Kritik no image

Veröffentlicht am 16.12.2019 | von Malte Triesch

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ONCE UPON A TIME IN…HOLLYWOOD – Filmkritik


Foto-© Sony Pictures Entertainment

That was the best acting I’ve ever seen in my whole life.

(Trudi Fraser – Once Upon A Time in…Hollywood)

Es waren einmal, so um 1969, in Hollywood ein Fernsehstar namens Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) und sein bester Freund und Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt). Ihr berufliches Schicksal war eng verwoben, denn nur, wenn der Star Rollen bekommt und nur wenn diese gefährlichen Szenen beinhalten, gibt es auch Arbeit für seinen Stuntman. Leider gab es 1969 immer weniger Arbeit in Hollywood für Rick und im Umkehrschuss noch viel weniger Arbeit für Cliff. Eine Zerreisprobe sowohl für die Karriere als auch die Freundschaft der beiden. Aber nicht nur der Mikrokosmos der zwei steht vor einem Scheideweg, sondern ganz Hollywood steht auf dem Prüfstand, denn das Studiosystem steht finanziell und kreativ in der Kritik. Neben diesen primär beruflichen Schwierigkeiten brodelt in Form des gewaltbereiten Manson Clans auch noch eine sehr reale Gefahr für Leib und Leben sowohl der beiden Protagonisten als auch für Ricks Nachbarn, Roman Polanski (Rafal Zawierucha) und Sharon Tate (Margot Robbie).

Once Upon A Time in….Hollywood ist Quentin Tarantinos Liebeserklärung an die goldenen Jahre Hollywoods. Das macht schon der Titel klar und sollte somit niemanden überraschen. Tarantino geht aber noch weiter und feiert neben der Traumschmiede an sich auch alles drumherum: das Konsumieren von Film, das Besprechen von Film, Kino als Instanz für den Film aber auch Heimkino, die Technik hinter Film und Filmemachen bis hin zur Filmrolle. Kaum ein Aspekt wird nicht zumindest mit einer kurzen liebevollen Szene bedacht. Dabei verschmelzt die Grenz zwischen Realität und Fiktion so stark, dass sie an vielen Stellen nur Hardcorefans die sowohl die Hollywoodhistorie als auch das Tarantino Universum auswendig kennen auffallen. Viele Zitate und Referenzen sind so obskur, dass nur die wenigsten sie erkennen. Reale Hollywood Figuren interagieren mit fiktiven und alles ist durchzogen mit Tarantino Trademarks wie Red Apple- Zigaretten und Nahaufnahmen von Frauenfüßen. Eben ein Märchen in und von Hollywood.

Dabei nimmt sich der Film sogar noch mehr Zeit und Ruhe als zuletzt The Hateful 8. Nach knapp zwei Stunden Laufzeit ohne tiefere Handlung wird einem bewusst, hier wird tatsächlich auch in den insgesamt 161 Minuten nicht viel passieren. Dass dabei keine Langeweile aufkommt, liegt zum einen an den routiniert genial geschriebenen Tarantino Dialogen, zum anderen daran, dass hier ein sensationeller Cast auf absolutem Topniveau spielt. Besonders DiCaprio liefert in den Szenen am fiktiven Set ein nahezu perfektes Demotape aller Emotionen ab. Dabei springt er mühelos zwischen der Metaebene des schauspielernden Schauspielers und der Rolle des Rick hin und her.

Inszenatorisch sticht besonders die Szene auf dem Anwesen des Manson Clans hervor. Versprüht der Film größtenteils eine sehr relaxte Atmosphäre, zeigt Tarantino hier im Vorbeigehen wie ein möglicher 10. Film von ihm im Horrorgenre sich anfühlen könnte. Ein weiteres Trademark von Tarantino, die plötzliche und extreme Entladung von Gewalt, gibt es in dem Film ebenfalls. Sicher zu spät für Fans, die ein Pulp Fiction oder Kill Bill erwarten, aber völlig überraschend und schockierend für jene, die es sich in der wohligen Hollywood Atmosphäre gemütlich gemacht haben. Auch hier kann man, wie in den meisten Tarantino Filmen, die Zelebrierung der Gewalt kritisieren. Tatsächlich ist sie aber so übersteuert, dass selbst den meisten Fans im Laufe der Szene das Lachen im Hals stecken bleiben wird – und genau so ist sie gedacht. Womit vielmehr die Frage in den Raum gestellt wird, ob die Gewalt gegen die im realen Leben brutalen Mörder gerechtfertigt wäre. Wie zum Trotz gegen all die Kontroversen, die dem Film vorausgingen, nimmt der Manson Clan ansonsten im gesamten Film keine zentrale Rolle ein und Charles Manson wird nicht einmal benannt. Dies kann man gut finden oder nicht, aber da Tarantinos Vision, nach eigener Aussage war, ein Denkmal für Sharon Tate und ihr Leben und eben nicht für ihren Tod zu schaffen, ist ihm dies definitiv gelungen. Somit sollten sowohl Fans von Tarantino als auch dem goldenen Zeitalter Hollywoods spätestens im Heimkino hiermit für knapp drei Stunden in wohliger Melancholie schwelgen.

Once Upon A Time In…Hollywood (USA 2019)
Regie: Quentin Tarantino
Cast: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Emilie Hirsch, Margaret Qualley, Mike Moh, Julia Butters, Al Pacino, Dakota Fanning, Kurt Russel, Zoe Bell
Heimkino VÖ: 19. Dezember 2019, Sony Pictures Entertainment

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Über den Autor

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.



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