Kritik

Veröffentlicht am 22.11.2021 | von Sam Pacheco

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PROXIMA – DIE ASTRONAUTIN – Filmkritik


Foto-© Koch Films

The hard part is coming back and realising the world has moved on without you.

(Anton – Proxima – Die Astronautin)

Sarah Loreau (Eva Green) arbeitet als Astronautin bei der European Space Agency im Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln. Ihre achtjährige Tochter Stella (Zélie Boulant-Lemesle) erzieht sie ohne den Vater Thomas Akerman (Lars Eidinger), der in Darmstadt lebt und dort für das Europäische Raumflugkontrollzentrum (ESOC) gerade die zukünftige erste bemannte Mission zum Mars mitentwickelt hat. Nicht zuletzt an der Tatsache, dass die Tochter Stern heißt und die Katze nach Laika, dem ersten Hund im All, benannt ist, merkt man, dass die Eltern den Weltraum leben und atmen. Diese Faszination hat sich durchaus auch auf Stella übertragen: Eine Astronautin als Mutter zu haben, ist etwas Besonderes. Somit freuen sich auch alle riesig und sind stolz auf Sarah, als sie recht kurzfristig zu einer einjährigen Mission namens Proxima auf der Internationalen Raumstation (ISS) berufen wird, um sich maßgeblich an den Vorbereitungen von Marsmissionen zu beteiligen. Es dauert aber nicht lange, bis die Realität einsetzt und die Familie feststellt, was sich alles ändern wird: Schon jetzt in der Trainingsphase wird Sarah keine Zeit mehr für Stella haben, sodass ihre Tochter gleich zum Vater nach Darmstadt zieht. Somit beginnt Sarah zusammen mit Missionsleiter Mike Shannon (Matt Dillon) und Anton Ocheivsky (Aleksey Fateev) den lange Abschied von der Erde und denen, die dort zurückbleiben werden, sowie das harte Training in einer schwierig zu navigierenden Männerwelt.

Alice Winocour (Regie & Drehbuch; Augustine & Mustang) hat durch die Erfahrungen mit ihrer eigenen Tochter, ihrer eigenen langjährigen Faszination mit dem Weltall und der Weltraumfahrt, viel Recherche und Dreharbeiten vor Ort im EAC, dem russischen Ausbildungszentrum Star City in der Nähe von Moskau sowie dem Kosmodrom in Baikonur, Kazakhstan, von wo Sojus-Raketen starten, ein geradezu dokumentarisches Werk erschaffen. Proxima endet dort, wo die meisten anderen Weltraumfilme erst richtig anfangen: mit dem Raketenstart. Winocour setzt dabei mehrere Schwerpunkte. Sie gibt uns einen Einblick in die komplexen Vorbereitungen auf eine Weltraummission. Sie erforscht, was es bedeutet, die Erde zu verlassen, vor allem anhand einer Mutter-Tochter-Beziehung. Sie zeigt uns, womit Frauen und Mütter, die voll berufstätig sind, zu kämpfen haben.

Die europäische Perspektive auf die Raumfahrt ist erfrischend, vor allem weil amerikanische Inszenierungen meistens nur so vor überhöhtem Pathos und Heldentum strotzen. Wir sehen nicht nur eine multinationale Welt, in der fließend zwischen Französisch, Deutsch, Englisch und Russisch gewechselt wird, und die kulturübergreifende Zusammenarbeit, für die die ISS so gefeiert wird. Das Setting verdeutlicht auch die Kontraste, wenn es zum Beispiel um Kindererziehung und die Rolle der Mutter, des Vaters und der Gesellschaft darin geht – und zwar so, dass durchaus alle ihr Fett wegkriegen. In der Raumfahrt werden dieselben Ansprüche an alle Astronauten gestellt, egal welchen Geschlechts, und es gelten identische Aufnahmekriterien. Mike nimmt trotzdem Sarah als ebenbürtige Astronautin nicht ernst, was zu Konflikten führt. Für das finale Crew-Mitglied der Proxima-Mission, Anton, ist außer als Brücke zwischen Mike und Sarah nicht viel Platz im Drehbuch. Für ihn ist es in erster Linie wichtig, möglichst viele Eindrücke von der Erde zu verinnerlichen. Am Effekt des Trainingspensums auf Sarahs mentale und körperliche Konstitution zeigt uns Winocour nicht nur die größere Hürde, die Sarah als Frau nehmen muss: Mit diesen und anderen Bildern sehen wir die Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers, was die Umstände im All und das Verlassen der Erde noch schwerwiegender erscheinen lässt. Je kürzer die verbleibende Zeit auf der Erde für die Weltraumreisenden wird, desto prominenter wird auch die großartige Filmmusik von Ryuichi Sakamoto (The Last Emperor & The Revenant), die die Liebeserklärung an das, was sie zurücklassen werden vollendet: ein Spaziergang barfuß im Wald, eine letzte echte Dusche, ein letzter Blick auf die Familie. Auf Muttererde sind wir geborgen, genauso wie ein Kind bei den Eltern geborgen ist. Irgendwann, so prophezeien es Stephen Hawkings und viele andere, wird die Menschheit die Erde verlassen. Insofern hat Proxima eine Botschaft für alle.

Winocour überlässt dem Zuschauer viele Lücken zum selbst Ausfüllen und dadurch auch die Gelegenheit bzw. den Anlass, seine eigenen Vorurteile und Annahmen zu entdecken und zu prüfen. Sie hat mit einem wundervollen Cast und einer mehr als kompetenten Crew etwas Besonderes auf die Leinwand gezaubert.

Proxima (FR DE 2021)
Regie: Alice Winocour
Cast: Eva Green, Matt Dillon, Zélie Boulant-Lemesle, Lars Eidinger, Sandra Hüller
Heimkino Release: Ab 18. November Digital, ab 25. November als Blu-ray und DVD, Koch Films

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