Kritik

Veröffentlicht am 7.01.2021 | von Sam Pacheco

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TESLA – Filmkritik

Es ist als würde ich versuchen eine wilde Katze zu zähmen und daraufhin aus nichts als blutigen Kratzern bestehen.

(Nikola Tesla – Tesla)

19. Jahrhundert, USA: Nikola Tesla (Ethan Hawke) versucht alles, um seine Erfindungen im Bereich Elektrizität und drahtloser Informationsübertragung für das Wohl der Menschheit weltweit zum Einsatz zu bringen. Dabei macht er die Rechnung allerdings ohne diverse Widersacher, Opportunisten und letztlich auch seine eigene, schwierige Persönlichkeit.

Regisseur Michael Almereyda bringt seinen Stil zum Thema Krieg der Ströme – was schon in Edison – Ein Leben voller Licht abgehandelt wurde – und macht daraus am Ende nicht viel mehr als einen Krieg der Google-Suchergebnisse. Fairerweise muss man sagen, die Chronologie zeigt uns der Film bis zum K.O. durch Guglielmo Marconi, der Telsa beim Radio zuvor kam, und durch seine eigenen esoterischen Wahnvorstellungen über menschliche Energie und Lebewesen auf dem Mars. Almereyda versucht durch einen unorthodoxen Erzählstil, die Welt aus den Augen Teslas zu zeigen, was nur bedingt gelingt. Vielleicht fühlen sich Fans von Experimenter (2015) trotz allem gut aufgehoben.

Anne Morgan (Eve Hewson), Tochter von J.P. Morgan, führt uns als Erzählerin samt MacBook und Projektor im Prinzip durch eine mit Videoclips gespickte PowerPoint-Präsentation und scheint einen Blick hinter die Kulissen der Recherchearbeit zum Film zu geben. Schlagzeilenartig gibt sie oft per Voiceover an, was in der folgenden Szene zu sehen sein wird: wer, wann, wo, was. Oder sie referiert zu einer Slideshow historischer Fotos und überbrückt so Zeitsprünge. Das überaus kleine Budget des Films wird oft als Grund für die mit Rückprojektion billig im Studio gedrehten Außensequenzen und andere auffällig sparsame Methoden herangezogen, aber ich denke auch mit mehr Geld hätte Almereyda an der Ästhetik des Films nichts Wesentliches geändert. Das ist auch nicht, was letztlich am Film negativ auffällt.

Für lange Zeit scheint Telsa kaum zu sprechen. Sein Assistent Robert Underwood Johnson (Josh Hamilton), die Konkurrenten Thomas Edison (Kyle MacLachlan) und George Westinghouse (Jim Gaffigan), die Mäzene Anne und J.P. Morgan (Donnie Keshawarz) sowie viele andere überrumpeln ihn oft, sprechen Kreise um ihn herum oder überhäufen ihn mit Ratschlägen und leeren Floskeln getarnt als Lebensweisheiten, sodass man teilweise gar an die Sprüche auf den Etiketten der Teebeutel von Teekannes Wohlfühl-Kollektion denken muss.

Überhaupt gibt es viel zu viele Szenen ohne Tesla – insbesondere mit Edison im Mittelpunkt, die die Frage aufwerfen, ob man eigentlich im falschen Film ist – denn was interessiert einen Edisons Eisenerzabbau-Unternehmen? Zu oft geht Telsa im eigenen Film unter und wir lernen wenig darüber, was in seinem Kopf vorging. Nur die Szenen, in denen er plötzlich selbstbewusst auftritt – vor allem wenn er mit Sarah Bernhardt (Rebecca Dayan), der berühmtesten Darstellerin der Zeit, kokettiert – geben einen Einblick in sein Innenleben. Auch in der Reminiszenz an seinen Bruder zeigt er seine menschliche Seite. An diesen Stellen wird der Film lebendig, wenn das Bild in Trauer verschwimmt oder moderne Pop-Musik spielt und Telsa zum Karaoke-Künstler abhebt. Jedoch hatte ich fortwährend das Gefühl, der Film tapst von einer historischen Anekdote zur nächsten, verbunden durch vorgelesene Ausschnitte vom Wikipedia-Artikel, ohne wirklich zu wissen, was er will.

Tesla (USA 2020)
Regie: Michael Almereyda
Darsteller: Ethan Hawke, Kyle MacLachlan, Jim Gaffigan, Josh Hamilton, Eve Hewson, Ebon Moss-Bachrach, Lucy Walters
Heimkino-VÖ: 24. Dezember 2020, Leonine

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