Kritik

Veröffentlicht am 15.01.2021 | von Julius Tamm

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VENTO SECO – Filmkritik

Alle 23 Stunden stirbt in Brasilien ein Mensch wegen seiner sexuellen Orientierung –

(Laut der NGO Grupo Gay da Bahia)

Eine erschreckende Zahl und das, obwohl Homosexualität in Brasilien seit 1823 nicht mehr strafrechtlich verfolgt wird. Umso bedeutender könnte der neue Film von Daniel Nolasco sein – wenn er sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hätte. So bleibt am Ende nur ein verdammt gut produzierter Erotikfilm ohne viel Substanz.

Trockene brasilianische Landschaft, eine komplizierte Liebesbeziehung, Machtkämpfe und Eifersucht. Mit wenigen Worten lässt sich die Geschichte von Vento Seco zusammenfassen und wenige Worte sind es, die überhaupt in diesem Neon-Erotik-Drama gesprochen werden. Protagonist Sandro (Leandro Faria Lelo) hat zu keinem Anlass wirklich viel zu sagen: Ob das nun die Situation auf seiner Arbeit betrifft, wo durch mangelnde Sicherheitsbeschränkungen regelmäßig Unfälle passieren, oder wenn er sich mit seiner Affäre Ricardo (Allan Jacinto Santana) heimlich im Wald vergnügt.

Doch Vento Seco braucht auch nicht viel Text. Der Film von Nolasco spricht durch seine Bilder. In neonpink gehüllt masturbiert Sandro auf dem Motorrad seines neuen Schwarms Maicon (Rafael Teóphilo) oder er klettert im faden Lichtschein, der durch eine Siloöffnung fällt, seiner Freiheit entgegen, erleuchtet wie ein Heiliger. Gezielte Musikelemente unterstreichen diese Szenen und heben sie neben ihrer visuellen Darstellung hervor.

So schön Vento Seco anzusehen ist, so intim die gezeigten Bilder – so wenig Tiefgang hat er zu bieten. Anstelle sich mit der komplizierten Situation für Homo- und Transsexuelle in Brasilien auseinander zu setzen und ein Leuchtfeuer für queere Kultur zu entzünden, bleibt Nolasco bei einer oberflächlichen Story, die sich mehr Zeit für die Darstellung von Sex nimmt, als für die Darstellung der eigenen Figuren. „Ich find dich nicht mehr toll, weil da ein viel attraktiverer Mensch ist, den ich jetzt toll finde“ ist nicht gerade eine aufregende Erzählung und auch nicht wirklich neu. Vielleicht ließe sich etwas über die ungezügelte, animalische Anziehungskraft zweier Menschen sagen, aber ohne einen Bezug zu den Charakteren, fällt es schwer, dabei mitzufiebern.

Natürlich gewinnt der Film allein für sein Herkunftsland an Bedeutung. Aber nur, weil ein Film über schwule Männer aus einem homophob geprägtem Land kommt, ist er noch lange kein erzählerisches Meisterwerk.

Regie: Daniel Nolasco
Darsteller: Leandro Faria Lelo, Allan Jacinto Santana, Renata Carvalho, Leandro Faria Lelo
Heimkino-Start: 15. Januar 2021, GMfilms

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Über den Autor

Hat irgendwas mit Medien studiert, schaut gerne Filme und schreibt auch noch drüber. Autor bei bedroomdisco, FRIZZ Darmstadt, hr-iNFO Online und hessenschau Social Media.



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