Kritik

Veröffentlicht am 19.12.2019 | von Malte Triesch

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Kinotipp der Woche: THE PEANUT BUTTER FALCON

Friends are the family you choose!

(Carl – The Peanut Butter Falcon)

Zak (Zack Gottsagen) ist 22 und wie er selber sagt: „ein Mensch mit Down Syndrom“. Die sympathische Pflegerin Eleanor (Dakota Johnson) kümmert sich zwar liebevoll um ihn, kann ihm aber nicht helfen seinen Traum vom Besuch der Salt Water Redneck Wrestling Schule und einer Karriere als Profi-Wrestler zu verwirklichen. Denn Eleanor ist nicht Zaks dedizierte Betreuerin, sondern arbeitet in dem Altersheim, in dem er aus juristischer Willkür feststeckt. Um sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen bricht Zak aus und macht sich auf die abenteuerliche Reise durch das US-amerikanische Hinterland. Unterstützung erhält der naiv optimistische Mann dabei völlig unerwartet von dem Kleinkriminellen Tyler (Shia LaBeouf). Eine obskure und doch bemerkenswert glaubwürdige Selbstfindungsodyssee der beiden Männer beginnt.

Wenn man den ebenfalls herzerwärmenden Little Miss Sunshine und Tom Sawyer und Huckleberry Finns Abenteuer (für längere Zeit sind Zak und Tyler gefühlt auf genau dem Floß von Huckleberry Finn unterwegs) zusammen mischt, kommt ziemlich exakt das Story-Konstrukt von The Peanut Butter Falcon heraus. Was den Film über diese ohnehin vielversprechenden Prämisse hinaus aufwertet, ist das Duo Gottsagen und LaBeouf und die Chemie zwischen den beiden. Viele Filme werden ja gerne mit Parallelen zwischen Dreharbeiten oder Entstehungsgeschichte und der eigentlichen Story beworben. Die Dreharbeiten von Herr der Ringe waren für alle Beteiligten wie eine lange Reise durch Mittelerde, die Dreharbeiten von Apocalypse Now waren schlicht Krieg. Die Idee zu The Peanut Butter Falcon entstand durch ein Treffen des Regieduos Nylson und Schwartz mit dem Hauptdarsteller Zack Gottsagen in einem Camp für Behinderte und Nicht-Behinderte. Inspiriert von Zacks Herzenswunsch ein Filmstar zu werden, schrieben sie ihm die Rolle auf den Leib und er überträgt dieses Verlangen tatsächlich zu 100% in den Film. Von Szene eins an spürt man die ehrliche, ungetrübte aber auch ein wenig naive Begeisterung für das Wrestling und das Vertrauen in sich selbst dieses Ziel zu erreichen, wenn man nur fest daran glaubt. Dies soll die schauspielerische Leistung in seinem Debutfilm keineswegs herunterspielen, sondern vielmehr veranschaulichen. Und sollte noch irgendjemand Zweifel daran haben, dass LaBeouf mehr kann als vor Decepticons wegzulaufen, sind auch diese nach Sichtung des Films ausgeräumt. Sein Tyler erscheint zunächst eigenwillig und egoistisch, deutet aber von Anfang an eine innere Zerrissenheit und Gutmütigkeit an, die im Laufe des Films weiter an die Oberfläche kommt. So ist eine der Kernbotschaften des Films, wie eingangs zitiert, dass Freunde die Familie sind, die man sich aussucht. Trotz dieses Wahlrechtes sind es oft gerade unkonventionelle Freundschaften, die das Beste aus einem herausholen und man sollte entsprechend ohne Vorurteile auf die Menschen zugehen. Dies wird auch noch durch Dakota Johnsons Figur Eleanor verdeutlicht, die im Laufe des Films zu dem Duo hinzustößt. Sie zeigt noch mal eine andere Sicht auf das Geschehen und gibt dem Zuschauer eine zunächst etwas zugänglichere und leicht außenstehende Identifikationsfigur mit einem geregelten Leben (inklusive gesellschaftlichen Normen und Vorschriften), welches sie quasi verkörpert – schon allein durch ihr sehr gepflegtes Erscheinungsbild. Auch sie schafft ein Stück den Ausbruch aus ihrem Leben und folgt ihrem Herzen anstatt ihren Vorschriften. Das gleiche Fingerspitzengefühl wie bei dem Umgang mit seinen menschlichen Protagonisten zeigt der Film übrigens auch mit dem amerikanischen Hinterland. Ungeschönt stellt er die Rückständigkeit zur Schau, zeigt aber auch wunderbare Landschaftsbilder und nostalgische Szenerien, untermalt von einem perfekt abgestimmten Südstaaten-Blues Soundtrack.

Fantastische Schauspieler und eine wunderbar optimistische Story gespielt gegen ein differenziert dargestelltes Hinterland der USA ergeben neben Booksmart den sympathischsten Film des Jahres. Fans von Little Miss Sunshine und Wrestling-Nostalgiker kommen an diesem Roadtrip nicht vorbei. Und überhaupt, wer nach Joker oder ob der aktuellen politischen Lage wieder an die Menschheit glauben möchte, muss The Peanut Butter Falcon sehen.

The Peanut Falcon (US 2019)
Regie: Tyler Nylson, Michael Schwartz
Cast: Zack Gottsagen, Dakota Johnson, Bruce Dern, Shia LaBeouf
Kinostart: 19. Dezember 2019, Tobis Film

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Über den Autor

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.



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