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Veröffentlicht am 25.04.2022 | von Dominik

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Bedroomdisco Top Alben – Mai

Foto-© Michael Marcelle

Es ist soweit – im Mai macht sich auf den letzten Metern bis zum neuen Arcade Fire-Album WE große Vorfreude breit! Umso mehr, da es nicht die einzigen Hochkaräter sind, die uns in diesem Monat beglücken – unsere Alben des Monats:

1. Arcade Fire – WE (VÖ: 06.05.22)

Lange rumorte es bezüglich des sechsten Studioalbums der Kanadier Arcade Fire – Mitte März wurde es dann Gewissheit, dass WE am 6. Mai erscheint, inklusive der ersten Single Lightning I, II, einigen geheimen Pop-Up-Shows. Kurzum die Erwartungen sind riesig an das von Nigel Godrich, Win Butler und Régine Chassagne produzierte Album, das an den verschiedensten Orten, darunter New Orleans, El Paso und Mount Desert Island aufgenommen wurde und in Form eines 40-minütigen Epos daherkommt. Ein Epos, das ebenso sehr von den Kräften handelt, die uns von den Menschen, die wir lieben, wegzuziehen drohen, wie von der dringenden Notwendigkeit, sie zu überwinden. WE’s kathartische Reise folgt einem definierbaren Bogen von der Dunkelheit ins Licht über den Verlauf von sieben Songs, die in zwei unterschiedliche Seiten unterteilt sind – Seite I, die die Angst und Einsamkeit der Isolation kanalisiert, und Seite WE, die die Freude und Kraft der Wiedervereinigung ausdrückt. Wir erwarten ein klares Album des Monats, wenn nicht des Jahres – alles andere, wäre untypisch für Arcade Fire.

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2. Ibeyi – Spell 31 (VÖ: 06.05.22)

Seit ihrem gefeierten selbstbetitelten Debüt, das noch sehr mit einem zeitgenössischen Weltmusik-Mix liebäugelte, hat das afro-cubanisch-französische Zwillings-Duo Ibeyi immer mehr den Pfad gen urbaneren Sounds eingeschlagen, ohne aber ihre Wurzeln zu verstecken. So ist es auch nur folgerichtig, dass sie weiterhin von XL Recordings Label-Chef Richard Russell als Produzent unterstützt werden, hat dieser doch zuletzt mit seinem Recording-Projekt Everything Is Recorded auch einen erfolgreichen wie hochqualitativen Abstecher in diese Gefilde gewagt. Gleichzeitig kehrt das Duo mit dem Album wieder zu ihren spirituellen Wurzeln zurück. Harmonie, Heilung und Magie sind die zentralen Themen von Spell 31. Es scheint kein Zufall zu sein, dass dieses Album gerade jetzt erscheint – in einer Welt, die dringend spirituelle Heilung benötigt. Dafür holten sich Ibeyi auch noch Jorja Smith, Pa Salieu und BERWYN ins Studio!

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3. Kevin Morby – This is a Photograph (VÖ: 13.05.22)

Kevin Morby hat sich mit seinen bisherigen gefeierten sechs Studioalben einen schönen Platz zwischen Größen wie Bill Callahan, Kurt Vile oder Jeff Tweedy als großer Americana-Songwriter gemacht. Sein Songwriting verdichtet dabei auf eine einzigartige Weise atmosphärische und aufrüttelnde Texte und eingängige Melodien zu Songs, die im Hinterkopf die großen Weiten der amerikanischen Mitte aufstoßen. Sein neues Album This Is A Photograph ist dabei eine hoch persönliche Angelegenheit: Die Geschichte beginnt im Januar 2020, als Kevin Morby im Keller seines Elternhauses in Kansas City geistesabwesend in einer Kiste mit alten Familienfotos blättert. Nur Stunden zuvor war sein Vater bei einem Familienessen vor seinen Augen zusammengebrochen und musste ins Krankenhaus gebracht werden. In dieser Nacht spürte Morby noch immer den Schock und die Angst in seinen Knochen. Also sah er sich die Bilder an, bis ihm eines davon ins Auge sprang: sein Vater als junger Mann, stolz und stark und voller Selbstvertrauen, der mit freiem Oberkörper auf einer Wiese posiert. „Auf dem Foto sieht er jung und selbstbewusst aus und streckt der Kamera seine Brust entgegen, als ob er auf einen Kampf aus wäre“, erklärt Morby. „Mir war nicht entgangen, dass es sich um denselben Brustkorb handelte, an den der Krankenwagen nur Stunden zuvor ein Stethoskop gehalten hatte, als er auf dem Küchenboden im Haus meiner Schwester lag.“ Während sein Vater wieder zu Kräften kam, grübelte Morby über diese Gedanken nach. Und dann machte er sich auf den Weg nach Memphis. Er zog in das Peabody Hotel und verbrachte seine Tage damit, den Träumern, die er bewunderte, Tribut zu zollen und sich vor ihnen zu verneigen; er ging hinunter zum Ufer des Mississippi, zu der Stelle, an der Jeff Buckley sein Ende fand. Er schlenderte durch das Viertel, in dem Jay Reatard seinen letzten Tag verbrachte, und fuhr dann am Stax-Zelt vorbei, um seine Stimmung kurz aufzulockern. Dann fuhr er an Graceland vorbei, bevor er den Highway 61 überquerte und die Geister zu sich rufen ließ, um seine eigenen Träume zu gestalten. Abends kehrte er in sein Zimmer zurück und hielt seine Ideen auf einem behelfsmäßigen Aufnahmegerät fest, das nur aus seiner Gitarre und einem Mikrofon bestand. Die elegischen Lieder, die zu all dem passen, was er gesehen hatte, sprudelten nur so aus ihm heraus – und wie ein Sog zieht dieses, mal wieder großartige Album des US-Amerikaners einen nur so in seinen Bann.

