Kritik

Veröffentlicht am 17.12.2021 | von Patrick Freitag

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SCHWANENGESANG – Filmkritik


Foto-© Apple TV+

This will be common as a heart transplant within a few years.

(Dr. Eve Scott – Schwanengesang)

Cameron (Mahershala Ali) wird sterben. Damit seine Familie nicht leiden muss, entscheidet er sich zu einer neuen medizinischen Errungenschaft. Diese ermöglicht, einen perfekte Klon zu erschaffen, der Camerons Platz im Leben einnehmen wird. Schwanengesang handelt hierbei von den Gedanken und Ängsten, von Sterben und Weiterleben, von Abschied und Neuanfang, die ein solcher Schritt mit sich bringt.

Wenn man an Eigenproduktionen von Apple TV+ denkt, kommen einem vielleicht eher hochkarätige Serien wie The Morning Show, Ted Lasso oder die fantastischen Sci-fi-Serie Foundation in den Sinn. Bei Filmen ist es bis auf wenige Ausnahmen allerdings noch etwas ruhiger auf dem Streaming-Dienst. Dies könnte sich in den nächsten Monaten ändern, dank Ankündigungen wie MacBeth oder Killers of the Flower Moon. Aber auch Schwanengesang sollte man auf dem Schirm haben, denn dieser Film hat das Potential den Anfang zu machen.

Schwanengesang ist ein ruhiger Film, der sich eher mit philosophischen Gedanken zum Thema Gesundheit und Sterben beschäftigt, ein Thema, so alt wie das Leben selbst. Dabei beschreibt der Regisseur Benjamin Clearly einen Gedanken, dass das Sterben selbst zwar nicht verhindert werden kann, aber eine Möglichkeit geschaffen wurde, die damit verbundenen Emotionen und Auswirkungen den Mitmenschen zu ersparen. Dafür werden einem perfekter Klon alle Erinnerungen übertragen, woraufhin dieser den Platz des Originals einnimmt. Die Mitmenschen sollen davon nichts mitbekommen und so ist Cameron alleine mit seinen Emotionen und Ängsten, denen er sich im Laufe der Einrichtung des Klons stellen muss. Dieser Weg und der Umgang mit seinen Emotionen bilden dabei den Hauptteil des Films. Einziger Begleiter ist, neben den Ärzten, Kate (Awkwafina), die die gleiche Behandlung vollzogen hat. Der Film schafft damit zwar ein philosophisches, bodenloses Fass, konzentriert sich aber auch viel auf die Emotionen und Gedanken der Charaktere. Beides zusammen ergibt eine interessante Thematik, welche noch lange nach dem Film nachwirkt.

Besonders hervorzuheben ist die schauspielerische Leistung: Mahershala Ali wirkt oft nicht, als würde er schauspielern. Er lebt die Rolle und so erscheinen viele Szenen direkt aus dem Leben der Leute gegriffen und zu einem Film zusammengeschnitten. Jede Mimik, oder Emotion wirkt, als würde er sie wirklich durchleben. Und hier überzeugt im Prinzip der gesamte Cast, auch wenn Akwafina etwas zu wenig zu sehen ist. Sie glänzt mit ihrer bekannten eigenen Art und schafft es trotz dem ernsten Thema für einige Lacher zu sorgen, die trotzdem nicht fehlplatziert wirken. Auch Naomi Harris überzeugt in ihrer Rolle als Frau von Mahershalas Charakter und die beiden harmonieren super zusammen, was zu einer der schönsten ersten Treffen in Filmen führt. Einzig die Ärzte, vor allem verkörpert durch Glenn Rose, wirken etwas steif.

Der Film hat eine einprägende visuelle Darstellung: Das Set ist sehr modern und durch starkes Design und Architektur geprägt, was man allerdings mögen muss und für manche zu glatt und modern wirken kann. Die Zukunft findet vor allem in der Elektronik statt, so gibt es keine Smartphones mehr, diese sind durch Hologramme ersetzt oder Autos durch selbstfahrende Kapseln. Dabei ist alles sehr stimmig zusammengefügt. Viele Szenen sind durch ihre Farben und modernen Gebilde sehr ästhetisch und auch die Symmetrie einiger Szenen fällt direkt auf und lässt einen mit der teilweisen mittigen Zentrierung an Wes Anderson denken, wenn Schwanengesang auch nicht ansatzweise so bunt daher kommt. Zwar ist daran wenig wirklich neu und man hat vieles schon in anderen Filmen ähnlich gesehen (so erinnert die Architektur und das Set sehr an Ex Machina von Alex Garland), aber Clearly schafft hier trotzdem eine eigene Handschrift. So sollte man sich den Namen Benjamin Clearly auf jeden Fall merken. Schwanengesang ist nämlich sein Regiedebüt, bei dem er gleichzeitig Drehbuchautor war und er macht damit Lust auf mehr.

Schwanengesang ist aufgrund seiner Thematik und den philosophischen und emotionalen Ansätzen kein Film für das breite Publikum oder einen spannenden Filmabend, aber trotzdem sehr lohnenswert. Er lädt zum Philosophieren und Reflektieren ein, aber überzeugt auch durch seine grandiosen Darsteller und die modernen Inszenierung.

Swan Song (USA 2021)
Regie: Benjamin Cleary
Darsteller: Mahershala Ali, Glenn Close, Naomie Harris, Awkwafina, Adam Beach
Streaming-VÖ: 17. Dezember 2021, Apple TV+

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