Film

Veröffentlicht am 14.06.2012 | von Benjamin

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HELDEN DES POLARKREISES – Filmkritik

Entweder du besorgst bis neun Uhr morgen früh eine Digibox oder ich verlasse dich.

(Inari – Helden des Polarkreises)

Nicht nur eines der ältesten, sondern seit jeher auch eines der unterhaltsamsten Narrative ist das Heldenepos. Traditionell erzählen diese die Geschichte eines männlichen Heroen, der – oft unterstützt von einer größeren oder kleineren Gruppe ebenso wagemutiger Gefährten – zahlreiche lebensbedrohliche Herausforderungen zu meistern hat. Nicht selten geht es um die Rettung seiner Herzensdame, die sich in Gefahr befindet. An Unterhaltsamkeit hat diese Erzählschema heute nichts eingebüßt, nur die Begebenheiten, die sich in ein solches Format einbinden lassen, scheinen uns abhanden gekommen zu sein, wenn wir nicht auf eine antike oder mittelalterliche Welt zurückgreifen wollen, wo es vor mythischen Monstern, Drachen und fiesen, mordlustigen Bösewichten nur so wimmelt. Wo Achilles mit seiner Kampfkunst glänzen konnte, Odysseus durch seinen Listenreichtum so manch knifflige Situation zu Guten wenden konnte, da klafft heute eine große Leerstelle. Denn was sind die Taten, an denen sich der Mann von heute noch beweisen kann? Gerettet werden müssen die Frauen vom ’starken‘ Geschlecht ganz sicher nicht mehr. Gott sei dank muss man vielleicht sogar sagen, denn die Herren der Schöpfung wären wohl auch kaum noch in der Lage, dieser Situation gerecht zu werden. Von der ökonomischen Herrschaft sind sie im Privaten ohnehin schon längst entbunden, was sich in Anbetracht der finanziellen Lage im Großen und Ganzen als glückliche Fügung offenbart. Stattdessen beschränkt sich ihre Zuständigkeit im Alltag nicht selten auf das letztes Refugium, das die Damenwelt ihnen bereitwillig überlässt: Die Wartung und Auswahl technischer Geräte.

Hieran entspinnt sich auch das Abenteuer von Janne (Jussi Vatanen), der im finnischen Lappland mit seiner Freundin Inari (Pamela Tola) lebt. Lappland ist eine der tristesten Landstriche Finnlands: dünnbesiedelt, kaum Chancen auf wirtschaftliches Fortkommen und zu allem wird es im Winter kaum hell. Symbolisch für die Ausweglosigkeit der Gegend steht ein alter Baum, an dem sich seit Generationen immer wieder Männer erhängen.

Man kann sich leicht vorstellen, wie Janne mit seinen ebenfalls arbeitslosen Freunden Ralle (Timo Lavikainen) und Kalle (Jasper Pääkkönen) die Zeit totschlägt. Während Ralle Tag ein Tag aus an einem Arcade-Spiel in der hiesigen Kneipe versucht, dem Automaten das Bild von Pin up Girls zu entlocken, spricht Kalle dem Alkohol zu. Einen Tag bevor in Lappland das Fernsehen auf digital umgestellt wird, beauftragt Inari Janne damit, eine Digibox zu besorgen und lässt ihm zu diesem Zweck Geld da. Natürlich investiert er es zunächst in ein Bier mit seinen Freunden, weshalb es nicht mehr für die wichtige Anschaffung reicht. Als er das an dem Freitagabend seiner besseren Hälfte beichten muss, stellt sie ihm das Ultimatum: Der einzige Ausweg, seine Beziehung zu retten, ist der Weg zu seinem Schwiegervater in einen 200 km entfernten Ort, denn dieser besitzt ein Elektrogeschäft. Janne, der sich in seiner männliche Identität bedroht fühlt, nimmt unerschrocken die Herausforderung an. Dass dabei nicht vorhandene Geld für das Gerät noch die kleinste Hürde ist, können die drei Gefährten nicht ahnen als sie sich mit dem Auto von Ralles Mutter auf den Weg machen. Auf ihrem Roadtrip stoßen sie auf Prüfungen, die den Vergleich mit denen des Odysseus nicht scheuen müssen. Auch wenn Janne durch Ideenreichtum und unumstößlichen Optimismus die Fahrt immer weiter vorantreiben kann, untergraben die Drei ihr Vorhaben genau so oft auf ironisch-tragische Weise.

Dome Karukoski erzählt in ‘Helden des Polarkreises‘ seine komisch-moderne Variante der Heldensage, die alles andere als langweilig ist. Leider ist der Humor allerdings etwas vorhersehbar, was der zynischen Dekonstruktion des männlichen Heldentypus aber keinen Abbruch tut. Letztlich wendet sich das Blatt auch zum Guten, wenn der sture Anti-Held über seinen Schatten springt und es ganz nebenbei zudem schafft, seine Begleiter mit seinem Tatendrang zu infizieren.

Helden des Polarkreises (FIN, 2010)
Regie: Dome Karukoski
Darsteller: Pamela Tola, Jussi Vatanen, Timo Lavikainen, Jasper Pääkkönen
DVD-VÖ: 22. Mai 2012, Ascot Elite Home Entertainment

httpvh://www.youtube.com/watch?v=4cMkaEvvVWY

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