Interviews

Veröffentlicht am 27.01.2021 | von Anne Beier

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STEINER & MADLAINA – Kein Bock auf Sexismus

Foto-© Tim Wettstein

Die beiden Schweizerinnen Nora Steiner und Madlaina Pollina spielten sich mit ihrem wunderbaren Debütalbum Cheers und zahllosen Liveauftritten schon 2018 in unsere Herzen. Am 12. Februar erscheint nun endlich ihre zweite Platte Wünsch mir Glück bei Glitterhouse. Dieses Mal sind alle Texte deutsch, aus dem Duo ist eine Band geworden, die lauter, rockiger und auch kompromissloser ist.

Wir haben bereits im November mit den beiden über Skype gesprochen. Im Interview erzählen sie, wieso sie auf dem neuen Album noch mehr sie selbst sind und wieso sie das gleichzeitig stärker und verletzlicher macht. Wir sprechen über unverschämten Sexismus bei Interviews, dass man sich bei Problemen auch einmal selbst reflektieren sollte und wie aus Texten von einer, Songs von beiden werden. Außerdem verrät uns Madlaina die perfekte Antwort für unverschämte Techniker.

Herzlichen Glückwünsch zum zweiten Album! Der Titel Wünsch mir Glück ist auch ein Song auf der Platte, wieso ist die Wahl darauf gefallen? Er klingt schon anders als die anderen Tracks.
Madlaina Pollina: Das stimmt. Es gibt mehrere Gründe und viele davon sind Zufälle. Aber weil du es gerade sagst: Es ist auch schön, dass er am meisten so klingt wie die Musik, die Nora und ich früher gemacht haben: Duo, reduziert, zweistimmig…Es war uns wichtig, dass das auch auf dem neuen Album einen Platz bekommt, auch wenn es insgesamt gewachsen ist.
Nora Steiner: Der Song hat etwas Zerbrechliches. Das passt gut zum berüchtigten zweiten Album, mit dem sich viele Künstler:innen schwer tun. Wir verstehen jetzt auch, warum: Man verspürt logischerweise mehr Druck als beim ersten. „Wünsch mir Glück“ ist außerdem auch so gemeint – wünscht uns Glück für das Album!

Wann fängt man an, das zweite Album zu schreiben? Das erste Album schreibt man, wenn man beginnt, Musik zu machen. Beginnt das Schreiben zum zweiten Album unmittelbar nach der Veröffentlichung des Debüts?
Madlaina Pollina: Schreiben ist etwas, das wir sowieso immer gemacht haben. Unabhängig davon, ob ein Album kommt oder nicht, gehört es in unseren Alltag. Dieses Mal haben wir trotzdem mehr überlegt, wie es am Ende klingen könnte. Uns war klar, dass es mit Band eingespielt wird, uns war klar, dass wir musikalisch in diese Richtung gehen und dann schreibt man schon anders. Oder?
Nora Steiner: Das glaube ich auch. Ich finde gut, wie du das sagst. Es ist etwas dazwischen. Wir können es nicht mehr abschalten. Natürlich wissen wir immer, wenn wir jetzt schreiben, dass es potenziell auf ein Album kommen könnte. Aber wir sammeln einfach und irgendwann haben wir dann wieder Lust auf ein Album. Ich denke, es ist ein Prozess. Wenn das Album veröffentlicht wird, kann man sich wieder überlegen, wann das dritte los geht.

Einige Songs des Albums kennt man schon aus euren Setlists. Wie fühlt es sich an, sie jetzt endlich offiziell rauszubringen?
Madlaina Pollina: Das fühlt sich sehr gut an! Zufälligerweise sind die beiden ersten Singles Sachen, die wir nie gespielt haben und die sehr neu sind. Es gibt andere, die erst zum Album rauskommen, die wir schon sehr lange gespielt haben. Die haben sich allerdings auf dem Album auch extremer verändert. Sie sind nicht gleich geblieben. Ich kenne es von mir: Wenn ich eine Liveversion cool fand und die Albumversion komplett anders ist, nervt das manchmal auch. Es wird spannend, ob die Leute das annehmen.
Nora Steiner: Oder nicht! [lacht]

Ihr habt wahnsinnig viel live gespielt, ihr wart so viel unterwegs mit dem ersten Album! Wie hält man das aus? Und wie hält man es aus, das mit dem neuen Album vielleicht nicht machen zu können?
Nora Steiner: Man muss es wirklich gerne machen und dann braucht man auch einfach eine Pause. Jetzt, wo wir das nicht können, finde ich krass, wie fest es mir fehlt. Das ist allerdings gleichzeitig auch schön, weil es eine Bestätigung ist, dass es das Richtige ist.
Madlaina Pollina: Ein wichtiger Punkt ist auch, dass man sehr viel zurückkriegt, wenn man live spielt. Der Beruf ist anstrengend, aber viele Berufe sind anstrengend und kaum jemand würde sich beim Busfahrer bedanken, dass er morgens aufsteht und fährt. Wir haben einfach einen sehr dankbaren Job. Gerade jetzt, wo diese Rückmeldung ausfällt, merkt man, dass man schneller ausfällt oder müde wird.

