Interviews

Veröffentlicht am 23.04.2021 | von Tom Whelan

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INTERNATIONAL MUSIC – Doppelleben

Foto-© Harriet Meyer

Wer träumt nicht mal von der Möglichkeit, von einem Moment auf den nächsten in eine andere Haut zu schlüpfen? Für Peter Rubel (Gesang, Gitarre) und Pedro Goncalves Crescenti (Gesang, Bass) ist das Doppelleben keine Fiktion. Sie sind Teil von The Düsseldorf Düsterboys und kümmern sich zusammen mit Joel Roters (Schlagzeug) um International Music. Deren Debüt Die besten Jahre hat 2018 sehr bewegt. Wegen der Beat-Ära-Reminiszenzen, Offenheit gegenüber dem Werk von Can, Post-Punk-Grimmigkeit und brasilianischer Exotik, schön über die Dauer von einer Stunde.

Jetzt kommt es zur Veröffentlichung des zweiten Albums Ententraum. Bei dem Titel stellen sich Fragen. Hat es was mit watschelnden Disney-Figuren zu tun? Mit Parkausflügen? Mit Herrn Lippens (die Jungs leben in Essen)? Mit dem notorischen 2CV gar? Peter und Joel erklären uns im Video-Gespräch, welche Rolle das Getier in ihrer Vorstellung spielt. Sie reden auch über das Doppelleben, über Lieblingsbands, die Sechziger und die Achtziger, das Problem mit dem Trinkthema und natürlich auch über Fußball. Das Interview fand vor dem definitiven Abstieg von Schalke 04 statt. Um das Drama der Königsblauen muss es hier auch gehen, ist doch klar.

Schön, dass ihr Zeit habt und wieder da seid in dieser Dreierkonstellation, zudem in Zeiten der Pandemie. Wie fühlt es sich gerade an?
Joel: Komisch ist ein bisschen, dass man ein Album herausbringt und nicht auf Tour geht und nicht mal einen Release feiert. Daran sieht man, dass es eine außergewöhnliche Situation ist. Für uns als Musiker ist alles anders, weil wir viel Zeit haben, im Proberaum zu sein.

Schreibt Ihr mehr Songs? Habt Ihr mehr Ideen, gibt es mehr Demos?
Peter: Wir haben eigentlich jetzt schon mehr neue Ideen nach so kurzer Zeit als im Vergleich zum ersten Album. Nach dem ersten Album sind wir gefühlt ein Jahr lang unterwegs gewesen. Jetzt, da das wegfällt, bleibt automatisch mehr Zeit für das Schreiben neuer Songs. Das macht sich schon bemerkbar.

Platten von Euch sind ausführliche Angelegenheiten, mit 17 Titeln und gut einer Stunde Spielzeit. Ist das für euch die Regel?
Joel: Wir haben bislang keine kompakten Alben gemacht, das stimmt. Es sind lange und diverse Alben. Es gibt auf unseren Alben sehr ruhige und minimale Lieder, aber auch welche, wo mehr passiert und wir in der Aufnahme mehr ausproduziert haben. Uns geht es bei der Auswahl der Songs so, dass wir uns von nichts trennen wollen. Die Titel sind sehr unterschiedlich. Es ist dann nicht so einfach, das Album in eine Richtung zu bringen. Wir hatten schon auch die Kritik, dass unser erstes Album so seine Längen hat, aber ich finde schon, dass man Musik nicht unbedingt immer durchhören muss. Viel Musik ist erst mal gut, und wenn einem das Album zu lang sein sollte, kann man eine Pause machen.

Eure Alben fühlen sich wie ein Trip an. Die Reise führt über verschiedene Landschaften. Welche konkrete Aufgabe erfüllt darin jetzt die Ente?
Joel: Die Ente kommt eigentlich aus dem Song heraus, der Der Traum der Ente heißt. Da tauchen verschiedene Elemente auf, die auch in anderen Songs vorhanden sind. Dieses Thema zieht sich durch.
Peter: Für mich geht es nicht um die Ente an sich, sondern um dieses komische Wort Ententraum, wo man nicht wirklich weiß, was das sein soll. Man weiß nicht, wie die Ente träumt. Deswegen ist es für mich die Klammer zu dem Album, passt der Titel sehr gut, weil es alles und nichts beinhaltet. Das ist eher eine allgemeine Antwort. Ich weiß nicht, ob sie dir weiterhilft.

