Musik

Veröffentlicht am 29.06.2020 | von Andreas Peters

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Henry Green – Half Light


Foto-© Hattie Ellis

Moving at pace with my vision unclear
Losing the days to the lines that appear
I’m hearing faint diphthongs but I cannot find true form
Half light, half light

(Henry Green – Half Light)

Sich im mittleren Raum zwischen zwei oder auch mehreren Zuständen zu befinden, muss nicht zwingend mit Stillstand oder gar Rückschritt einhergehen. Vor allem in der Kunst zeugt der Eindruck des Dazwischen seins oft von einer starken Auseinandersetzung mit sich selbst in Verbindung zu den äußeren richtungsgebenden Koordinaten. Im Fall des Bristoler Produzenten Henry Green ist eben diese Ästhetik formgebend für sein zweites Album, treffend mit Half Light betitelt. „I almost wanted to hint that this album is a transitional thing“, formuliert Green. „The half light is a lyric in the first verse I wrote for the album, and I love that idea that you’re not fully standing in the sunlight. You’re not yourself and you’re slightly in the dark in your mind, but you know that you still have something to give“. 

Ausschweifende elektronische Klangwelten bietet nach Henry Greens Debütalbum Shift (2018) auch sein nachfolgendes Werk, mit noch mehr Schliff und mehr Tiefgang. Atmosphärisch, einfühlsam und von der luftig-zarten Stimme des Sängers getragen, gleiten die neun Songs wie in einem einzigen schwebenden Rausch durch das Licht und den Schatten, dessen Botschaften sie in sich tragen. Äußerst zerbrechlich und wie im Dunkeln tappend stellt sich All, der erste Song des Albums, dem verzweifelnden Gefühl einer (Schreib-)Blockade und ruft hoffnungsvoll die Worte „Call all the words out of me“ aus. Dass hier schließlich die Muse zu neuem Leben findet und das Motiv des Albums geboren wird, ist eine glückliche Wendung, die hier in einer sehr intimen Weise vorweggenommen wird. Es passt gut in das Gesamtkonzept, dass auf Half Light keine musikalischen Höhe- und Tiefpunkte gegenüberstehen, sondern, dass die Songs wie aus einem Guss, teilweise wenig unterscheidbar, ineinander verschmelzen. Fabric ist ein weiteres wunderbares Exemplar für die berührende Subtilität, die Henry Green hier perfektioniert. Zarte Synths, unterstützt von dezenten Gitarrenelementen und gedämpfte Beats geben diesem Stück eine weiche Atmosphäre, die an keiner Stelle gebrochen wird, immer weiter anhebt und dann zum Ende zart ins Offene entlässt. Dabei dringt der ehrliche Appell an verletzliche Stellen und wunde Punkte ein: „Can’t we speak of what’s within / Without consequence / Without all of this?“. Diese unumwundene Bereitschaft, sich selbst in den Strom der Welt zu stellen und das wegspülen zu lassen, was nicht von Dauer ist, lässt sich als eine der Eckpunkte von Half Light begreifen. Treffend wird das auch im Chorus des dynamischen Tracks Realign in eine Form gegossen: „We dissolve in it for a brief moment / I see a light flicker in the low haze / We dissolve in it and when we fall in / Softening, we realign“. 

Das Schöne an Half Light ist schließlich, dass es dann etwa ebenso so lang nachhallt, wie es auch dauert, bis man sich an den gemächlichen Vibe gewöhnt, den die Songs verkörpern. Das Album bahnt sich erst langsam einen Weg, gräbt sich dann aber immer tiefer hinein und entwickelt schließlich einen faszinierenden Sog, mitten durch Areale intimer Fragilität und persönlichen Hoffnungen, in denen das Unfertige, Angefangene und noch nicht Ausgereifte im Mittelpunkt steht. 

Henry Green – Half Light
VÖ: 03. Juli 2020, Akira Records
www.henrygreenmusic.com
www.henrygreenmusic.bandcamp.com

YouTube video

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