Kritik

Veröffentlicht am 10.03.2021 | von Malte Triesch

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FUKUSHIMA – Filmkritik

Ich bin hier geboren und aufgewachsen und ich würde alles dafür machen, um diese Gegend zu retten.

(Toshio Izaki – Fukushima)

Am 11. März 2011 erschüttert ein Erbeben den Osten Japans, in dessen Folge ein Tsunami die Tohoku Region, in der die Stadt Fukushima und auch das von TECPO betriebene Atomkraftwerk Fukushima Daiichi liegen. Dies ist die Geschichte der rund 50 TEPCO-Mitarbeiter, die vor Ort gegen eine Unfallserie in 4 der 6 Reaktoren ankämpfen. Eine Unfallserie, deren Folgen – von Kernschmelzen bis zum Supergau – drohten nahezu das Ganze Land unbewohnbar zu machen. Ein Kampf ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben, für ihre Familien, für Millionen von Menschen und um die Existenz ihres Landes.

Das Intro mag theatralisch klingen, aber was bei der realen Fukushima Katastrophe auf dem Spiel stand, war tatsächlich nicht mehr und nicht weniger als der Fortbestand von Japan, wie wir es kennen. Gerade deswegen ist der reduzierte deutsche Titel Fukushima etwas irreführend. Denn wer großes Katastrophen-Kino erwartet, wird enttäuscht. Von der Naturkatastrophe selbst wird nur das nötigste gezeigt. Worum es hauptsächlich geht, sind die als Fukushima 50, so auch der Originaltitel, bekannten TEPCO-Mitarbeiter, die vor Ort in dem Atomkraftwerk ohne Rücksicht auf sich selbst ihr Leben riskierten und Diskussionen in Meeting-Räumen. Viele, viele Diskussionen in Meeting-Räumen. Wo heute geradezu intime Zoom Meetings angesetzt werden würden, stehen hier noch weitwinklige Kameras, die alle Personen gleichzeitig einfangen.

Dabei stehen zwei Parteien im Fokus: auf der einen die Regierung in Tokyo in Form des naiven Premierministers (Shiro Sano) und der überbürokratisierten Atomaufsichtsbehörde und auf der anderen die Einsatzzentrale vor Ort, angeführt von Ken Watanabes Masao Yoshida. Darüber, ob die Unfähigkeit der Regierung überspitzt wird, kann man eventuell streiten. Fakt ist, dass die langen, zähen und oft nicht zielführenden Diskussionen die Rettungsarbeiten mehr ausgebremst als unterstützt haben. Eben diese Diskussionen verlangen auch dem Zuschauer einiges ab. Jedoch folgt die Form hier der Funktion, denn die langen Gespräche sollen und müssen frustrierend und zermürbend sein. Wer den ebenfalls sehr authentischen japanischen Klassiker Tora! Tora! Tora! (1970) über den Angriff auf Pearl Harbor oder jüngst Shin Godzilla (2016), in dem sogar konkret das Fukushima Trauma anhand der fiktiven Parabel um den beliebtesten Kaiju aufgearbeitet wird, gesehen hat, weiß, was ihn hier in den Meeting Räumen erwartet: Realistische und daher nicht immer unbedingt spannend anzuschauende Diskussionen. So bremst der Film sein Erzähltempo immer wieder von hektischem Treiben im Atomkraftwerk auf nahezu Null herunter.

Emotional wird man dennoch auf beiden Ebenen mitgenommen. Im Kraftwerk selbst ganz klassisch durch die zwar unsichtbare aber spürbare Gefahr, aber auch in den Meeting-Räumen und gerade in Momenten in denen mal nicht diskutiert wird. Wenn zum Beispiel zwischen zwei Unfällen vorübergehend Ruhe eintritt, die Mitarbeiter die kurze Pause nutzen um etwas zu essen und die Kamera langsam durch den Raum fährt und einfängt was gerade auf den Handy- und PC-Bildschirmen passiert und wir realisieren, dass alle ruhig in sich gekehrt Abschiedsmails an ihre Familien schreiben. Diese Szenen reißen einen weit mehr mit als jede computeranimierte Tsunamiwelle es tun könnte.

Hauptdarsteller Ken Watanabe setzt sich schon seit langem privat für die Opfer der Katastrophe und den Wiederaufbau der Region ein. So überrascht es wenig, dass er hier mit viel Herz bei der Sache ist. Aber auch der restliche Cast überzeugt auf ganzer Linie, so dass sich zusammen mit der subtilen Inszenierung ein sehr realistisches Gesamtbild der Geschehnisse ergibt.

Dennoch hat der Film auch klare Unzulänglichkeiten, die manchem ein gutes Stück vom „Sehvergnügen“ nehmen werden. Sowohl die Lethargie als auch das japanische Drama ist nichts für jeden. Außerdem gibt noch zwei Sub-Plots, zum einen um den US-amerikanischen Support und zum anderen die Freundschaft zwischen Masao Yoshida und einem der TEPCO-Mitarbeiter, von denen ersterer für nicht Japaner befremdlich wirkt und der zweite sicher etwas zu viel Platz einnimmt. Trotz und teilweise wegen absichtlich eingegangen Kompromissen bei der realistischen Inszenierung ist der Film dennoch mehr als „nur“ wichtig. Die Geschichte dieser Männer verdient erzählt und gehört zu werden und gerade der Verzicht auf Schauwerte erhöht den Fokus auf das menschliche Drama. Fernab von Schuldzuweisungen und politischen Diskussionen über die Reaktorkatastrophe haben diese Männer vor Ort ihr eigenes Leben für ihre Familien, für Millionen von Menschen und für die Existenz ihres Landes aufs Spiel gesetzt. Gerade zum anstehenden 10-jährigen Gedenktag der Katastrophe, bietet Fukushima eine einfühlsame Grundlage sich das Geschehen und vor allem den Umgang damit noch einmal bewusst zu machen und zu reflektieren. Im Moment der Krise ist nicht wichtig wie sie entstanden ist oder wer Schuld hat, sondern wie man damit umgeht. Das ist die Botschaft hinter Fukushima und darauf muss man sich einlassen. Wer das kann, sollte sich den Film unbedingt anschauen.

Fukushima (JP 2020)
Regie: Setsuro Wakamatsu
Darsteller: Koishi Sato, Ken Watanabe
Heimkino-Start: 11.März 2021, Capelight Pictures

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Über den Autor

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.



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