BLOOD RED SHOES – Ghosts On Tape

So I put my hood on and sat on down
By the table right next to you
I could barely breathe when you said my name
What I heard now I can’t undo
Is it true?
Silence never felt so cruel

(Blood Red Shoes – Morbid Fascination)

Wer jetzt gerade bei all den schlechten Nachrichten, verschärften Corona-Maßnahmen und miesem Winter-Wetter noch ein lautes und wütendes Album sucht, um mal richtig Dampf abzulassen, der ist beim neuesten Output von den Blood Red Shoes genau richtig.

Das Duo aus Brighton, bestehend aus Laura-Mary Carter und Steven Ansell, macht seit fast 17 Jahren gemeinsam Indie-Rock mit Noise- und Shoegazing-Anleihen: Laut, krachend, aggressiv und atmosphärisch. Mit Ghosts On Tape, das am 14. Januar erscheint, liefern sie den passenden Soundtrack zum Sau-rauslassen. Sie sind vom Düsteren, Andersartigen und Zornigen geradezu fasziniert: „Wir waren schon immer Außenseiter“, erklärt Ansell. „Mit diesem Album drängen wir ganz bewusst in unsere Fremdartigkeit und betonen all die Dinge, die uns anders machen.“ Schon der Bandname selbst weist auf diese Affinität zum Morbiden und Abgründigen hin, spielt er doch auf ein Musical an, in dem die berühmte Tänzerin Ginger Rogers angeblich ein weißes Paar Schuhe durch ihr exzessives Training mit ihrem Blut rot färbte.

Mit Exzess und menschlichen Abgründen geht es auf Ghosts On Tape weiter. Die Songs auf dem Album sind inspiriert von True Crime Podcasts und den Geschichten von Serienmördern und Kriminellen, von den dunkelsten Seiten der Psyche und den Gestalten am Rand der Gesellschaft. Auf dieses unheimliche Terrain greift auch der Titel des Albums zurück: „Dieses Album ist eine Einladung. Wir wollen damit sagen: Das ist unsere Welt, das sind unsere dunkelsten Gedanken und Gefühle – unsere Geister – die wir auf Band festgehalten haben.“

Mit dem ersten Song Morbid Fascination wurde schon ein Ohrwurm-Hit vorab veröffentlicht, der mit einem eleganten Keyboard-Riff, 80er Beat und der lasziv-kühlen Darbietung von Carter glänzt. Die zweite Single I Am Not You wird stattdessen von Ansells wütendem, mit Vocoder verzerrtem Gesang angeführt und prescht mit rauem, dröhnenden Garagen-Rock-Sound nach vorne. Die zornigen Schreie erinnern an die Punk-Einschläge des Britpop von Oasis oder Blur, und trotzdem windet sich elegant eine hymnische, melancholische Keyboardmelodie durch den Lärm und zeigt das Gespür des Duos für eindringliche Melodien.

Die anderen rotzigen Punk-Hits des Albums – wie das geschmeidige und trotzdem aggressive
Comply oder das von einem schnellen Beat getragene, extrem verzerrte Give Up mit seinen unheilvollen Keyboard-Drone-Sounds – werden von Ansell gesungen. Demgegenüber stehen die
verführerischen Dark Wave Songs wie Murder Me oder Sucker, die von Carter gesungen werden und in ihrem düsteren Glamour und ihren eingängigen Synth-Riffs deutliche 80er-Inspiration erkennen lassen.

Trotz aller dröhnenden Noise-Experimente und verzerrten E-Gitarren schälen sich immer wieder
elegant-elegische Melodien mit kristallener Klarheit aus dem kunstvollen Chaos heraus: Der finale
Track Four Two Seven erinnert mit seinem untypisch hoffnungsvollen Refrain und dem sanfteren
Clean-Gesang von Ansell sogar ein bisschen an die Indie-Hymnen von Coldplay.

Fehlende Vielseitigkeit kann man dem Album also nicht vorwerfen, obwohl es seiner angekündigten Abgründigkeit nicht so ganz gerecht wird: Für ein Album über Serienkiller, Außenseiter und die Untiefen der menschlichen Psyche schöpft es seine experimentellen Möglichkeiten nicht ganz aus und kreiert keine mäandernen Geschichten, sondern bleibt meistens bei einem eher glatten 3-Minuten-Pop-Hit-Format. Dafür sind diese aber auch richtig gut gemacht, bleiben sofort im Ohr, laden zum nächtlichen Cruisen über einsame Autobahnen ein und lassen düstere Filme vor dem eigenen inneren Auge ablaufen. Die Mischung aus Sleek Pop, 80ies, Glamour, rotzigem Garagen-Punk und Noise funktioniert.

Blood Red Shoes – Ghosts On Tapes
VÖ: 14. Januar 2022, Velveteen Records
www.bloodredshoes.co.uk
www.facebook.com/bloodredshoes

Blood Red Shoes live (Support für White Lies):
10.04.2022 Köln, Bürgerhaus Stollwerck
12.04.2022 Frankfurt, Batschkapp
13.04.2022 Karlsruhe, Substage
14.04.2022 Bochum, Zeche
23.04.2022 Hamburg, Uebel & Gefährlich

YouTube video

Tamara Plempe

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