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Veröffentlicht am 19.05.2022 | von Insa Germerott

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EVERYTHING EVERYTHING – Raw Data Feel


Foto-© Kit Monteith

Is it fun on your own?
Just you and your mobile phone?
Are you coming to life?
Do you want me to look inside?

(Everything Everything – Pizza Boy)

Experimentierfreudig wie wir sie kennen und lieben melden sich Everything Everything nach anderthalb Jahren Corona-Zwangspause mit ihrem sechsten Album Raw Data Feel zurück. Wer schon auf RE-ANIMATOR von 2020 die futuristischen Synthie-Sounds von Planets für gut befunden hat, wird das neue Album lieben. Die britische Indie- und Artrock-Band erkundet musikalisch und lyrisch neue Welten: Das Album wirkt wie ein Klang gewordener digitaler Raum, in dem unser bisheriges Verständnis von Indie-Musik einmal komplett resettet und neu programmiert wird. Thematisch dreht sich alles um Beobachtungen der modernen menschlichen Existenz mit all ihren verpixelt-verzerrten, sich ständig verändernden Facetten und um die Kombination menschlicher und digitaler Eigenschaften.

Raw Data Feel gab der Band aus Großbritannien in Corona-Zeiten Antrieb für völlig neue Arbeitsweisen. Und die sind mindestens genauso spannend wie die Tracks des Albums selbst. Grundlage der 14 Songs bilden die modularen Synthesizer-Kompositionen, die Gitarrist Alex Robertshaw am Laptop erschaffen hat. Sie sorgen für den klaren, futuristischen, teilweise roboterhaft klingenden und unverwechselbaren Sound des Albums. Zudem wurde ein ganz neues Element beim Songwriting eingeführt: Künstliche Intelligenz. Sie fungierte als „fünftes Mitglied der Band, ein Kollaborateur in Sachen Lyrics“. Die Jungs speisten ihren Computer dazu mit 400.000 4Chan-Kommentaren, den Lehren des Konfuzius, Beowulf und den gesamten Geschäftsbedingungen von LinkedIn. „Die Gegensätze von antiker Weisheit, gebildeter Schönheit und modernem Horror“, witzelt Bassist Jeremy Pritchard. Die Band entschied unter den KI-Ergebnissen über die besten Wortkombinationen und Neologismen – die nun das Album prägen.

Teletype macht mit seinen Science-Fiction-mäßigen Synthie-Sounds den Anfang. Wir befinden uns direkt in einer ganz anderen Welt, in der organische Klänge verfremdet und mit digital erzeugten Melodien vermischt werden. Jonathan Higgs unverwechselbare Stimme und der klassische Everything Everything-Vibe bleiben aber trotz allem erhalten. Mit I Want A Love Like This und Bad Friday klingt die Band ungefähr so, als hätten die Pet Shop Boys ihre Musik aus den 90ern in eine spacige Zukunft verlagert. Jennifer bricht dafür mit einem ganz anderen Sound, der dem Südstaaten-Indie nachempfunden ist. Kings of Leon lassen grüßen. Beim Intro von Cut UP! könnte man sich dann wiederum auch in einem Berliner Techno-Club wiederfinden. Die musikalische Mischung ist wild – aber trotzdem nicht unvereinbar.

Trotz seines sehr computerlastigen Sounds ist das Album auch ein Zeugnis tiefster Menschlichkeit – von Gefühlen, die auch durch zunehmende Technologisierung nicht wegrationalisiert werden können. Beste Beispiele dafür sind Kevin’s Car oder Leviathan – ein Song, der tief berührt und auch bei frühsommerlichen 28 Grad für Gänsehaut sorgt.

Insgesamt klingt das Album von der experimentellen Seite her, als hätten die Pet Shop Boys entschieden, gemeinsam mit Radiohead Hand in Hand in eine durchtechnologisierte Zukunft zu spazieren – aber mit einer einzigartigen Dynamik, die so dann doch nur eine Band kann: Everything Everything. Wer Bock auf eine überraschende Entdeckungsreise im Digital-Delirium mit großartigen Indie-Kompositionen hat, wird voll auf seine Kosten kommen.

Everything Everything – Raw Data Feel
VÖ: 20. Mai 2022, Infinity Industries
www.everything-everything.co.uk
www.facebook.com/EverythingEverythinguk

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