Kritik

Veröffentlicht am 5.10.2021 | von Helena Barth

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NOWHERE SPECIAL – Filmkritik


Foto-© Piffl Medien

„You won´t see me, but you can talk to me and I will listen. And you won´t hear me like you hear me now, but you will hear me inside you.“

(John – Nowhere Special)

John (James Norton) ist ein einfacher Fensterputzer in einer kleinen irischen Stadt und alleinerziehender Vater des vierjährigen Michael (Daniel Lamont). Die beiden führen ein sehr bescheidenes und doch äußerst glückliches Leben zu zweit. Einzig die Gewissheit, dass das gemeinsame Glück viel zu früh ein jähes Ende finden wird, ist vor allem John nur allzu bewusst. John ist unheilbar krank und sucht nun für seinen kleinen Sohn nach einer idealen Adoptivfamilie.

Liest man die kurze Zusammenfassung der Handlung, kommt man nicht umhin ein emotionsgeladenes Melodrama mit einer Prise Pathos zu erwarten. Doch wird man während der ersten Filmminuten eines Besseren belehrt und schon nach der ersten halben Stunde ist man als Zuschauer den Tränen so nahe, dass man sich wundert, wie es dieser Film schafft, ganz ohne Sentimentalismus, platte Rührseligkeit oder gar Kitsch solch eine sensible und extrem emotionale Geschichte erzählen zu können, ohne, dass man je an der Authentizität der Figuren zweifelt. Nowhere Special erzählt behutsam eine herzzerreißende Geschichte ohne stilistische Überzeichnung. Als Zuschauer begleitet man John und Michael auf dem Weg zum Kindergarten, geht mit ihnen einkaufen, frühstückt oder liest ein Buch kurz vorm Schlafengehen. Alles alltägliche Dinge, die man für selbstverständlich halten mag, doch die die kleinen Glücks- aber auf Frustmomente von Vater und Sohn so präzise und unverfälscht einfangen, dass man glaubt, endlich zu realisieren, weshalb das Leben so schön sein kann. Und auch während dieser wundervollen Momente zwischen Vater und Sohn kommt man nicht umhin einige Tränen zu vergießen, vielleicht, weil die Vergänglichkeit dieses Glücks dem Zuschauer umso bewusster wird, je mehr Zeit man mit den beiden verbringt. Das Thema Tod wird dabei bedachtsam und ruhig angesprochen und der Umgang mit dieser sensiblen Thematik nie wirklich verklärt dargestellt. Auch wenn ab und an einige metaphorische Ausdrücke fallen, so werden diese so sanftmütig und ehrlich vermittelt, dass einzig die Liebe und Hingebung des Vaters zu seinem Sohn durchscheinen. Und dies ist besonders dem herausragenden Schauspiel der beiden Hauptdarsteller zu verdanken. James Norton schafft es allein durch seine klaren und eindringlichen Blicke tiefgreifende Emotionen zu vermitteln. Auf der einen Seite begleitet man John während der Suche nach einem passenden neuen Zuhause für seinen Sohn auf seinem einsamen Weg zwischen Verzweiflung und Verantwortungsgefühl und fühlt mit ihm einen tiefen emotionalen Schmerz. Dabei genügt allein der Blick Johns auf seinen No. 1 Dad-Kaffeebecher, und wie einfach sich, mit einer einfachen Neupositionierung des Daumens, aus diesem „No. 1 Dad“ ein „No Dad“ machen lässt. Auf der anderen Seite durchdringt einen die Liebe und Zuneigung des Vaters durch scheinbar unscheinbare Gesten und Handlungen.

Erst im Verlauf des Filmes fällt dem Zuschauer zum Beispiel auf, dass, während Michael stets neue und saubere Kleidung anzieht oder erhält, John bloß ein und dieselben, bereits verwaschenen und beschädigten Kleider trägt. So folgen Kostüm- und Setdesign, wie auch die Performance der Hauptdarsteller dem Ansatz, zu zeigen und nicht einfach zu erklären. Und nicht zuletzt schafft es der junge Daniel Lamont mit seinem natürlichen, herzerwärmenden und dabei nachdenklichen Spiel Emotionen ohne viele Worte zu vermitteln. Das Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller steckt so voller Wärme und Harmonie, dass es diese auch gar nicht braucht, um die Liebe und Verbundenheit zwischen Vater und Sohn zu spüren.

Nowhere Special ist, wie der Titel es bereits andeutet, in seiner Inszenierung sowie seiner Dramaturgie leise und nicht besonders auffällig, doch in Hinblick auf die Wirkung und vor allem auf die Botschaft exorbitant! So zeigt uns der Film in kleinen Gesten und vielen Andeutungen, dass jeder Ort und jede Reise besonders sind, solange man mit dem Menschen, den man liebt, zusammen ist.

Nowhere Special (ITL, RUM, UK 2020)
Regie: Uberto Pasolini
Besetzung: James Norton, Daniel Lamont, Eileen O´Higgins, Stella McCusker
Kinostart: 7. Oktober 2021, Piffl Medien

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