Kritik

Veröffentlicht am 15.11.2021 | von Julius Tamm

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DER SPION – Filmkritik


Foto-© Telepool

Your Country left you here to die

(Gribanov zu Greville – Der Spion)

Zum 32. Mal jährt sich 2021 der Mauerfall und noch immer sitzen die Wunden des Kalten Kriegs tief – nicht nur in Deutschland, sondern auch im Gedächtnis der Staatengemeinschaft. Kein Wunder also, dass die Kalte-Krieg-Thematik in Hollywood immer wieder als Stoff herhalten muss. Allein in den letzten sechs Jahren wurde der Ost/West-Konflikt in Filmen wie Bridge of Spies, Kursk oder jetzt Der Spion immer wieder ausgeschlachtet. Viele Unterschiede zwischen ihnen gibt es nicht und der Tonus ist auch immer der gleiche: „Die böse Sowjet Union gegen den heroischen Westen“. Doch das ist nicht alles, womit Der Spion von Regisseur Dominic Cooke zu kämpfen hat.

1960 – der Kalte Krieg ist kurz davor, sehr heiß zu werden und die Geheimdienste des Westens setzen alles daran, ihren Informationsvorsprung zur Sowjet Union auszubauen. In Cookes Film ist das Motiv von CIA und MI6 natürlich nicht, dass der Westen – speziell die USA – den Globus dominiert, sondern rein moralisch einen atomaren Krieg zu verhindern. Auf der anderen Seite sitzt der wahnsinnige Chruschtschow und sein KGB – bereit, die Menschheit auszulöschen.

In den Sog dieses Weltdramas gerät der britische Industrielle Greville Wynne (Benedict Cumberbatch), ohne zu wissen, dass er Geschichte schreiben wird. Britischer hätte Cooke seine Hauptfigur nur machen können, wenn er Prinz Charles persönlich vor die Kamera gezerrt hätte. Alles scheint egal zu sein, Hauptsache die Figur des Grevilles schreit förmlich „God save the Queen“ und der Union Jack strahlt von seiner Stirn. Platz für charakterlichen Tiefgang gibt es dabei kaum. Das zeigt sich auch darin, wie schnell sich Greville von der CIA-Agentin Emily Donovan (Rachel Brosnahan) überzeugen lässt, sein Leben zu riskieren. Nach ein paar netten und direkten Worten, hat sich die Sache erledigt, ein innerer Konflikt des Industriellen ist kaum merklich zu sehen.

Der Spion strahlt auch abseits seiner Hauptfigur nicht wirklich mit Tiefgang. Besonders auffällig ist hier der Soundtrack von Abel Korzeniowski. Wobei von Sountrack eigentlich gar keine Rede sein kann. Im Disc-Menü und in der ersten Szene ist das gefühlt einzige Lied des Soundtracks noch wohlklingend – fast wie vom russischen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch persönlich geschrieben. Doch dabei bleibt es nicht. Schon ab der dritten Szene, in der ein und das selbe Lied erneut gespielt wird, kommt recht schnell der Gedanke: „Reicht dann auch mal!“

Genauso redundant, aber etwas weniger nervig, ist die Vielzahl an Montagen. Der erste Besuch von Oleg Penkovsky (Merab Ninidze) in England, die heimlichen Treffen von Oleg und Greville in Moskau oder die scheiternde Rettungsmission von Oleg und seiner Familie – alles wird mit Musik untermalt in schnell aufeinander folgenden Szenen erzählt. Montagen können ein interessantes Stilmittel sein, um eine Entwicklung darzustellen, für die sonst nicht genug Zeit wäre. Aber wenn der ganze Film aus ihnen besteht, bleibt doch die Frage: Ist der Stoff vielleicht zu langatmig für einen Film?

Geschichtsverzerrung, oberflächliche Figuren, ein nerviges Lied und zu viele Montagen – Der Spion ist nicht wirklich ein aufregender Film, er langweilt zwar nicht zu Tode, im Gedächtnis bleibt er aber nicht sehr lange. Wer nach den letzten zwei Jahren der Aufregung etwas Unaufgeregtes sucht, ist hier genau richtig – alle Fans von Ost/West-Spionage-Filmen werden hier jedoch enttäuscht.

The Courier (UK 2021)
Regie: Dominic Cooke
Darsteller: Merab Ninidze, Benedict Cumberbatch, Vladimir Chuprikov, James Schofield, Fred Haig, Emma Penzina
Heimkino-VÖ: 23. November 2021, EUROVIDEO

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Über den Autor

Hat irgendwas mit Medien studiert, schaut gerne Filme und schreibt auch noch drüber. Autor bei bedroomdisco, FRIZZ Darmstadt, hr-iNFO Online und hessenschau Social Media.



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