Alles und nichts beinhaltet….hm….
Joel: Es hilft nicht sehr….(lacht)….

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Dieses Tier bedeutet doch was. Sie findet einen Weg auf dem Wasser, an Land und in der Luft. Wer hat schon was gegen die Ente? Andererseits ist die Musik dazu oft düster, schroff und rau. Haltet ihr das Jonglieren mit lichten und dunklen Momenten für wichtig? Ist es eine Triebfeder?
Peter: Dem würde ich total zustimmen. Die Ente ist ein hybrides Tier, sie kann schwimmen, laufen und sogar fliegen. Sie kommt durch jede Situation. Wir tun das als Band auch in gewisser Weise. Diese Balance zwischen unterschiedlichen Stimmungen, die melancholisch aber auch aufbauend sein können – das ist unterbewusst etwas, worauf wir achten.

Es beginnt dieses Mal mit dem Fürst von Metternich. Der ist eine komplexe Figur. Über ihn könnte man ein ganzes Album machen. Wie seid ihr auf ihn gekommen, warum ist er der richtige Mann für den Einstieg?
Peter: Ich würde da nicht nach der Interpretation suchen. Für mich ist das etwas, was wir auch gerne machen, mit absurder Sprache spielen. Er ist eine ambivalente Figur, es geht nicht um den echten Fürsten von Metternich. Es ist ein bekannter Name, der alle möglichen Assoziationen hervorruft und so ein Sprachspiel ermöglicht.
Joel: Da würde ich dir zustimmen. Es geht nicht um diese historische Gestalt, auch wenn man es nicht ganz ausschließen kann, dass sie da hineinspielt.

Auf dem ersten Album parliert Pedro zwischendurch auf Portugiesisch. Im Fürst spricht eine Person darüber, dass er Schmidt und Gedankenzähler sei.
Peter: Das ist eine gesangliche Komponente, die wir auch haben. Es gibt ganz viel Unisono-Gesang, auch zweistimmigen Gesang. Dieses harmonische, was aus der klassischen Ecke der Rockmusik kommt. Und dann gibt es auch Pedro. Es ist eine Eigenart, dass er Texte improvisiert….
Joel: …und dass er auf diese Weise Charaktere annehmen kann. Er kann portugiesischer oder eine Art Wanderprediger werden, das kommt manchmal so durch.

Im Gitarrensound steckt ein Gefühl, das mit The Velvet Underground zu tun hat. Warum ist euch das wichtig?
Peter: Ich kann definitiv sagen, dass The Velvet Underground eine Band ist, die mich mit am meisten beeindruckt hat. Da guckt man sich Sachen ab. Das ist eine großartige Band, die es geschafft hat, sehr eingängige poppige Sachen zu machen und auch solche, bei denen sie sehr frei von allem ist. Sie geht schon mal in die Extreme, liebt cleane ungeschminkte Gitarrensounds, ziemlich verzerrte Sounds. Das ist für uns schon ein Vorbild.

Sie sind zugleich Urentwurf für eine alternative Rockband. Es ging nicht um Umsatz, sondern um Kunst und alternative Widerstandsvorstellung. Ist dieser Ansatz für euch auch vorbildlich?
Joel: Ja, für mich ist Integrität ein wichtigerer Punkt, als schnell Geld zu machen. Es ist auf lange Sicht sinnvoller, mehr bei sich zu bleiben. Das ist uns sehr wichtig.
Peter: Jetzt haben wir das zweite Album vor uns. Die Tatsache, dass das erste beim Label Staatsakt erschienen ist, war auf keinen Fall geplant. Dass alles so klappen würde, war nicht selbstverständlich. Wir haben für uns Musik gemacht, weil es Spaß macht. Dann hat es sich organisch entwickelt. Uns war von Anfang klar, dass wir Musik so machen wollen, wie sie uns gefällt. Wir wollen uns wenig an kommerziellen Vorstellungen orientieren. Schön ist dann, dass die Leute zu Konzerten kommen und sich das auf Platte anhören.

