PARK JIHA – The Gleam


Foto-© Marcin T Jozefiak

Bei all der Schwurbelei der letzten Monate ist die Rede vom Atmen und vom Licht etwas unter die Räder gekommen. Während ich gerade noch tippe, dass hier ein Album der Beziehung zwischen „Musik, Licht und Menschen“ nachspürt, dröhnen von der Straße die gleichen Schlagwörter hinaus – und doch könnten beide Welten in diesem Moment nicht gegensätzlicher sein. Zum Glück hilft The Gleam, das mittlerweile dritte Werk der koreanischen Komponistin Park Jiha, sich auch angedellten Begriffen wieder entspannt zu nähern.

Wie schon sein Vorgänger Philos (2019) basiert das Solowerk auf drei traditionellen koreanischen Instrumenten: der auf dem Albumcover abgebildeten Mundorgel Saengwhang, dem Yanggeum, einer Zither und der Piri, einem kleinen, Oboen-ähnlichen Blasinstrument mit überraschend durchdringendem Klang. Weniger traditionell ist dagegen, was Park Jiha mit diesen Instrumenten macht: Seelenruhig zieht die Multi-Instrumentalistin ihre Hörer*innen in den Bann ihrer schwebenden Stücke, die sich unvermittelt ausdehnen und wieder zusammenziehen. Ahmen die glasklaren Tonfolgen der Piri auf At Dawn noch die dürren, aber unaufhaltsamen Strahlen des Morgenlichts nach, gehen sie mitsamt dem Saenghwang in stetes Atmen über, aus dem bald ein vielstimmiger, verflochtener Chor wird. Light Way, der dritte Track, führt dann erstmals das Yanggeum und seine flirrenden Klangtexturen ein, die den Grund für die schnelleren, spielerischen Melodien der zweiten Albumhälfte bereiten. Bis mit Nightfall Dancer wieder Dunkelheit einkehrt, scheint sich ein ganzer Lebenstag im Rhythmus des Tageslichts abgespielt zu haben.

Dass sich hier die vielleicht passendsten Bilder zur Beschreibung von Parks Kompositionen finden, liegt auch an der Abwesenheit vielzitierter Referenzen. Klar, Park spielt drei Instrumente, die der koreanischen Nationalmusik Gugak ihren charakteristischen Klang verleihen – aber statt den jahrhundertealten Regeln zu folgen, die sie während ihrer Ausbildung am National Gugak Center studierte, improvisiert sie phasenweise lieber. Ja, dieser enorme Raum, die alle Töne einnehmen dürfen, um dann Songs wie Temporary Inertia in wiederkehrenden Mustern zu durchdringen, das erinnert mal an schleppenden Drone-Rock, mal an Minimal Music – und nimmt doch unmittelbar Fahrt auf, bis das Wiegenlied zum schwungvollen Walzer wird. Und spätestens, wenn Park kurz vor Schluss Yanggeum gegen Glockenspiel eintauscht, drängt sich ein weiterer Vergleich auf: diese Beschwingtheit, diese einsamen, einnehmenden Melodien – könnte das nicht auch von einem Ein-Mann-Orchester wie Yann Tiersen kommen?

Nein, Park Jiha macht entschieden ihr eigenes Ding – beziehungsweise, lässt ihre Musik über allen Dingen schweben. Mit The Gleam setzt sie ihren bewundernswerten Weg nicht nur fort, sondern bietet einen behutsamen – und sehr empfehlenswerten – Einstieg in ihre Musik.

Park Jiha – The Gleam
VÖ: 25. Februar 2022, tak:til
www.parkjiha.com
www.facebook.com/jihasound

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