Reviews

Veröffentlicht am 31.05.2022 | von Tamara Plempe

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JUST MUSTARD – Heart Under


Foto-© Olof Grind

It’s just a picture
I cannot feel it
The way I felt it
I should have cherished
I was waiting for the sun in my heart

(Just Mustard – 23)

Wenn eine Band nach ihrem ersten Album schon von Robert Smith persönlich als Vorband für The Cure ausgewählt wurde, dann darf man als Fan der düsteren Klänge wirklich auf den zweiten Output gespannt sein, denn das schafft nicht jeder.

Wenn man in das 2018 erschienene Wednesday reinhört, wird einem auch schnell klar, was an dieser Band so besonders ist: Just Mustard von der irischen Westküste kultivieren eine pointierte Mischung aus Shoegaze, Trip Hop, Alt-Rock, Noise und Dark Wave-Einflüssen. Die zarte, hohe und mädchenhafte Stimme von Sängerin Katie Ball kontrastiert die Kakophonie aus verzerrten Gitarren und atmosphärischen Industrial-Klanglandschaften. Es ist dieser Gegensatz von Licht und Schatten, Leichtigkeit und Schwere, der die Band so interessant macht.

Auf ihrem zweiten Longplayer Heart Under haben sie diesen Mix weiter verfeinert und zu einem vorläufigen Höhepunkt gebracht. Der Opener 23 startet mit einer mystisch-kühlen Atmosphäre und einem Touch keltischer Aura, Balls Stimme haucht wie bei einer geheimnisvollen Beschwörung, Bilder von Druiden und nebligen irischen Klippen steigen vor dem inneren Auge auf. Der Song kulminiert in einer kratzig-scharrenden, schauerlich-schönen Industrial-Kakophonie und nimmt damit schon ein gewisses Muster vorweg: Just Mustard starten ihre Songs gern leise und bedächtig, bauen sie dann immer weiter auf, lassen sie lauter werden und schließlich in einem Crescendo zusammenkrachen, wie eine riesige Welle im Sturm. Die Gitarren scheppern, heulen wie Sirenen oder geben fremde, kalte Fabrik-Sounds von sich; kurz, sie klingen fast gar nicht mehr nach Gitarren. Die Experimentierfreude der Band schimmert durch alle Kompositionen durch.

Sie liefern sowohl treibende Songs mit Post-Punk-Einschlag wie Still, aber auch introspektive, düstere Pop-Balladen wie I Am You, das an Bauhaus oder Garbage erinnert, Einflüsse von Gothic Rock, aber auch Grunge erkennen lässt, und mit seiner schaurig-schönen Stimmung am Ende eines Horrorfilms laufen könnte, nach der emotionalen Katharsis, zum Runterkommen nach dem Gruseln. Mit ähnlicher 90er Alt-Rock-Färbung und einem gefälligen Refrain punktet auch In Shade, das fast positiv und reinigend wirkt, wie ein aufklarender Himmel nach einem Klang-Gewitter.

Ein solches bringt z.B. der Noise Rock-Kracher Seed mit sich. Der vom Krach hochgepeitschte Puls wird dann aber immer wieder runtergekühlt von etwas minimalistischeren Trip Hop Songs mit schnellen Beat und melancholischer Stimmung wie Early, wo sich die Band zurückhält und die Stimme von Ball unangefochten in den Vordergrund tritt. Mit ähnlich sparsamer Instrumentalisierung und samtigen Vocal Harmonies bildet die vorab veröffentlichte Single Mirrors den Höhepunkt der Platte und schafft es, trotz dem eingängigen Reverb-Riff in Refrain und einer gewissen Poppigkeit wunderbar einzigartig und spleenig zu klingen.

Abgerundet wird das Paket von atmosphärischen Songs wie Blue Chalk und Rivers, die einen zarten, nachdenklichen und fast sirenenhaften Gesang mit lauernden, pulsierenden Beats und immer lauter werdenden Gitarrenwänden kombinieren; der Bass ist in typischer 90er Manier zentraler Stimmungsträger, knackige Drums punktieren die düstere Klanglandschaft; man fühlt sich ein bisschen an hypnotische Industrial-Songs wie Frankie Teardrop von Suicide erinnert, oder den düsteren Soundtrack der Matrix-Filme.

Just Mustard zeigen mit Heart Under, dass wir es hier nicht nur mit einer Eintagsfliege zu tun haben, sondern mit einer Band, die es versteht, ihre Hörer*innen mit ihrer Vision in ihren Bann zu ziehen. In den vier Jahren nach ihrem Debüt haben sie sich stark weiterentwickelt, zeigen ein sicheres Gespür für den Aufbau von klanglich dichter Atmosphäre und erschaffen ein kontrastreiches, spannendes Album, getragen von einer hypnotischen, kühlen Grundstimmung, die trotzdem immer wieder mit Überraschungen aufwartet und eine Experimentierfreude zum Ausdruck bringt, die selten geworden ist im Musik-Business.

Just Mustard – Heart Under
VÖ: 27. Mai 2022, Partisan Records
www.justmustard.ie
www.facebook.com/justmustardmusic

Just Mustard live:
10.10.2022 München, Orangehouse
12.10.2022 Leipzig, Moritzbastei
14.10.2022 Berlin, Privatclub
15.10.2022 Hamburg, Molotow
16.10.2022 Köln, Artheater

YouTube video

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