Wie ist es für dich und Pedro, wenn man weiß, dass mit International Music und The Düsseldorf Düsterboys zwei Projekte laufen, die auf Resonanz stoßen und zu einem festen Ding werden, das jeweils gespeist werden muss? Ist es kompliziert, von einem Punkt zum nächsten und dann wieder zurück zu springen?
Peter: Bisher ging das gut. Es hat so funktioniert, wie Pedro und ich das erhofft hatten. Wir wurden anfangs oft gefragt, was der Unterschied zwischen beidem sei. Natürlich gibt es Ähnlichkeiten, einmal wegen des Gesangs, den Stimmen. Der Geschmack zieht sich ähnlich durch, aber die Bands sind für mich trotzdem unterschiedlich. Dass man sich da gegenseitig nichts wegnimmt, war anfangs schon eine Sorge. Ich hatte im Laufe der Zeit dann aber das Gefühl, dass es sich gegenseitig ein bisschen hilft. Es gibt viele Leute, die die eine Band kennenlernen und dann auf die andere stoßen und die auch gut finden.
Joel: Es kann nicht enttäuschend sein, wenn man einmal Zugang gefunden hat und merkt, dass es von den Leuten noch eine andere Band gibt und man einen anderen Kosmos entdecken kann.

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Noch eine Frage zum Thema Fürst. Es gibt ja auch ein Getränk, das so heißt. Ist ein unterschwelliger Witz im Song Fürst von Metternich enthalten, den wir interpretieren dürfen, gerade bezogen auf die Hinweise auf Alkohol, Party und langen Nächten bei den Düsseldorf Düsterboys?
Peter: Es gibt da unseren Track Kneipe, auf ihn wurden wir oft angesprochen. Das ist alles Teil unseres luxuriösen Boheme-Daseins (lacht) in der Innenstadt Essen. Dann haben wir aber festgestellt, dass uns das ein bisschen langweilt. Es ging so oft um Kneipe und Alkohol. Deswegen ist das auf dem zweiten Album nicht mehr so drin, das war tatsächlich eine bewusste Entscheidung. Klar, es gibt jetzt einen Titel namens Beauty Of The Bar. Ganz aufhören können wir nicht mit dem Thema (lacht). Aber es darf schon etwas subtiler sein.

Bei International Music darf Pedro wieder den Bass spielen, das tut er bei The Düsseldorf Düsterboys nicht. Gibt es bei euch eine Sehnsucht nach diesem Instrument, die im ruppigen Song Spiel Bass einfach mal raus musste?
Peter: Der Song ist superalt, den haben wir heraus gekramt. Der hat ein anderes Gewand bekommen mit dem B-Teil. Das stimmt, es ist der ruppigste Song auf dem Album. Es ist ein Teil von dem, wie wir Musik machen. Ihn haben wir noch nicht so sehr auf Platte gezeigt. Hier geht es mal nach vorne und ist es punkig. Das mögen wir machmal auch ganz gerne. Wir haben sogar schon über ein Punk-Album nachgedacht.

Ist es ein Ergebnis der Live-Energie nach vielen Konzerten, dass man jetzt auch im Studio offensiver zu Werke geht?
Peter: Das Live-Spielen hat uns auf jeden Fall weitergebracht, wir sind eine bessere Band geworden in dem Sinne, dass wir gut zusammenspielen können. Durch die vielen Konzerte sind wir noch mehr zusammengewachsen. Mit der Zeit wird man am Instrument besser, das merken wir. Da sind andere Sachen möglich, ein anderes Tempo. Man kann schnell spielen, ohne dass es auseinander fliegt.

Wir müssen auch über den Track Immer Mehr sprechen.
Joel: Gerne. Ich mag ihn, weil er in einem Traumdelirium endet. Vielleicht ist er aber auch einer der gefälligeren Songs mit wenig Ecken und Kanten.
Peter: Mir gefällt der sehr gut. Der Song dreht sich um dieses Riff, um das Gitarren-Flageolett, wenn ich das sagen darf, den monotonen Bass und das sphärische Schlagzeug. Uns hat das gefallen, weil es minimalistisch ist. Wenn man es lange spielt, dann entwickelt das für uns einen Sog, hat es etwas Rauschhaftes, das in der Intensität zunimmt.
J: Was sagst du denn dazu?

