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Veröffentlicht am 20.05.2022 | von Anne Beier

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FLORENCE + THE MACHINE – Dance Fever


Foto-© Autumn de Wilde

We argue in the kitchen about whether to have children
About the world ending and the scale of my ambition
And how much is art really worth
The very thing you’re best at is the thing that hurts the most
But you need your rotten heart,
Your dazzling pain like diamond rings
You need to go to war to find material to sing
I am no mother, I am no bride, I am king
And I bleed tears to all my friends

(Florence + The Machine – King)

Dass Florence Welch aka Florence + The Machine anders ist als andere Künstler:innen zeigt sich schon in der Inspiration zu ihrem fünften Studioalbum, das am 13. Mai bei Polydor erschienen ist. Choreomanie – ein Phänomen der Renaissance, bei dem Gruppen von Menschen bis zur Erschöpfung, zum Zusammenbruch und sogar bis zum Tod wild tanzten – wurde zu einem zentralen Inspirationspunkt für die Arbeit an ihrer neuen Platte. Seit mehr als einem Jahrzehnt konnte sie zum ersten Mal nicht auftreten und der Tanz bot ihr Antrieb, Energie und eine Möglichkeit, ihre Musik choreografischer zu betrachten. Und so landetet sie im März 2020 mit einem Notizbuch voller Gedichte und Ideen in New York, zog sich dann während der Pandemie nach London zurück und arbeitete an den Songs, die im Laufe der Zeit immer wieder neue Gestalten annahmen. Herausgekommen ist ein Album, auf dem Florence Welch es schafft, sich und ihrem Stil treu zu bleiben und trotzdem nicht stehenzubleiben. Und auch wenn sie auf ihren vorangegangenen Platten immer stärker persönliche Themen wie Verlust und Sucht verarbeitet hat, geht Dance Fever einen Schritt weiter und handelt von Überlegungen zu Identitäten als Künstlerin und deren Entstehung, über Kompromisse, weibliche Identitäten und die damit verbundenen Rollen und nicht zuletzt Selbstsabotage. Dabei predigt Welch keine Weisheiten, sondern zeigt sich verletzlich und kontrovers.

Klanglich bleibt sie in ihren gewohnten Gefilden. Die 14 Songs enthalten keine Überraschungen, aber den typischen Florence-Sound auf Hochglanz poliert. Das Album startet mit dem zunächst zurückhaltenden King, das als Vorab-Single einen realistischen Vorgeschmack auf das Gesamtwerk gegeben hat. Es startet mit starker Basslinie und Welchs unverwechselbarer Stimme, baut sich in gewohnter Manier zu einer Hymne auf, zu der man sich auf der Sommertour tanzen sieht. Das darauffolgende Stück heißt Free – on brand ist es eine Ode an die Kraft des Tanzes und die Freiheit, die in der Bewegung liegt. Deutlich poppiger und der vielleicht beschwingteste Song der Platte, versprüht er gerade am Anfang Ohrwurmqualitäten, triftet dann allerdings ein bisschen ins Belanglose ab. Auch My Love ist für die Tanzfläche gemacht, man hört EDM-Einflüsse, für einen echten Popkracher ist es allerdings ein bisschen too much. Das ebenfalls von Glass Animals‘ Dave Bayley produzierte Daffodil schlägt in eine ähnliche Kerbe, erinnert durch seine Dunkelheit Fokus auf Synthesizer und Drums an eine Weiterentwicklung von Ceremonials. Groß wird die Platte, wenn es um die großen Gefühle geht. Bestes Beispiel ist Cassandra – ein rhythmusorientierter Song, der so viele interessante Wendungen hat, dass man ihn am liebsten zweimal hintereinander hören möchte. Auch Dream Girl Evil zeigt die ganze Bandbreite ihres Könnens – textlich und musikalisch, ein Song der mit ihrer markanten Stimme, dramatischen Trommelschlägen und -wirbeln und dezentem Klavier sofort mitnimmt. Wie auf King sinniert sie über die Realitäten als arbeitende Frau in einer Gesellschaft, die ich weiterentwickelt, aber die fundamentalen Fragen nach Image, Mutterschaft und Projektionsfläche bestehen bleiben.

Wie all ihre Arbeit folgt auch Dance Fever einem Konzept. Das ging auch in dieser Runde auf. Auch wenn einige der Disconummern etwas zu belanglos für eine Künstlerin wie Florence Welch scheinen, sind ihre Lyrics so stark wie nie. Überhaupt wurden in viele Songs wunderbare Details eingearbeitet, dass man kleine Flauten im Spannungsbogen gerne verzeiht. Florence Welch hat mit dieser Platte gezeigt, dass sie nicht für umsonst eine der wichtigsten Künstlerinnen unserer Zeit ist. Ihre Visionen, Detailverliebtheit und vor allem Energie ergeben ein Gesamtbild, für das sich der vorher geschürte Hype gelohnt hat.

Florence + The Machine – Dance Fever
VÖ: 13. Mai 2022, Polydor
www.florenceandthemachine.net
www.facebook.com/florenceandthemachine

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