WUTHERING HEIGHTS – Filmkritik


Foto-© Warner Bros. Pictures Germany

He’s more myself than I am. Whatever our souls are made of, his and mine are the same.

(Catherine Earnshaw – Wuthering Heights)

Seit dem Trailer-Release schwankten Erwartungen und Kontroverse – nun gibt es Wuthering Heights unter der Regie von Emerald Fennell endlich auf der Leinwand. Anders als jede bisherige Adaption wagt dieser Film einen radikalen Sprung: Nicht nur in die Geschichte von Emily Brontës Roman, sondern direkt in das Innere der Figuren, in ihre Träume, Ängste und zerstörerischen Bindungen.

Margot Robbie ist Catherine Earnshaw, wild, neugierig, verletzlich, bereits als Kind voller innerer Widersprüche. Ihr Leben auf Wuthering Heights ist geprägt von den Spannungen einer problematischen Familie, einem Vater, der strenge und zerstörerische Gewalt ausübt und einer Welt, die sie in soziale Zwänge zwingt. In dieser Umgebung trifft sie auf Heathcliff, gespielt von Jacob Elordi, einen Jungen, der von ihrem Vater aufgenommen wird und von Anfang an ein Außenseiter ist. Zwischen ihnen wächst eine Bindung, die nicht nur Freundschaft, sondern eine untrennbare Verbindung von Traumata, Sehnsucht und später Obsession wird. Ein rotes Band aus geteiltem Schmerz, das sie ein Leben lang begleitet.

Der Film zeigt, wie sozialer Rang alles bestimmt. Heathcliff bleibt immer ein Außenseiter trotz der Aufnahme in die Familie; herabgesetzt, respektlos behandelt, entmenschlicht. Catherine hingegen genießt Privilegien, die sie ambivalent zu nutzen lernt. Zwischen Herz und Welt – zwischen Liebe und gesellschaftlichem Druck – entspinnt sich ihre komplexe Psychologie. Jede Entscheidung und Handlung wird von dieser Spannung getrieben. Fennell lässt diese Dynamik ungebremst auf die Leinwand.

Die Bildsprache ist ein Fiebertraum: Farben, Schatten, Licht und Symbolik explodieren miteinander. Fennell inszeniert eine Welt, die zwischen Märchen, Theater und surrealer Überhöhung schwebt. Kleine Motive werden zu großen emotionalen Trägern: Haut als obsessives Symbol, Puppen, Spiegelungen, wiederkehrende Muster. Szenen wirken oft bewusst überhöht, manchmal fast absurd – doch die Übertreibung dient der Emotionalität, macht das Unsichtbare sichtbar und lässt die innere Zerrissenheit der Figuren greifbar werden.

Der Soundtrack von Charli XCX trägt das Bild. Moderne, teils experimentelle Klanglandschaften kontrastieren mit dem historischen Setting und verstärken die Emotionen auf der Leinwand. Mal flirrt die Musik verspielt, mal pulsiert sie wie ein Herzschlag, der die Sehnsucht und die Obsession der Figuren unterstreicht. Musik und Bild verschmelzen zu einem intensiven Erlebnis, das irritiert, fesselt und in Erinnerung bleibt.

Robbie und Elordi liefern hier eine dichte, vielschichtige Chemie. Ihre Blicke, Körperhaltungen, Nuancen in Gestik und Stimme erzählen mehr als Worte. In vielen Szenen spürt man, wie Nähe und Zerstörung ineinander greifen, wie Kindheitstrauma zu Leidenschaft und Selbstverlust führt. Das Ensemble, darunter Nebenrollen, wird nicht zum Staffage, sondern ist Teil eines emotionalen Gewebes, das den Film trägt.

Fennell bricht mit der klassischen, naturalistischen Interpretation des Romans. Statt sanfter Moorlandschaften und traditioneller Romantik präsentiert sie eine Welt, die farbenfroh, düster, surreal und gleichzeitig seltsam nah ist. Humorvolle oder absurde Elemente kontrastieren mit intensiver Emotionalität, verschieben die Wahrnehmung und zwingen den Zuschauer, sich ständig neu zu orientieren. Zeitweise entsteht das Gefühl, mehrere Filme laufen gleichzeitig, um dann wieder den roten Faden des Romans aufzugreifen – nicht die Ereignisse, sondern die inneren Realitäten der Figuren stehen im Zentrum.

Thematisch greift der Film tief: Weitergegebenes Trauma, zerstörerische Obsession, unerfüllte Sehnsucht, Macht und Unterdrückung. Jede Figur trägt Schuld, jede handelt egoistisch, jede liebt und zerstört zugleich. Es gibt keine Unschuld, nur menschliche Tiefe und innere Konflikte.

Am Ende bleibt kein sauberer Schluss. Kein moralischer Zeigefinger. Stattdessen: Intensität, Verletzlichkeit, Wut, Sehnsucht und die bittersüße Schönheit in der Dunkelheit. Der Film zeigt, wie Liebe zerstören und retten kann, wie Schmerz und Freude untrennbar sind, wie Obsession in Faszination verwandelt wird und lässt den Zuschauer in einem Zustand emotionaler Resonanz zurück.

Wuthering Heights ist irritierend, überladen, anders und gerade dadurch eigenartig schön. Ein Film, der in die Tiefe der menschlichen Seele eintaucht und Emotionen sichtbar macht, die Worte nicht fassen können.

Wuthering Heights (USA 2026)
Regie: Emerald Fennell
Cast: Margot Robbie, Jacob Elordi, Hong Chau, Shazad Latif, Alison Oliver, Martin Clunes, Ewan Mitchell
Kinostart: 12. Februar 2026, Warner Bros. Pictures Germany

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