Ich finde ihn zentral, weil ein Stil tangiert wird, der bei dieser Band wichtig ist. Es geht, das sagt ihr explizit, um Atmosphäre. Hiermit wären wir bei Joy Division und Post-Punk. Ist die Verbindung zu diesem Sound bei euch intendiert?
Peter: Intendiert ist es nicht, aber der Bezug macht trotzdem viel Sinn. Man hat uns mal gesagt, wir hätten die Wärme der Sixties und die Kälte der Eighties. Ich finde, das stimmt. Es bewegt sich dazwischen. Wenn man zwei Bands suchen wollte, die als Platzhalter für die beiden Seiten stehen, wären das für mich The Velvet Underground…gerade so in Richtung Sunday Morning gedacht…und auf der anderen Seite Joy Division. Ich habe Joy Division viel gehört, das war eher in den frühen Zwanzigern bei mir. Der Einfluss ist da. Ich finde auch, da muss ich dir Recht geben, dass es immer wieder mal diese Achtziger- oder Post-Punk-Momente gibt, vielleicht ein bisschen häufiger als beim ersten Album.

Warum ist Post-Punk aus den frühen Achtzigern heute für euch als junge Musiker wichtig, warum springt ihr darauf an?
Peter: Ich finde die Frage schwierig.
Joel: Es ist eine Frage der Perspektive. Damit kannst du wahrscheinlich nichts anfangen, aber es ist für uns eine intuitive Sache. Wir denken nicht lange darüber nach, was wir hören und warum wir es hören, warum beeinflusst uns das und anderes nicht.
Peter: Nehmen wir mal Idles. Bei denen steckt für mich ein aggressiver und direkter Ansatz drin, auch eine politische Botschaft und linke Haltung. Das macht bei denen Sinn, das bricht aus ihnen heraus. Wir haben weniger gesellschaftliche Überlegungen in den Songs. Es fällt uns immer schwer, diesen Aspekt reinzunehmen und zu durchdenken.

Abschließend sollten wir uns noch über Fußball unterhalten. „Schalke 04, ich will nicht mehr verlieren“, heißt es im Düsterboys-Song Parties. Die Niederlagen für den Verein gehen weiter und weiter. Wie berührt euch das?
Peter: Der Song ist wirklich tragisch aktuell. Wir sind Schalke-Fans, ich vielleicht am wenigsten. Ich bin schon Sympathisant, aber Pedro und Joel sind interessierter als ich. Aber ja, oh Mann, quo vadis, Schalke?

Das muss furchtbar sein für die Leute, die in eurer Gegend leben. Wenn ich dort unterwegs bin, ist Schalke sofort ein Thema – selbst unter Menschen, die sich nicht kennen.
Peter: Ja, total, das ist bitter für die ganze Region um Gelsenkirchen rum. Die große Angst dreht sich um einen Abstieg, der noch tiefer geht. Wenn die so weiterspielen, sieht es auch in der zweiten Liga nicht rosig aus, das muss man ganz klar sagen. Ich kenne das. Ich komme eigentlich aus Rheinland-Pfalz, als Kind war ich Lautern-Fan. Das ist ein Beispiel für einen Verein, der durchgereicht wurde und wo das ein Selbstläufer ist. Das ist die große Angst. Man fragt sich: Wie soll man aus diesem Kreis herauskommen? Wir werden es sehen. Ich hoffe genauso wie Pedro und Joel, dass es wieder einen Neuanfang gibt und es wieder in eine andere Richtung geht.

International Music Tour:
11.06.2021 Essen – Zeche Carl
12.06.2021 Mainz – Zitadelle
09.07.2021 Schorndorf – Manufaktur
04.10.2021 Köln – Gebäude 9
05.10.2021 Hamburg – Uebel & Gefährlich
08.10.2021 Rostock – Peter Weiss Haus
09.10.2021 Leipzig – Naumanns im Felsenkeller
12.10.2021 Dortmund – FZW
13.10.2021 Hannover – LUX
14.10.2021 Bremen – Lagerhaus
16.10.2021 Jena – Kassablanca
17.10.2021 Dresden – Groovestation
21.10.2021 Düsseldorf – zakk
22.10.2021 Augsburg – Kantine
23.10.2021 München – Technikum
24.10.2021 Darmstadt – Centralstation
25.10.2021 Stuttgart – Merlin
31.10.2021 Berlin – Festsaal Kreuzberg
04.11.2021 Nürnberg – Club Stereo
06.11.2021 Ingolstadt – Kunstbühne Neue Welt

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