
I’ll keep searching for the golden hour
I have no strength, and I have no power
I’ve stood sentry at the tower of strong
For far too long
So let me in
Let the healing begin
(Michael Weston King – The Golden Hour)
„I’ve managed to exorcise and express something I never thought I would have to experience“, hat der britische Singer-Songwriter Michael Weston King kürzlich in einem Interview des renommierten Musikjournalisten Sean Hannam gesagt. Spoiler für diesen Text: Hier geht es um Dinge, die mit frohsinniger Popmusik nichts zu tun haben – hier geht es um die Frage, wie ein Musiker mit dem Schlimmsten umgeht, das ihm in seinem Leben jenseits der Musik passieren kann.
Rückblende: Vor einigen Jahren brachte Nick Cave kurz hintereinander zwei Alben heraus, die mit ihrer Verarbeitung des Schmerzes über den Tod seines Sohnes wohl jeden Hörer tief erschütterten – und für den Künstler befreiend wirkten. Skeleton Tree (2016) und Ghosteen (2018) waren neue Karriere-Highlights eines Musikers, der damit (und in ekstatischen Gospel-Rock-Konzerten danach) wieder zu sich selbst fand. Nun gibt es ein Album, dessen Intensität und Qualität es mit Caves kathartischen Trauer-Werken aufnehmen kann. Es stammt vom eingangs erwähnten Michael Weston King.
Schon der Plattentitel Nothing Can Hurt Me Anymore deutet an, dass hier ein Mensch durch die brutale Härte des Schicksals an Grenzen gelangt ist, sich aber nicht unterkriegen lassen will. Dabei gäbe es Gründe für King und seine Frau Lou Dalgleish, mit der er das Country-Soul-Duo My Darling Clementine bildet, vor dem Schmerz zu kapitulieren: Das Paar verlor im Sommer 2024 seine sechsjährige Enkelin Bebe durch ein mutmaßlich islamistisch motiviertes oder terroristisches Messerattentat im englischen Southport, bei dem insgesamt drei Mädchen starben.
Ein unfassbares Verbrechen und ein unermesslicher Verlust, den man entweder in brennend destruktiven Zorn ummünzen kann – oder in heilsame Schönheit.„Let the healing begin“, singt Michael Weston King gleich im berührenden, epischen Opener The Golden Hour. Er hat sich also für das Gute entschieden, für die Schönheit. Übrigens auch im politischen Sinne. Denn der renommierte Americana- und Folkrock-Songwriter blickt auf diesem grandiosen Album nicht nur sensibel nach innen, also auf die eigene Trauer und die Gefühle seiner Frau (Into The West, Sally Sparkles). Er setzt sich in den Texten gleichermaßen subtil und kritisch mit der hasserfüllten Instrumentalisierung des Mordes durch Rechtsextremisten („We took our sorrow home/some took it to the street“, eine Zeile aus The Golden Hour) und mit der voyeuristischen Rolle britischer Medien (in Die Of Shame) auseinander, hält diesen eiskalten Verdrehungen und journalistischen Verfehlungen seine schlichte, warmherzige Menschlichkeit entgegen.
Nothing Can Hurt Me Anymore funktioniert mithin, trotz des herzzerreißenden Hintergrundes, als ein lebensbejahendes, ohne Trauer-Kitsch auskommendes Album. „Die ganze Familie ist über die Kunst in diesem Trauerprozess zusammengekommen. (…) Kunst und Handwerk und Musik sind gute Mittel mit einer heilenden Wirkung“, sagt der seit einigen Jahren in Wales lebende und arbeitende Singer-Songwriter in einem anderen Interview. „Ich finde auch, dass die Musik als solche – was ich absichtlich höre oder aber zufällig im Radio – etwas ist, das die Stimmung hebt. Musik lässt dich auch automatisch besser fühlen. Musik weckt deine Endorphine. Musik ist erhebend.“
Wie schafft er nun ganz konkret das Wunder, etwas so Schreckliches wie den Mord an der eigenen Enkelin in „uplifting art“ umzuwandeln? Unter anderem durch Gegensätze, etwa in The Golden Hour, laut King „eine schamlose Bruce-Springsteen-Referenz. „Ich kannte den Springsteen-Song ‚For You‘ von seiner ersten LP ‚Greetings From Asbury Park‘ ursprünglich zunächst über eine Power-Pop-Version von Greg Kihn. Ich liebe diesen Song und habe über die Jahre viel damit herumgespielt – bis ich das Gefühl hatte, den Song nun sozusagen neu geschrieben zu haben. Was ich mag, ist, dass das dann kein elendiger Moll-Track geworden ist, sondern eher eine flotte Melodie. Das ist dann auch etwas, was ich über die Jahre immer wieder mal gemacht habe: Einen eher düsteren Text mit einer eher lebhaften Melodie zu versehen.“
Von Trauer durchflutete „Moll-Blues“-Lieder gibt`s aber natürlich auch auf dieser Platte, etwa das Folk-noir-Titelstück (in dem King, was Stimme und Arrangement betrifft, tatsächlich sehr nah bei Nick Cave ist, auch bei Townes Van Zandt oder Johnny Cash). Andere Songs bersten indes vor Lebensfreude, zum Beispiel die an Van Morrisons beste Bläser-Soul-Tracks locker heranreichende Liebeserklärung Grow Old With Me (Lou Dalgleish darf sich glücklich schätzen). Der Songwriter betont, dass er auf dem neuen Album ganz bewusst nicht nur die Southport-Tragödie thematisieren wollte.
Dass Nothing Can Hurt Me Anymore manchmal auch an die besten Alben von Richard Hawley denken lässt (etwa in A Field Of Our Own, La Bamba In The Rain oder Into The West) , liegt nicht nur an Kings prächtigem Crooner-Bariton. In seinem Studio-Ensemble wirkten Multiinstrumentalist und Co-Produzent Colin Elliot, Schlagzeuger Dean Beresford und Gitarrist Shez Sheridan mit, alle aus der Hawley-Band; die zum erweiterten Sheffielder Sophisticated-Pop-Umfeld gehörende Erin Moran aka A Girl Called Eddy ist Duett-Partnerin beim tollen Sixties-Retro-Song Just A Girl In The Summertime.
Im Mittelpunkt dieses meisterlichen Albums, das noch einmal eine Steigerung zum auch bereits sehr starken The Struggle von 2022 darstellt, steht aber ganz klar Michael Weston Kings fabelhafte Gesangsleistung. Er schafft es souverän, die großteils schweren, anrührenden Lyrics ohne Pathos zu präsentieren.
„Früher hätte man mich leicht anklagen können, die Sache durch ‚Übersingen‘ zu übertreiben“, sagt der Wahl-Waliser. „Aber als ich älter wurde, hatte ich das Glück, mit einigen guten Leuten zusammenzuarbeiten, die mir da weiterhalfen – und man wünscht sich ja auch, dass man mit der Zeit einfach auch besser wird. (…) Ich denke einfach, dass mein Gesang sich über die Jahre verbessert hat, besonders im Studio. Ich bin heute einfach mit meinen späteren Performances zufriedener als mit früheren.“ Schönes persönliches Fazit für eine Platte, die ein zutiefst aufwühlendes Ereignis in selten zu hörender musikalischer Qualität abbildet. Nun bleibt King und Dalgleish nur zu wünschen, dass ihnen der Weg aus der Dunkelheit, die Heilung auch weiterhin gelingt.

Michael Weston King – Nothing Can Hurt Me Anymore
VÖ: 04. April 2026, Continental Record Services
https://michaelwestonking.com
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