ED O’BRIEN – Blue Morpho


Foto-© Steve Gullick

Here comes the fear
And the ghosts of long ago
And all these years
I’m still running from it all

And I’ll fall down
Falling deep into the hole
And with the worms
Can’t feel anything at all
Oh

Incantations up from the soil
Incantations mend all the trouble
Incantations up from the soil
Incantations mend all the trouble

(Ed O’Brien – Incantations)

Seine Stimme mag nicht so atemberaubend sein wie die von Thom Yorke, sein Gitarrenspiel nicht ganz so virtuos wie bei Jonny Greenwood. Gleichwohl ist die Rolle von Ed O’Brien innnerhalb der genialen Britrock/Neoprog/Electropop-Band Radiohead kaum hoch genug einzuschätzen, zu der mit Bass-Mann Colin Greenwood und Schlagzeuger Philip Selway ja noch weitere Großkönner gehören. Sehr gut war das bei den sensationellen Berliner Live-Reunion-Auftritten Ende 2025 zu beobachten, bei denen Yorke und Greenwood in hektischer Betriebsamkeit durch den zentralen Bühnenkäfig tigerten, während O’Brien am Rande seine Runden drehte, souveräne Beiträge zum filigranen Radiohead-Gesamtklang beisteuerte und dabei freundlich ins Publikum lächelte.

Ein Musiker, der mit sich im Reinen ist. Dieses Gefühl vermittelt nun auch Blue Morpho, O’Briens so schönes wie tiefschürfendes zweites Soloalbum seit 2020. Obwohl der Weg dorthin für den mittlerweile 58-jährigen Gitarristen und Sänger beschwerlich war. Denn im Jahr nach der Veröffentlichung des von der Kritik gefeierten Solodebüts Earth (noch unter dem Moniker EOB), also nach dem zweiten Lockdown, verlor O’Brien den Boden unter den Füßen, wie er jetzt in einem langen Interview des US-amerikanischen Rolling Stone einräumte. „Ich bin in eine tiefe Depression gefallen“, sagt der Brite. „Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich aufhören musste. Und mir wurde klar, dass ich mich die ganze Zeit über beschäftigt gehalten hatte – wie so viele Menschen -, auf der Flucht vor den Geistern meiner Vergangenheit, besonders aus meiner Kindheit.“

Es dauerte lange, bis Ed O’Brien aus dem seelischen Tief herausfand, das er beispielsweise im Titeltrack beschreibt. Das Album Blue Morpho spiegelt diese persönlichen Entwicklungen in sieben teils langen Songs von behaglicher Verträumtheit und mutiger Experimentierfreude, im stetigen Pendeln zwischen meditativen, psychedelischen und rhythmischen Elementen, im Mix aus prachtvollen Instrumental-Passagen, beruhigenden Drones (Solfeggio, Thin Places) und warmen Psychedelic-Folk-Gesängen. Bis hin zum fabelhaften zehnminütigen Closer Obrigado, der als Samba beginnt und in einer Hommage an Clare Torrys legendäre Vokal-Kunst auf Pink Floyds The Great Gig In The Sky (1973) endet.

Schon der Opener Incantations ist ein gut siebenminütiger, hypnotischer Prog-Brocken (zudem ein veritables Bass-Monster), auf dem O’Brien die hochkomplexe Musik seiner langjährigen Stammband mit dem farbenfrohen Worldmusic-Pop eines Peter Gabriel verbindet. Das Titelstück klingt danach wie ein einziges zartes Sehnen mit dem Tallinn Chamber Orchestra und den Streicherarrangements von Tõnu Kõrvits. Sweet Spot knüpft bei dieser kontemplativen Stimmung an, man denkt an das ikonische erste Album von King Crimson oder an die Folk-Balladen von Led Zeppelin. Teachers erlöst anschließend aus der Mitternachts-Melancholie mit lässiger TripHop-Funkiness.

Produziert wurde Blue Morpho von Ed O’Brien gemeinsam mit Paul Epworth (Adele, Florence + The Machine , Paul McCartney), aufgenommen über einen Zeitraum von vier Jahren aus Improvisationen, Fragmenten und spontanen Momenten, unter anderem in Wales sowie im Londoner Studio The Church. Unterstützung leisteten Musiker wie Shabaka Hutchings (Flöten), Dave Okumu (Gitarre), Eska (Vocals), Yves Fernandez und Dan See als Rhythmusgruppe.

Benannt nach einem schillernden Schmetterling, dem O’Brien erstmals in Brasilien begegnete, sei die Platte „für ihn kein großes Ziel, kein Endpunkt“, schreibt das Label Transgressive Records. „Er spricht von den Menschen, mit denen er das Album gemacht hat, als einer neuen musikalischen Familie – einer Gruppe von Weggefährt*innen, mit denen er es kaum erwarten kann, wieder zu arbeiten. (…) Offen spricht er über den Widerspruch, Teil einer der größten Bands der Welt zu sein und zugleich als einer der meistgefeierten Gitarristen der Rockmusik zu gelten – und trotzdem wieder Anfänger zu sein, ein neuer Songwriter, der gerade erst beginnt, seinen eigenen Ansatz zu verstehen.“

Auf die Entwicklung von Ed O’Brien als Solokünstler darf man also weiterhin sehr gespannt sein. Blue Morpho zeigt erneut, dass er seine Kreativität und sein Songwriting-Talent auch neben Radiohead bestens entfalten kann. Live kann man sich davon im Herbst am 10.10.2026 in Berlin (Admiralspalast) und am 12.10.2026 in Hamburg (Laeiszhalle, Großer Saal) überzeugen.

Ed O’Brien – Blue Morpho
VÖ: 22. Mai 2026, Transgressive Records
www.store.wasteheadquarters.com
www.facebook.com/EOBBandOfficial

Ed O’Brien Tour:
10.10.26 Berlin, Admiralspalast
12.10.26 Hamburg, Laeiszhalle

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Werner Herpell

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