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Das Touren hat euren neuen Sound stark beeinflusst – ihr spielt jetzt mit Band, ihr habt schon viel darüber gesprochen, dass alle Lieder des Albums auf Deutsch sind…Ihr habt auf Instagram gepostet, dass das Liebste an Wünsch mir Glück der neue Vibe ist. Was heißt das für euch?
Nora Steiner: Es ist noch rotziger geworden. Wir sind angekommen. Vorher hatten wir einen Fuß drin, jetzt ist der zweite auch drin. Wir haben unsere Sprache gefunden. Das ist nicht unbedingt aufs Deutsche bezogen, sondern gilt generell. Ich finde, unsere Texte sind viel besser geworden. Ich denke, wir haben unseren Stil stärker gefunden und ausgearbeitet.
Madlaina Pollina: Ich glaube, das hat auch viel mit unserem Selbstverständnis zu tun, dass wir Musikerinnen sind. Wir kosten das viel mehr aus, wir verstecken oder entschuldigen uns nicht mehr. Das hört man schon. Selbstbewusstsein ist es!
Nora Steiner: Ja, wir sind viel selbstbewusster! Auch beim Aufnahmeprozess wussten wir, was wir wollen. Wir wollten auf dem Album keine Kompromisse eingehen.

Die Haltung, dass man sich nicht mehr entschuldigt für das, was man denkt oder wer man ist, hört man meiner Meinung nach sehr. Aber auch das nicht entschuldigen dafür, was man für Fehler macht. Das fand ich schon früher interessant, aber auf Wünsch mir Glück ist es mir besonders aufgefallen. Die Protagonistinnen der Songs sagen selbstreflektiert, wenn etwas nicht toll war, aber es wird nicht gleich abgewertet, sondern angenommen. Ist das etwas, das ihr lernen musstet und inwiefern ist das überhaupt autobiografisch?
Madlaina Pollina: Ich finde schön, dass dir das aufgefallen ist, denn das ist ein Punkt, den Nora und ich in letzter Zeit viel besprochen haben, auch in der Phase, wo wir die Songs geschrieben haben. Dass man einfach einmal annimmt, dass man auch selbst beteiligt ist – ob das persönliche Fehler sind oder der große gesellschaftliche Blickwinkel. Das ist uns sehr wichtig! Bei mir war es auf jeden Fall sehr autobiografisch, einmal zu überlegen, inwiefern ich eigentlich selbst an meinen Problemen schuld bin. Das hat bestimmt auch damit zu tun, dass wir so viel unterwegs waren. Du musst deine Probleme lösen, denn du kannst sie nicht jeden Tag der Band vor die Füße werfen. Du musst dich mehr mit dir selbst auseinandersetzen. Aber ich weiß nicht, ob es nur damit zu tun hat.
Nora Steiner: Wir sind auch viel ehrlicher auf dem Album. Beim letzten Album hatten wir viele Geschichten, die ein bisschen ausgedacht waren. Auf dem neuen Album haben wir einen Mix aus Dingen, die wir erleben, und ausschmücken gefunden, einfach damit es besser daherkommt. Ich merke, wie ich jetzt auch sehr viel emotionaler auf Kritik reagiere, denn das das sind jetzt wirklich wir. Man macht sich natürlich auch verwundbarer, als wenn man nicht viel von sich preisgibt.

Dadurch macht ihr euch aber auch identifizierbarer. Ihr macht einen Spagat: Es ist persönlicher, aber auch politischer. Mehrere Songs haben beispielsweise eine klare feministische Ansage. War das ein bewusster Schritt oder kommt das von Dingen, die ihr erlebt hat und bei denen ihr findet, ihr müsst jetzt etwas dazu sagen, weil es einfach reicht.
Madlaina Pollina: Genau Zweiteres!
Nora Steiner: Ja, es war ein großes „Es reicht“!

Steiner & Madlaina © Tim Wettstein

 

