Film

Veröffentlicht am 7.05.2013 | von Lisa

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GIRLS – Staffel 1 – Kritik

No one could ever hate me as much as I hate myself, okay? So any mean thing someone’s gonna think of to say about me, I’ve already said to me, about me, probably in the last half hour!

(Hannah Horvath – Girls)

4 Mittzwanzigerinnen im heutigen New York, die versuchen, ihre Freundschaften, ihr Liebesleben und ihre Jobs auf die Reihe zu kriegen? Klingt zunächst verdächtig nach einer neuen Ausgabe von ‚Sex and the City‚, und da ich nie ein Freund von Carrie Bradshaw und ihren Freundinnen war (und damit wahrscheinlich eine der wenigen weiblichen Altersgenossen, die ‚Sex and the City‘ einfach nur hohl fand), klang die erste Staffel der neuen HBO-Serie ‚Girls‚ zunächst auf dem Papier keineswegs verlockend. Bald jedoch kamen die positive Kritiken aus allen Ecken, Freunde aus den USA hielten mir stundenlange Lobesreden auf die Serie der erst 26-jährigen Drehbuchautorin, Hauptdarstellerin und Regisseurin Lena Dunham. ‚Girls‘ war in aller Munde, und so langsam wurde auch ich neugierig: Was steckt hinter dem Hype?

‚Girls‘ zeigt das Leben der vier Freundinnen Hannah, Marnie, Jessa und Shoshanna in New York – alle Anfang bis Mitte zwanzig, alle mehr oder weniger pleite und auf der Suche nach der Erfüllung ihrer Träume. Hannah Horvath, die Hauptfigur, die erdacht und gespielt wird von Lena Dunham, träumt davon, zu schreiben. Nachdem sie die Uni fertig hat, hangelt sie sich von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten, kocht Kaffee, macht Kopien, lässt sich von ekelhaften alten Chefs anbaggern und hofft, irgendwo dazwischen den großen Durchbruch zu schaffen, ein Buch zu schreiben, von der New York Times angestellt zu werden, irgendetwas.

Ihr Eltern hingegen beobachten die Entwicklungen mit Sorge, und beschließen in der ersten Folge von ‚Girls‘, ihr endlich den Geldhahn abzudrehen. Hannah ist vor den Kopf gestoßen, verzweifelt – sie sieht Großes für sich selbst in der Zukunft, doch wie soll sie ihren Eltern erklären, dass jeder Cent, den sie bekommt, eine Investition in die große Karriere ihrer Tochter ist? Dass sie die “Stimme ihrer Generation” ist? Oder zumindest “eine Stimme einer Generation”?

Dieser Ausgangspunkt in ihrem Leben, an dem wir Hannah treffen, ist symbolisch für fast alle Charaktere, denen wir in der Serie begegnen. Da ist Marnie, Hannahs beste Freundin und Mitbewohnerin, bei der immer alles perfekt zu laufen scheint – sie sieht fantastisch aus, hat einen tollen Job in einer Kunstgalerie, eine langjährige Beziehung mit Charlie, der sie abgöttisch liebt – und doch bröckelt auch all das hinter der ach so perfekten Fassade. Marnie zweifelt, fragt sich, ob das alles gewesen ist. Stellt sich all die Fragen, die man mit Mitte 20 nur allzu gut kennt: ist Charlie die Person, mit der sie ihr Leben verbringen will? Wie soll es nur werden, wenn er sie zwar liebt, aber sie schon jetzt so abgrundtief langweilt, dass sie jede Ausrede annimmt, um nicht mit ihm schlafen zu müssen?

Und dann ist da Jessa – in jedem Freundeskreis gibt es so jemanden wie Jessa. Die sich nicht um Konventionen schert, die mehr flucht als manche Menschen Schimpfwörter kennen, die jede Dummheit unter dieser Sonne macht, keine Angst vor Drogen, illegalen Handlungen hat und ein Leben führt, wie es exzessiver und haltloser kaum sein könnte. Hannah, die gerne so frei und unabhängig sein würde wie Jessa, aber im Grunde ihres Herzens doch nach einer sicheren Zukunft strebt, beneidet Jessa um diesen freien Geist, und doch hat man als Zuschauer eher Mitleid mit ihr. Auf den ersten Blick erscheint ihr Leben wie eine große Party – Drogen, feiern, Männer en masse…doch dahinter steckt eine verletzliche Seele, die ihre Haltlosigkeit und Einsamkeit mit Drogen und Exzessen zu übertünchen versucht – und schlussendlich doch die erste ist, die sich in eine scheinbar ewig währende Bindung stürzt.

Zu guter Letzt fehlt noch Shoshanna, die jüngste der Runde – Jessas kleine Cousine, die noch zur Uni geht und braver ist, als man es sich vorstellen kann. Mit ihren 21 Jahren hatte sie noch nie Sex, sie nimmt keine Drogen, mag keine Parties, liebt Popmusik aus den Charts und ist der Inbegriff des amerikanischen Heranwachsenden. Doch auch sie kämpft mit sich selbst, mit ihrer Selbstwahrnehmung, mit den Gedanken an die Zukunft. Will sie über ihren Schatten hinausspringen, etwas wagen, etwas erleben? Shoshanna fühlt sich neben den drei anderen exzentrischen jungen Frauen oft klein und unbedeutend, traut sich nichts zu, ist schüchtern. Und doch – auch wenn sie auf den ersten Blick in der Vierer-Kombo am langweilsten und unerfahrensten scheint, ist sie doch diejenige, die trotz ihres jungen Alters schon am weitesten ist.

