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Veröffentlicht am 6.11.2015 | von Christian Weining

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HALF MOON RUN – Sun Leads Me On


Foto © Yani Clarke

You’ve got a baby in your belly, baby kill it with fire
In our kingdom of convenience where we sing in the choir
This a conference of our failures, a union of regret
Where we bow beneath the worry for what hasn’t happened yet

(Half Moon Run – Everybody Wants)

Sun Leads Me On‚ heißt die neue und zweite Platte von Half Moon Run. Der Album Titel kommt natürlich nicht von ungefähr. So sahen die kanadischen Musiker keine andere Möglichkeit für ein weiteres Bestehen der Band und der Produktion eines neuen Albums, als ihre Sachen zu packen und sich gemeinsam von der kalifornischen Sonne inspirieren zu lassen. Dort haben sie die neuen Songs geschrieben und aufgenommen. Herausgekommen ist weniger Indie, mehr Rock. Weniger Melancholie und mehr Leichtigkeit.

Warmest Regards‚ ist dem bisherigen Stil der Band so fremd, dass man sich kurz fragt, ob man grade die richtige Platte abspielt. Mit Country-mäßigen Akkordfolgen und Gitarrensoli klingt es nach einem einsamen Highway Drive mit den passenden Zeilen: „I’m trying to see the bright side, the best way I know. The more I look up, the more I feel alone“. ‚I Can’t Figure Out What’s Going On‚ hat auch diesen Country Einschlag, vor allem in den Gitarren Sounds, unterstützt von sanften Streichern. Macht Laune. Elektrisch und mit impulsiven Drums startet ‚Consider Yourself‚ sehr rockig und bleibt so bis später die Stimme von einem der vier Sänger sogar in Schreien abtriftet.

Ein Ohrwurm wurde mit ‚Hands In The Garden‚ geschaffen, der sehr ruhig wie ein Schlaflied beginnt und sich im Verlauf zu einem mehrstimmigen eingängigen Popstück entwickelt, das in einem Mundharmonika Solo gipfelt. Beruhigend sind hier aber auch die Lyrics: „Darling it’s no crime. You got it in your head that the best is behind of you darling that’s not right“.

Das alte Album entdeckt man vor allem im Song ‚Turn Your Love‚. Ganz besonders ist es der mehrstimmige Ausruf „Turn your love way up inside“, der immer wieder erklingt und stark an den Ausruf bei ‚Call Me In The Afternoon‚ erinnert. Tatsächlich progressiv ist hier das elektronische Pattern, das immer wieder die Gitarren und Drums unterstützt. Ganz besonders auch live dürfte der Song für Stimmung sorgen. Spannend ist hier auch das Outro, was sehr abgedämpft den Hörer dann doch wieder runterbringt. Auch ‚Narrow Margins‚ lässt sich gut in die älteren Stücke von Half Moon Run eingliedern, da es atmosphärisch dunkler ist und auch im Text melancholischer. Schön ist auch, dass hier der Bass mal eine tragendere Rolle spielt.

Der Titel Song ‚Sun Leads Me On‚ ist eine wunderschöne Ode an die Sonne und vor allem an den Aufbruch, den sie mit diesem Album tatsächlich auch wagen. Musikalisch schwebt das ganze zwischen der schweren Stimmung des ersten Albums ‚Dark Eyes‚ und der sonnigen Leichtigkeit der neuen Songs. Dann kommen endlich die Fans üppiger Trommelei auf ihre Kosten. Denn ‚It Works Itself Out‚ lebt gerade auch von den Trommeln, die sie live so beliebt gemacht haben. Viel und schnell ist die Devise und es macht eben immer noch Spaß. Mit ‚Everybody Wants‚ ist hier ein ganz feines Stück Gesellschaftskritik über die richtungslose Suche der eigenen Persönlichkeit gelungen. Von einer vor Gefühl zerlaufenden Stimme, chorischen Klagerufen, bis hin zu einem Trommelinferno schöpfen sie hier ihr Können aus. Herrlich.

Eine Intro für die letzten drei Songs bildet ‚Throes‚, ein kurzes neoklassisches Piano Stück. Mit ‚Devil May Care‚ ist das einzige richtige Folk-Stück. Simpel und schön, bevor es mit ‚The Debt‚ nochmal sehr ruhig wird mit der Frage: „Who pays the debt of our time?“. Die Platte endet mit ihrer ersten Single des neuen Albums: ‚Trust‚. So richtig kommt man nicht drauf, wie dieser Song zu verstehen ist, sowohl musikalisch – das geht hier eher in Richtung elektrischem Indie-Pop – als auch lyrisch. Er passt einfach nicht auf dieses Album und erst Recht an letzter Stelle ist er ungewöhnlich. Und trotzdem ist man nach dem Hören des gesamten Werkes zufrieden. Irgendwie verwirrt und dennoch überzeugt.

Half Moon Run halten sich bei diesem Album wenig an Regeln und verfolgen kein offensichtliches Konzept oder Gefühl. Es passiert viel in verschiedenste Richtungen. Und sie schaffen es das Ganze so zu verpacken, dass man auf seine Kosten kommt. Als Fan der ersten Stunde und als Ersthörer. Sie haben sich nicht wirklich weiterentwickelt, sondern verändert. Und wen das nicht stört, der kann hier kaum leugnen, dass es sich um eine Platte handelt, die es sich zu Hören lohnt. Ganz besonders wenn man mal wieder selber auf der Suche nach dem ist, was einem eigentlich grade am Besten gefällt.

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Half Moon Run – Sun Leads Me On
VÖ: 23. Oktober 2015, Caroline
www.halfmoonrun.com
www.facebook.com/halfmoonrun

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