Ich erinnere mich als Zuschauerin an euren TV-Noir-Auftritt in Berlin. Ich bin danach wütend nach Hause gegangen, weil ich aus der Außenperspektive fand, dass dort sehr sexistisch mit euch umgegangen wurde. Es durfte nur eine von euch, Nora, zum Interviewteil auf die Bühne und als Madlaina dann dazukam, wurde sie ausschließlich über die Männer in ihrer Familie befragt. Wie viel Mist erlebt ihr in dieser Hinsicht in eurem Berufsleben? Kann man sich davor schützen, indem man sich aussucht, mit wem man arbeitet oder seid ihr damit jedes Mal auf Neue konfrontiert?
Nora Steiner: Ich erinnere mich an diese Situation. Da nur eine von uns am Interview teilnehmen durfte, haben wir uns bewusst dafür entschieden, dass ich es mache, damit wir über Musik sprechen und nicht über Madlainas Familie. Dagegen haben wir generell nichts, aber irgendwann ist das Thema besprochen. Unser Management konnte aushandeln, dass Madlaina für zwei Minuten auf die Bühne kommt und wir waren auch entsetzt.
Madlaina Pollina: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass so sonst nicht solche Respektlosigkeiten auf dem intellektuellen Level sind, normalerweise ist es viel einfacher. Ich war danach auf einem persönlichen Level gekränkt und das bin ich normalerweise nicht so schnell.
Nora Steiner: Es war respektlos. Ich fand gut, dass es auf Instagram ein oder zwei Leute thematisiert haben, wir selber konnten das ja schlecht. Wir konnten es alle nicht fassen, dass Madlaina hochgeholt wurde und dann so degradiert worden ist.
Madlaina Pollina: Sonst sind es eben eher einfach doofe Sachen: dass ein Haustechniker dir nicht zutraut, dass du deinen Amp selber mikrofonieren möchtest oder er findet, dass der Montior schon laut genug ist. Solche Sachen nerven, aber da kann ich mittlerweile bestimmt sagen: „Ich spiele hier, du machst das jetzt. Fertig!“ Ich habe auch gelernt, strenger mit solchen Menschen zu sein und sie in diesem Verhalten nicht so ernst zu nehmen. Deshalb war die Geschichte einfach anders.
Nora Steiner: Wie reagiert man auf sowas? TV Noir haben wir schon so oft gesehen, das ist etwas, wovon wir geträumt haben, mitmachen zu dürfen und dann kommt sowas.

Da sind viele Frauen im gleichen Boot: Auf der einen Seite kann es ja sogar geschäftsschädigend sein, sich aufzuregen. Auf der anderen Seite ist es sehr frustrierend, nichts zu sagen.
Madlaina Pollina: In der Musik haben wir es in dem Punkt etwas leichter, dass es öffentlich stattfindet. Und in der Öffentlichkeit ist es Thema. Wir wissen es aber natürlich auch noch nicht genau, die Songs sind ja auch noch nicht veröffentlicht. Ich kann mir vorstellen, dass sich nicht alle trauen, dann gegen sowas öffentlich eine krasse Meinung zu haben. Wenn es im kleinen Rahmen passiert, kann man natürlich seine Verbündeten finden. Dadurch dass wir in der Musikszene den Schutz der Öffentlichkeit haben, könnte es schon funktionieren. Aber wir schauen mal!
Nora Steiner: Sonst ist es so, dass ich sehr oft in der Situation bin, dass ich denke, ich hätte krasser reagieren sollen. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Auch bei der TV-Noir-Geschichte hätte man einfach sagen sollen: „Sag mal, what the fuck? Holst du mich jetzt hoch, um mich das zu fragen?“ Aber mit jedem Mal wird man abgehärtet und traut sich beim nächsten Mal mehr. Man kommt immer noch in die Situation, wo man zu wenig sagt. Genau da war Wenn ich ein Junge wäre ein Ventil, um das, was man schon immer sagen wollte, in einen Song zu packen.

Ich habe gelesen, dass ihr die Songs getrennt voneinander schreibt: Ab welchem Punkt arbeitet ihr gemeinsam weiter?
Madlaina Pollina: Das ist unterschiedlich. Wenn der Song flutscht, schreibt man ihn durch und dann ist das Gerüst – also Text und Akkorde – da. Ich schicke es dann Nora durch und sie hat vielleicht noch Anmerkungen und es wird überarbeitet. Manchmal schreibst du eine Zeile und findest die toll, aber weißt nicht, was das eigentlich soll. Dann frage ich Nora schon nach einer Zeile, was hier los ist.
Nora Steiner: Das ist so unterschiedlich und es ist auch nicht anders bei beispielsweise Liebesliedern. Da reden wir uns nicht rein, das macht keinen Sinn. Es kommt aber auch vor, dass man was nicht fertig hat und schon einmal einen Teil zeigt, damit die andere Person sagen kann: „Bleib dran, das kommt gut.“

Mag man die eigenen Songs lieber oder die der anderen?
Madlaina Pollina: Ich habe keine Lieblingslieder von uns. Ich mag alles, sonst würde ich es nicht machen. Je nach Mood gefällt mir der eine oder der andere Song, da ist es egal, wer den geschrieben hat.
Nora Steiner: Schlussendlich kann ich auch stolz sein auf Madlaina für einen Text und es ist ihr Lied, aber es ist auch unser Lied. Wenn das Produkt dann steht, ist es nicht mehr mein oder Madlainas Song, sondern es ist unser Song. Musikalisch machen wir immer alles zu zweit.
Madlaina Pollina: Auch mit unserer Band. Wenn ich einen Part von einem Song sehr mag, ist es vielleicht auch, weil ich noch weiß, wie Max das im Studio mit einem lustigen kleinen Amp eingespielt hat und jetzt klingt es so schön. Das sind kleine weirde Freuden.

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