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Veröffentlicht am 12.10.2020 | von Elias Ott

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MARY LATTIMORE – Silver Ladders

Foto © Molly Smith

Manche Instrumente machen das Leben als MusikerIn wortwörtlich schwer – und das erst recht, wenn man nicht den genretypischen Pfaden folgen will, die sie einem vorzugeben scheinen. Die US-Amerikanerin Mary Lattimore, die am 9.Oktober mit Silver Ladders bereits ihr drittes Solo-Abum veröffentlicht, weiß das nur zu gut: ihr Instrument ist eine knapp zwei Meter hohe Konzertharfe, die sie über Jahre mit ihrem alten Volvo Kombi transportieren konnte, – und ihr Weg führt sie schon lange nicht mehr in Orchestergräben, sondern auf die Bühnen und in die Studios namhafter Indie-KünstlerInnen wie Arcade Fire, Thurston Moore oder Kurt Vile. Anstatt sich jedoch mit dieser durchaus imposanten Liste von Kollaborationen zu begnügen, hat die klassisch ausgebildete Harfenistin längst eigenes Terrain markiert, auf dem sie ihr altehrwürdiges Instrument mit dem experimentellen Ambient-Sound á la Pauline Oliveros oder Harold Budd zusammenbringt.

Dass es dazu kein großes Arsenal an Effekten braucht, zeigt schon der Beginn von Silver Ladders: mit einem Loop-Pedal fügt sie Schicht um Schicht aufeinander, während in den tiefen Lagen unaufdringlich Synthesizer rumoren. Erst im letzten Drittel des Tracks driften sie in den Vordergrund, bevor plötzlich ein Delay den Klang der Harfe vervielfacht. Kurz vibriert und beschleunigt alles, dann löst sich der Song auch schon in den widerhallenden Echos auf. In den Entstehungsprozess ihrer Stücke gibt Lattimore übrigens im Internet im Rahmen eines Quarantäne-Konzerts sehens- und hörenswerte Eindrücke aus ihrem Zuhause in Los Angeles.

Für die Album-Aufnahmen setzte sie sich kurz vor dem Lockdown in ein kleines Flugzeug ins südenglische Newquay. Wie schon auf ihren Reisen quer durch die USA, von dem das Debüt At the Dam (2016) erzählte, war auch hier ihre sechseinhalb Oktaven fassende Konzertharfe im Gepäck. Ihr vorübergehendes Zuhause fand sie dieses Mal im Studio von Slowdive-Frontmann und Produzent Neil Halstead. Der mit Klangteppichen bestens vertraute Brite legte seine Gitarre über den dicht gewebten Sound Lattimores und ergänzte so unter anderem das hypnotische Til A Mermaid Drags You Under um ein dahindriftendes Schimmern. Bisweilen erinnert das Zusammenspiel der beiden an die Arbeiten von SQÜRL und Lautenspieler Jozef van Wissem für Jim Jarmuschs Vampir-Nostalgie Only Lovers Left Alive.

Dabei wird Lattimore, die 2007 an einer psychedelischen Neuvertonung des tschechischen Kultfilms Valerie And Her Week Of Wonders (1970) mitwirkte, nur selten so mystisch-düster. Eine Ausnahme bildet Chop on the Climbout, wo das sakrale Dröhnen der Synthesizer in rauschenden Wind übergeht. Längst erzählen ihre Kompositionen eigene Geschichten, die oft mit Erinnerungen und Naturmotiven aus der Umgebung durchsetzt sind. So folgt Don’t Look, inspiriert von einem tragischen Schwimmunfall in der Region, dem Sog der Gezeiten, um die endlos hin- und herwogenden Weiten der See zu imitieren.

Während Lattimore bereits mit ihrem vergleichsweise selten zu hörenden Instrument aufwarten kann, verliert sich Halsteads Beitrag mitunter in träumerischer Gefälligkeit. Zum Abschluss stellt sie abermals allein mit ihrer Harfe in Thirty Tulips unter Beweis, was sich im Verlauf des Albums ohnehin angekündigt hat: mit Silver Ladders ist Mary Lattimore ein Album gelungen, auf der sie ihrer Harfe komplexe Kompositionen mit der Leichtigkeit einer eigenen Sprache entlockt.

Mary Lattimore – Silver Ladders
VÖ: 09.10.2020, Ghostly International / Cargo
https://www.facebook.com/harpistmarylattimore/
http://www.marylattimore.net/

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