Kritik

Veröffentlicht am 3.03.2022 | von Malte Triesch

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THE CARD COUNTER – Filmkritik


Foto-© 2021 Lucky Number, Inc.

Having been sentenced to ten years in prison, I learned to count cards.

(William Tell – The Card Counter)

In zehn Jahren Gefängnis hat William Tell (Oscar Isaac) ein enormes Talent zum Kartenzählen entwickelt. So sehr, dass er, aus dem Gefängnis entlassen, sein bescheidenes Leben aus den Gewinnen kleinerer Pokerturniere bestreiten kann. Sein Talent ruft La Linda (Tiffany Haddish) auf den Plan, die ihn zu einem Pokerstar aufbauen will. Seine Entlassung wiederum zieht die Aufmerksamkeit von Cirk (Tye Sheridan) auf sich. Dessen Eltern, ebenso wie der freiberufliche Armeeberater Gordo (Willem Dafoe) in Williams dunkler Vergangenheit verwickelt sind. Die Vergangenheit hinter sich zu lassen und Cirk vor den gleichen Fehlern zu bewahren, die er einst begann, Buße zu tun und ein beschauliches Leben zu führen, scheinen Ziele zu sein, die sich nicht vereinbaren lassen.

Der größte Fehler, den man als Zuschauer bei The Card Counter begehen kann, ist einen glamourösen Glücksspiel- oder Gangster-Film zu erwarten. Ebenso wenig wie Taxi Driver (1976), zu dem Regisseur Paul Schrader das Drehbuch schrieb, eine Ode an die romantische Seite der Personenbeförderung ist, gibt es hier dramatische Showdowns am Pokertisch. Das Glücksspiel wird als monotone, berechnende Arbeit dargestellt und das wieder und wieder. Das ist filmisch nicht besonders spannend, soll es aber auch nicht sein, denn William spielt nicht aus Spaß und überhaupt ist das Glücksspiel nur der Hintergrund einer Charakterstudie. So kämpft man sich mit ihm gemeinsam durch zähe Pokerpartien und erhält Stück für Stück Einblicke in seine Vergangenheit und versteht wie und warum Cirk und Gordo in seine Geschichte passen. Man sieht um ihn herum den Glamour der Glücksspieltempel und die Passion anderer Spieler. Nicht wenige werden sich wünschen der Film würde zumindest zeitweise der Geschichte des überzeichneten Pokerstars Mr. USA (Alexander Barbara) folgen. Denn die scheint wesentlich mehr Spaß zu machen. Aber das ist nicht das Leben von William und das ist nicht die Geschichte, die Schrader uns erzählen will. William bewegt sich zwar in dieser Welt, ist aber an sich kein Teil von ihr. Überhaupt scheint er eher zu überleben als zu leben.

Auch als Zuschauer wird man, vermutlich vom Regisseur beabsichtigt, nicht fast zwei Stunden mitfiebern. Weder die Pokerspiele, noch der Handlung im Allgemeinen sind besonders mitreißend. Das hebt sich der Film für das Finale auf, in dem nicht nur alle Karten bezüglich der Hintergrundgeschichte auf den Tisch gelegt, sondern auch komplett neu verteilt werden. So wirkt der Film einige Tage nach, in denen man versucht die offengelegten Motivationen und Schicksale der Hauptdarsteller, die wenig überraschend einen fantastischen Job machen, einzuordnen. Abgesehen von der schauspielerischen Leistung gibt sich der Film inszenatorisch und handwerklich solide. Einzig die etwas experimentell inszenierten Flashback-Szenen in die gemeinsame Vergangenheit von Gordo und William stechen heraus, jedoch nicht unbedingt positiv. In Summe reicht The Card Counter zwar nicht an die wegweisenden Frühwerke Schraders heran, ist aber durchaus sehenswert.

The Card Counter (US 2021)
Regie: Paul Schrader
Besetzung: Oscar Isaac, Tiffany Haddish, Tye Sheridan, Willem Dafoe, Alexander Barbara
Kinostart: 03. März 2022, Weltkino

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Über den Autor

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.



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