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Veröffentlicht am 7.06.2022 | von Anne Beier

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ANGEL OLSEN – Big Time


Foto-© Angela Ricciardi

I’ve never been too sad
Too sad that I couldn’t share
When you can’t find the words
Guess it’s time to listen
Took a lot to get me here
Staring out at the walls
Is there somebody that I can call? Someone who knows where I am
Someone who knows how it’s been

(Angel Olsen – This is How it Works)

Seit wir zuletzt von Angel Olsen gehört haben, ist viel bei ihr passiert. Die Singer-Songwriterin aus Missouri hat sich neu verliebt, sich als queer geoutet und kurz darauf unabhängig voneinander beide Eltern verloren. Drei Wochen nach der Beerdigung ihrer Mutter war Olsen im Studio, um ihr neues Album Big Time aufzunehmen, das letzten Freitag bei Jagjaguwar erschienen ist. Künstlerisch hat sie sich nach ihrer opulenten Platte All Mirrors (2019) im Jahr 2020 mit ihrem minimalistischen Album Whole New Mess maximal verletzlich gezeigt. Um der Eintönigkeit des Lockdowns zu entfliehen, nahm sie mit Aisles 2021 noch eine elektronische EP mit Covern von 80s-Klassikern auf. Auf Big Time kombiniert sie pure mit elektronischen und symphonischen Ansätzen und legt den Fokus auf Folk, Country und Americana. Was trotz aufwändiger und manchmal überladener Produktion von Jonathan Wilson bleibt, ist ihre Fähigkeit als Songschreiberin Wunden offen- und Emotionen freizulegen.

Dass Big Time ein Album voller Schmerz, aber auch Ambivalenz und Stärke ist, zeigt Olsen gleich beim Opener. All The Good Times beginnt sie mit den Worten „I can’t say that I’m sorry when I don’t feel so wrong anymore” – selbstbewusst vor minimalistischer Percussion. Olsen unternimmt ein Update der klassischen großen amerikanischen Genres mit einer neu ausgesprochenen queeren Perspektive und modernen Twists. Bei Songs wie dem schlichten pianolastigen Stück Ghost On und dem großartigen Right Now schafft sie die perfekte Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der klassische Country-Klagesong verwandelt sich in eine dissonante moderne Konfrontation, die an die großen Momente von All Mirrors erinnert. Im weiteren Verlauf der Platte bleibt man bei Go Home hängen. Ein Song, der durch Langsamkeit und die Eindringlichkeit in Olsen hypnotisierender Stimme besonders eindrucksvoll demonstriert, wie nah Verzweiflung und Neuanfang auf dieser Platte beieinander liegen: „Forget the old dream / I got a new thing“. Überhaupt sind Olsen brillante Lyrics und ihr Mut zu Dissonanzen das, was die Platte durchweg trägt, auch wenn die Instrumentierung an einigen Stellen zu dick aufgetragen scheint. Sie widersteht konsequent, in geradliniger Traurigkeit zu ertrinken oder einfache Erzählstränge einzunehmen. Daher steht der Titeltrack Big Time – ein Liebeslied, das Olsen mit ihrer Partner:in Beau Thibodeaux geschrieben hat – auch am Anfang und nicht am Ende des Albums. Dieses endet dann mit der Piano-Ballade Chasing The Sun, in dem es zwar auch um das Finden einer neuen Liebe geht, die jedoch eher aufgewühlt als glücklich zurücklässt. Man wünscht sich lediglich, die intensiven Streicher hätten mehr Raum für Olsens eindringlichen Gesang gelassen.

Es fällt schwer, die Essenz von Angel Olsen in Worte zu fassen. Ihr Werk ist geprägt von den Motiven Verlust, Schmerz aber auch Hoffnung. Auf Big Time nimmt diese Dualität eine völlig neue Dimension an – auch wenn sie nicht explizit ausgesprochen wird. Olsens Songwriting ist beeindruckend, man hätte ihr jedoch an einigen Stellen mehr Raum geben können. Trotzdem hat sie uramerikanische Genres genommen und erfolgreich in ihre eigene neu gefundene Perspektive gesetzt. Weil sie nicht so tut, als könnte man Schmerz rückstandslos überwinden, sondern es schafft, ihn in die schönen Momente als Verstärker einzubringen.

Angel Olsen – Big Time
VÖ: 03. Juni 2022, Jagjaguwar
www.angelolsen.com
www.facebook.com/angelolsenmusic

Angel Olsen Tour (Support: Tomberlin)
04.10.22 München, Freiheitshalle
07.10.22 Berlin, Huxley’s Neue Welt
13.10.22 Köln, Gloria Theater

YouTube video

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