Reviews

Veröffentlicht am 19.08.2021 | von Insa Germerott

0

BAYUK – Exactly The Amount Of Steps From My Bed To Your Door


Foto-© Max Hartmann

And it feels so wrong
And it doesn’t make sense
But I feel like I can’t love you back
If I can’t love myself

And it’s all okay
If we just stay friends
But I know that I could love you back
If I could love myself

(Bayuk – Head Under Waves)

Hoppla, da hätte man Magnus Hesse alias Bayuk beim ersten Hören fast nicht wiedererkannt. Der 29-jährige Wahlberliner, den man von seinem Debütalbum Rage Tapes aus 2018 fast schon avantgardistisch kennt, besinnt sich auf seiner neuen Platte Exactly The Amount Of Steps From My Bed To Your Door zurück auf die Wurzeln seiner musikalischen Jugend – und widmet sich damit einem eher ruhigeren, geordneten Sound, den wir so noch nicht von ihm gehört haben.

Es wirkt fast wie ein zweites Debüt, was die kreativen Köpfe hinter Bayuk – neben Produzent Jonas Holle waren diverse Gastmusiker*innen und u.a. der Cellist und Songwriter Joel Siepmann beteiligt – auf der ersten Platte für Monchique/Grönland Records hervorbringen: Wo der Fokus 2018 noch auf experimentellen Sounds und Atmosphärenschaffung lag, tritt 2021 an dessen Stelle eine starke Hinwendung zum Konzeptionellen – der Text, das poetische Zusammenspiel der einzelnen Songs untereinander und der Autor rücken in den Vordergrund.

Das Album erzählt dieses Mal eine konsistente Geschichte, nimmt uns mit auf eine Reise in Magnus’ Jugendzeit in den 2000er Jahren. Sinniert wird über Erinnerungen an das diffuse Gefühlschaos, den Schmerz des ersten Auseinandergehens und den Aufbruch ins Ungewisse – und das immer vom Standpunkt im Jetzt, von dem aus die Erlebnisse neu bewertet und teils romantisch verklärt werden.

Den Spagat zwischen retrospektiver Romantisierung und jugendlicher Leichtigkeit schafft das neue Bayuk-Album dabei musikalisch besonders gekonnt: Schwermütige Balladen und melancholischer Indie-Rock, der an die Indie-Bands der 2000er Jahre erinnert, wechseln sich mit hitverdächtigen und fast schon tanzbaren Hymnen à la Bloc Party ab. Klänge bauen sich auf, verweben sich zu träumerischen Soundgebilden – und fallen dann doch wieder in sich zusammen, spiegeln die Zerbrechlichkeit des Augenblicks und des sich im Umbruch befindenden Lebens wider. You Won führt mit für die Platte charakteristischen verzerrten Gitarren ins Album ein. Die warmen, nostalgischen Klänge hüllen uns ein und tragen uns auch über den Track hinaus durch das gesamte Album, katapultieren uns dabei direkt in die 2000er.

Mit 200 Miles und Head Under Waves gibt es großes Ohrwurmpotential obendrauf – die eingängigen, akustischen Songs prägen sich ein und trotz bittersüßen Messages schaffen sie es, durch Folk-Pop-Einflüsse und vereinzelt eingesetzte Synthie-Effekte mit einer sommerlichen Leichtigkeit daherzukommen. Kein Wunder, dass beide Songs bereits als Singles erschienen sind – sie laufen auf Repeat.

Ein Track, der beim nächsten Konzert auf jeden Fall nicht fehlen darf, ist Different, das Featuring mit Tobias Kuhn, dem Kopf hinter Monta und Mitgründer des Labels Monchique: Nachdem sich der Song anfangs erst etwas schleppend aufbaut, schafft er es ab der Mitte, sobald das Schlagzeug einsetzt, Fahrt aufzunehmen und zeitweise sogar zum Tanzen einzuladen.

Mit der Ballade Oslo, dem längsten Song auf dem Album, wird klanglich eine ganz eigene Welt erschaffen. Die anfängliche Zweistimmigkeit transportiert direkt die geballte Ladung Herzschmerz, der Chorus mit der wiederholten Line „I‘ll be missing you (so much)“ und der anschließende Instrumentalpart geben uns den Rest und der Seufzer am Ende hinterlässt uns schwermütig und nachdenklich – Achtung: heartbreak incoming.

Bayuks Album wirkt nicht an Trends der Zeit angepasst und gleichzeitig doch so unglaublich passend – mit seiner Geschichte kann sich vermutlich jedes 90s Kid identifizieren. Indie-Fans der 2000er Jahre werden hier voll auf ihre Kosten kommen. Wer das passende Album für spätsommerlich-nostalgisches In-Erinnerungen-Schwelgen und den bald beginnenden Herbst-Blues sucht, wird mit Exactly The Amount Of Steps From My Bed To Your Door genau das finden, was er*sie sucht.

Bayuk – Exactly The Amount Of Steps From My Bed To Your Door
VÖ: 27. August 2021, Monchique
www.bayukmusic.com
www.facebook.com/bayukmusic

YouTube video

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,


Über den Autor



Comments are closed.

Back to Top ↑
  • GLF21

    GLF21

    Leider wird es auch in 2021 kein Golden Leaves Festival geben. Lest hier unsere offizielle Absage.

  • Endlich Open-Air

    Endlich Open-Air

    Endlich Open-Air! Unter dem Motto life & safe holen wir mit unseren Kollegen von der Centralstation und dem 806qm Acts wie Helge Schneider, Joy Denalane, Alice Merton, Mighty Oaks, Altin Gün, Mine, Nura, Muff Potter, Joris und viele mehr auf den Messplatz in Darmstadt.

  • Bedroomdisco Weekly

  • Bedroomdisco TV