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Veröffentlicht am 20.07.2020 | von Anne Beier

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JARV IS… – Beyond the Pale


Foto-© Daniel Cohen

One dark night there was a big bang
Maybe a small bang, actually, more of a pop
But, whatever it was, something went off

That was the first time we started as pond slime
But now we are growing with none of us knowing
Where we are going…

(Jarv Is… – Must I Evolve)

Jarvis Cocker ist ein Britpop-Urgestein, dessen Werk wesentlich gefälliger altert als viele Werke der Konkurrenz. Schon mit Pulp schaffte er es, witzige und wichtige sozialkritische Texte in einnehmende und doch komplexe Hits zu verpacken. Nachdem Pulp sich 2002 in eine unbestimmte Pause verabschiedeten, veröffentlichte er 2006 sein Solo-Debüt Jarvis, versuchte sich 2009 mit dem von Steve Albini produzierten Album Further Complications an punkigem Grunge und kollaborierte 2017 mit Chilly Gonzales für das Kunstalbum Room 29, indem es um einen Aufenthalt in Los Angeles‘ berühmten Hotel Chateau Marmont geht.

Mit der Debütplatte seiner neuen Band Jarv Is… findet Cocker endlich wieder zurück zum nerdigen Pop, für den er so geliebt wird. Dieses Mal aus gereifter, aber nicht weniger ironischen und manchmal schmerzvollen, aber augenzwinkernden Perspektive. Die neue Energie geht sicher auch aus der Zusammensetzung der Band hervor: Er gründete Jarv Is… 2017 mit der Multi-Instrumentalistin Serafina Steer und der Bassistin, Violinistin und Sängerin Emma Smith, beide von der Londoner Post-Punk-Band Bas Jan. Später stießen Andrew McKinney, Bassist des James Taylor Quartets, Jason Buckle und der Schlagzeuger Adam Betts von den Londoner Experimental-Rockern Three Trapped Tigers hinzu. Die Band wurde als Liveband für ein von Sigur Rós kuratiertes Festival in Island gegründet. Alle Auftritte wurden mitgeschnitten. Nach einem Konzert beim Desert Daze Festival in Kalifornien hörte Geoff Barrow (Portishead, Beak) schließlich die Aufnahmen und schlug Cocker vor, diese doch als Basis für ein komplettes Studioalbum zu nehmen. Gesagt getan: Beyond the Pale ist eine Mischung aus Live-Bändern und Studioüberspielungen. Im Kontrast zu einer Liveplatte nennt die Band die Zusammenstellung der sieben Tracks ein „alive album“.

Beyond the Pale fühlt sich lebendig, cineastisch und präsent an, aber auch seltsam vorausschauend. Die ultimative FoMO-Lagerkoller-Hymne House Music All Night Long könnte leicht der Soundtrack für 2020 sein, auch wenn der Song eigentlich mit Gedanken an die Fallstricke des Älterwerdens geschrieben wurde: „Saturday night, cabin fever in house nation / This is one nation under a roof / Ain’t that the truth / Goddamn this claustrophobia“. Dabei schreibt Pitchfork: Cocker „nails the classically British art of polite desperation” und besser kann man den Song nicht beschreiben. Beim Opening-Track Save The Whale referiert Cocker in Leonard Cohen-Manier „embrace the darkness and all that it entails” vor 90er-Jahre inspirierten Synthieklängen und lieblichen Chören. Gepaart mit dem Pizzicato-Zupfen und den berauschenden Klängen der Harfenistin Serafina Steer und der Geige von Emma Smith, ist Cocker tatsächlich auf der Höhe der Zeit und eindeutig auf einem neuen Höhepunkt seines Schaffens. Highlight der Platte ist die eingängige Debütsingle Must I Evolve. In dem tanzbaren Psych-Rock-Track geht es um nichts Geringeres als die Entwicklung der Menschheit. In Cockers gewohnter Energie beschreibt er, wie wir alle vom Urknall zu einem Rave in einem Tunnel in der Nähe der M25 kommen, wo jemand seine Drogen auf einem Feld verliert und stellt damit die unvermeidliche Frage: Sind wir wirklich so weit gekommen, wie wir glauben? Sometimes I am Pharaoh erzählt aus der Perspektive von StraßenkünstlerInnen, die in der Nähe von berühmten Monumenten zu finden sind und Menschen beobachten. Der morbide, eiskalte elektronische Klang ist die perfekte Ergänzung zu den eingängigeren Nummern. Der ungewöhnliche Refrain vom letzten Track des Albums, Children of the Echo, hält Cockers stärksten Melodien stand. Besonders Adam Betts eindringliche Schlagzeugarbeit bleibt hier im Ohr.

Die Geschichten auf Beyond the Pale sind nicht mehr so eindeutig wie Cockers frühere Tophits, aber die Komplexität der Texte und Sounds zeigen ihn einmal mehr als genialen Songwriter. Die Energieinfusion der fantastischen Band hat eine Platte ermöglicht, bei der man trotz epischer Längen der einzelnen Stücke bedauert, dass sie nur sieben Tracks hat. Hoffentlich wird es bald wieder möglich sein, diese Formation live zu erleben.

Jarv Is… – Beyond the Pale
VÖ: 17. Juli 2020, Rough Trade Records
www.jarviscocker.net
www.facebook.com/Jarvis-Cocker-24870385942

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