In ‚Girls‘ geht es gar nicht so sehr darum, WAS passiert. Im Verlaufe der Staffel stolpern die Vier von einem “Abenteuer” ins nächste, ständig geht irgendetwas schief, ist jemand pleite oder hat einen One-Night-Stand, trennt sich jemand oder lernt die “Liebe seines Lebens” kennen. Nein, all das sind Ereignisse, die tatsächlich auch aus dem Leben eines jeden deutschen, mexikanischen, italienischen oder anderen internationalen 20-somethings stammen könnten. Das, was ‚Girls‘ so besonders macht, ist der Ton, mit dem Lena Dunham so zielsicher und realitätsgetreu das Leben einer ziellosen Generation in der Großstadt porträtiert, so sensibel und feinnervig, dass es einen oft erschaudert, weil die Dialoge so pointiert und wahr sind. Und dabei ist ‚Girls‘ nicht nur dramatisch, sondern an vielen Stellen auch einfach wahnsinnig witzig und ironisch, und lässt einen erkennen, wie lächerlich viele der Gedanken, die man sich in diesem Alter um sich selbst und andere macht, eigentlich sind, weil sie narzisstisch und selbstzentriert sind.

In all den Zweifeln, den Träumen, den Streits und den Freundschaften erkennt man sich selber wieder, ob man es will oder nicht. Ob es nun eher in Hannah, Marnie, Jessa oder Shoshanna ist, tut nichts zur Sache, aber Lena Dunhams großer Verdienst ist hierbei, dass sie nichts beschönigt. ‚Girls‘ ist roh und absolut ungefiltert – was sich vor allem auch in den Sex- und Nacktszenen wiederspiegelt. Hannah, Lena Dunhams Hauptfigur, ist klein und pummlig, hat kurze Haare und Cellulite, ja sie ist weit davon entfernt, sexy und glamourös zu sein. Sie ist nicht unabhängig oder cool, stattdessen rennt sie immer und immer wieder dem mysteriösen Adam hinterher, der sie für ein kurzweiliges Sexabenteuer benutzt, so scheint es. Aber – und das ist viel wichtiger, sie ist ECHT. Als normaler Fernsehzuschauer ist man perfekt ausgeleuchtete, stahlhart durchtrainierte Körper gewöhnt, etwas was so unecht und unrealistisch ist, dass die Szenen, in denen Lena Dunham so völlig selbstverständlich und nonchalant die Kleider fallen lässt, zunächst durchaus gewöhnungsbedürftig sind, grade weil wir den Anblick von nicht gephotoshoppten Körpern kaum noch kennen. Ist man über diesen kurzen Moment der Verwirrung jedoch hinaus, wird auch klar, wie großartig es ist, dass eine 26-jährige wie Lena Dunham sich mit einer absoluten Selbstverständlichkeit über diese Konventionen hinwegsetzt.

Als 27-jähriger Single in einer deutschen Großstadt kenne ich den Druck, der einem nur allzu subtil auferlegt wird (und ich will nicht lügen, zum größten Teil auch von uns Frauen untereinander!), immer dem perfekten Körper hinterherzurennen, stylish und unabhängig zu sein, bloß an keinem Mann festzuklammern, immer die perfekte, starke, selbstbewusste Frau zu sein, die nichts und niemanden braucht, außer sich selbst und ihre Yogamatte. Umso erfrischender ist es, jemanden wie Lena Dunham zu beobachten, wie sie all diese Gedanken sorgsam obduziert, auseinandernimmt und sie so wieder zusammensetzt, wie es ihr passt. Jemand, dem es so scheißegal ist, ob sie in der Presse als fett und hässlich bezeichnet wird, ob die ganze Welt in jeder Folge mindestens zweimal ihre Brüste sieht, ob die Leute sie mögen oder nicht. Lena Dunham will einfach ihre kreativen Gedanken umsetzen, und es ist ein Segen, dass HBO sie dies so ungefiltert tun lässt.

‚Girls‘ ist eine willkommene Abwechslung zu all den auf Hochglanz polierten Network-TV-Serien und hat mir eine Menge über mich selbst beigebracht. Und so wenig ich auch sein möchte wie eins der 4 ‚Girls‘, so sehr wünsche ich mir das Selbstbewusstein und vor allem das einzigartige Talent der Lena Dunham. Lena hat eine Karriere vor sich, die in Hollywood noch ihresgleichen suchen wird.

Girls – Staffel 1 (USA 2012)
Schöpfer: Lena Dunham
Darsteller: Lena Dunham, Allison Williams, Jemima Kirke
DVD-VÖ: 26. April 2013, Warner Home Video

httpvh://www.youtube.com/watch?v=VJt2O2VRj0s

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