SQUIRREL FLOWER – Say a Prayer to the Gods of Getting Going


Foto-© Daniel Topete

This life is free
You gotta take what you can get
Not me

(Squirrel Flower – Not Me)

Squirrel Flower ist der Bühnenname der Sängerin, Songwriterin und Multiinstrumentalistin Ella Williams aus Chicago, den sie sich als Kind selbst gegeben hat. 2020 erschien ihr Debütalbum I Was Born Swimming, das für seine atmosphärischen Gitarrenhooks und Williams‘ anmutige Vocals sehr gute Kritiken bekam. Seitdem ist die Sängerin fleißig geblieben und bringt jetzt bereits ihren fünften Longplayer raus: Say A Prayer To The Gods Of Getting Going ist vielschichtig, introspektiv und in gleichem Maße melancholisch und verspielt.

Der Opener, der den gleichen Namen wie das Album trägt, steigt ein mit verträumten Chorälen aus übereinander gelegten Gesangsspuren und einer dröhnenden Garagenrock-Klangwand. Drums fehlen, was der Nummer etwas Schwebendes und Ätherisches verleiht. Damit wird direkt der Ton für das Album vorgegeben, das zwischen Grunge und Noise Rock-Chaos auf der einen und strahlend klaren, beinah feenhaften Ambient-Tönen auf der anderen Seite hin und her pendelt.

Sick Tooth beispielsweise ist eine astreine Post-Rock-Ballade, die klingt, als wäre man mitten in einem Mogwai-Song eingestiegen. Not Me und Reelin erinnern stark an Neil Young & Crazy Horse; Not Me ist ein Country-Song mit charmanter Slide-Gitarre und einem Refrain, in dem Williams‘ engelhafte Stimme gut zur Geltung kommt. In der Ballade Reelin experimentiert die Multiinstrumentalistin mit Flöten- und Akkordeontönen, was den Track auf betörende Weise spleenig macht. Mit der hypnotischen Melodie beweist sie eine ihrer größten Stärken: Eine melancholische Stimmung einzufangen, die nach dem Ende des Sommers klingt, launig und beschwingt, aber doch wehmütig.

Williams ist für das Album durch verschiedene Städte in den USA gereist, um Inspiration zu sammeln, und das merkt man: In den Tracks sind Gefühle, Eindrücke und Erfahrungen festgehalten wie kurz aufblitzende Schnappschüsse, was der Platte den Charakter eines Poesiealbums oder eines Reisetagebuchs verleiht. Den Grunge-Track Cleveland, der auch als Single veröffentlicht wurde, hat Williams zusammen mit ihrem Bruder geschrieben und damit das Lebensgefühl ihrer Heimat eingefangen, des Mittleren Westens der USA, wo sich urbaner und ländlicher Lebensraum überlappen. Nostalgie und Fernweh liegen hier nah beieinander und es besteht eine zutiefst amerikanische Sehnsucht nach Highway-Romantik, Roadtrips und danach, per Anhalter irgendwo ins Nirgendwo zu fahren. Der Song ist geprägt von schleppenden Riffs und Gitarren-Klanggewittern, durch die Williams‘ klare Stimme schneidet wie ein Sonnenstrahl durch einen Regensturm.

Auch die Einflüsse des Folkrocks kann man bei andächtigen Nummern wie Helicopter oder bei Highway Woman spüren, einer Ballade im Stil der 60er Jahre à la The Mamas And The Papas oder Fleetwood Mac, sparsam instrumentalisiert und mit wunderschönen Gesangsharmonien. Streckenweise werden die Tracks etwas zu entspannt und gegen Ende verliert das Album dadurch Momentum. Williams könnte auch noch mehr mit dem Potenzial ihrer Stimme spielen oder aus manchen Songs auf der zweiten Hälfte klarere Hooks herausschälen. Trotzdem liefert Say A Prayer To The Gods Of Getting Going den perfekten Soundtrack für den Ausklang des Sommers: Melancholisch, aber immer verspielt und mit einer gewissen Leichtigkeit, klingt das Album so entspannt und mühelos wie nur wenige Künstler*innen am Anfang ihrer Karriere. Man sieht direkt Kornfelder und die untergehende Sonne am inneren Auge vorbeiziehen, man will sich ins Gras legen, den Wolken zuschauen und Squirrel Flower laufen lassen als verträumte, stimmungsvolle Untermalung für die lauen Spätsommernächte.

Squirrel Flower – Say a Prayer to the Gods of Getting Going
VÖ: 21. August 2026, Polyvinyl Record Co.
www.squirrelflower.net
www.facebook.com/sqrrlflwr

YouTube Video

Tamara Plempe

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