletzlich ist, dass man hören kann, wie sie in ihren Krisen in Echtzeit Sinn findet.

Whole New Mess ist die Schwesternplatte von All Mirrors, die vor einem knappen Jahr erschienen ist. Neun der elf Songs finden sich – teilweise unter anderen Titeln – auch auf dem opulenten Vorgängeralbum wieder, das jedoch nach den Aufnahmen von Whole New Mess entstanden ist und lediglich zuerst veröffentlicht wurde. Olsen nahm die Songs isoliert im pazifischen Nordwesten auf. Ihr war es wichtig, einen Platz zu finden, in dem eine gewisse Verletzlichkeit existiert. So fiel die Wahl auf The Unkown – eine jahrhundertealte katholische Kirche in der Kleinstadt Anacortes (Washington), die von Mount Eeries Phil Elverum und Produzent Nicholas Wilbur in ein Aufnahmestudio umfunktioniert wurde. Anacortes sollte zudem als Zufluchtsort für Olsen dienen – abgeschirmt von möglichen Ablenkungen versuchte sie so, tief in den Songs zu versinken: „I hadn’t been to The Unknown, but I knew about its energy. I wanted to go sit with the material and be with it in a way that felt like a residency.”

Zu hören sind nur Olsen und ihre elektrische Gitarre, das Album ist jedoch keine Demo- oder Unpluggedversion des orchestralen und cineastischen All Mirrors. Es handelt sich um eine eigenständige Platte, die den Songs einen neuen Kontext gibt, eine tiefere Blickweise auf das in All Mirrors besungene Verwundetsein – eingebettet in zwei wunderbare neue Songs und mit einer veränderten Tracklist. Der titelgebende Opener und Leadsingle des Albums beschreibt, wie tief Olsen in ihren schwierigen Emotionen versank und wie schwer sich der Prozess gestaltete, sich aus dieser Situation wieder zu befreien. Besonders unter dem Gesichtspunkt, dass sie als Künstlerin oftmals eigene Emotionen als Kunstprodukt zur Unterhaltung des Publikums nutzt.

Die reduzierten Versionen der bekannten Songs erlauben einen neuen Fokus auf die Texte. Dabei wirkt Olsens Gesang manchmal, als würde sie einem ins Ohr flüstern (Waving, Smiling; (New Love) Cassette; Chance (Forever Love)), manchmal aber auch weit weg und in sich gekehrt (Too Easy (Bigger Than Us), (We Are All Mirrors)). Beide Varianten zeigen unterschiedliche Arten der Intimität, man hat das Gefühl, man hört Olsen beim Denken zu und wird mal Teil des Prozesses, mal nicht. Die Gitarre wirkt neben ihrem eindringlichen Sopran oft wie ein Nebel, der den Songs, die man groß aufgezogen kennt, eine geheimnisvolle Unnahbarkeit verleiht – eine Vermessung von Gefühlswelten. Wie schon bei All Mirrors sticht besonders Lark Song heraus. Die Monotonie des Anfangs und Dringlichkeit des Refrains sind in der reduzierten Version noch eindrücklicher, da Olsen die emotionale Reise allein mit ihrer Stimme beschreitet. Auch (Summer Song) ist einer dieser Diamanten: „Was I becoming what I had to be? Was that the truth I was supposed to see?“ Die Kraft, die in dem Stück steckt, bringt Olsens emotionale Arbeit auf den Punkt.

Whole New Mess ist ein Album, das Einblick in die tiefe Emotionalität von Musik gibt und davon erzählt, wie wichtig der Moment und die Umstände des Recordings für die Stimmung der Platte sind. Es kehrt heraus, wie brillant das Songwriting von Angel Olsen ist. Und lässt trotz aller Traurigkeit auch Hoffnung zurück, dass jedes Ende auch ein Anfang ist: „When it all fades to black, I’ll be gettin’ back on track / Back to my own head, cleared out, ’til the time comes.”

Angel Olsen – Whole New Mess
VÖ: 28.08.2020, Jagjaguwar
www.angelolsen.com
www.facebook.com/angelolsenmusic
www.instagram.com/angelolsenmusic

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