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4. Porridge Radio – Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky (VÖ: 20.05.22)

Die Band Porridge Radio gehört seit dem 2020er Album Every Bad zu unseren absoluten Lieblingen der britischen Alternative-Szene – umso größer war dementsprechend die Vorfreude als das Quartett um die Frontfrau Dana Margolin zuletzt den Nachfolger Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky ankündigte. Während Every Bad die scharfsinnige und offenherzige Ehrlichkeit von Margolin offenbarte, befördert Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky dies auf ein neues hymnisches Level. Dies ist der Sound einer Person Ende Zwanzig, die sich den Enttäuschungen der Liebe und des Lebens stellt und herausfindet, wie man in dieser Welt existiert – ohne dabei so zu tun, als wüsste sie alle Antworten. Ganz nebenbei ist das Ganze höllisch eingängig. Es ist wie ein surreales Gemälde, das teilweise durch eine Collage der Künstlerin Eileen Agar inspiriert ist und an das Unter- und Eintauchen, heikle Lagen und existentielle Lebensängste der letzten Zeit erinnert und gleichzeitig aus der Erzählung der Jakobsleiter aus dem Alten Testament schöpft, die wiederum “symbolizes the ups and downs of human life, of virtue and transgression”, erklärt Margolin. Die Vorstellung, dass ein emotionaler Zustand nicht ausschließlich binär ist, ist dabei wesentlich für das neue Album. “With this album, the feelings of joy, fear and endlessness coexist together”, fügt Margolin hinzu. Ein selbstbewusster und emotional prägender nächster Schritt für die Band, die weiter mit voller Intensität und kompromissloser Rohheit daherkommt.

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5. Moderat – MORE D4TA (VÖ: 13.05.22)

Eine Trilogie bietet häufig ja auch einen Abschluss und so wirkte es nach dem dritten Kollaborationsalbum III von Apparat alias Sascha Ring und Modeselektor alias Gernot Bronsert und Sebastian Szary als Moderat ganz natürlich, dass die beiden Projekte wieder der eigenen Wege gingen – was nicht heißt, dass die Trauer nicht riesig war, drei der kreativsten Köpfe der elektronischen Szene nicht mehr regelmäßig live und im Studio zusammen zu verorten. Doch die Angst, dass Moderat komplett von der Bildfläche verschwinden, scheint nun sechs Jahre nach dem letzten Album unbegründet, erscheint doch nach zwei Jahren Studio-Arbeit nun das neue Album MORE D4TA, das vielleicht nicht unbedingt Tanzmusik ist, aber etwas, das in der Dunkelheit am hellsten leuchtet. Und mit dem die drei wieder zu ihrer eigenen Soundwelt zurückkehren – einem Ort, an dem emotionsgeladener Pop und pulsierende Soundscapes zusammentreffen!

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Newcomer:

1. Schmyt – Universum regelt (VÖ: 20.05.22)

Seit der EP Gift und einigen Singles ist klar, dass der Berliner Musiker Schmyt kein Newcomer von vielen ist oder gar ein One-Hit-Wonder – hier handelt sich um eine Stimme, die gerade im Sturm die deutschsprachige Pop-Musik umkrempelt. Und zwar grundlegend. Mit eigener Stimme, andersartigen Sound und einem Sprachgefühl, das seinesgleichen sucht. Melancholische Mosaikstücke des Daseins und fragile Fragmente der eigenen Biografie, die sich mit Hilfe eigensinniger Produktionen und unpeinlicher Poesie zu großen Songs verdichten. Pop-Songs. Nicht als Vorurteil, sondern als Versprechen. Und jetzt erscheint endlich das Debütalbum!

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2. Alfie Templeman – Mellow Moon (VÖ: 27.05.22)

Alfie Templeman geistert schon seit grob 4 Jahren als hochbegabter Autodidakt mit immensem Potential durch die Musikszene, hat er doch mit jeder Single und mit jeder Veröffentlichung einen Schritt hin zur Teenager-Ikone gemacht. Nicht weniger als elf Instrumente (seit Kurzem spielt er auch Flöte) gehören zum Know-How des gerade mal 19-jährigen, der dazu auch noch maßgeblich an der Produktion seiner Songs beteiligt ist – so auch bei seinem Debütalbum! Seine Liebe zum Aufbau von ganzen erdachten Welten, sowohl in ästhetischer als auch in musikalischer Hinsicht, zeigte sich bereits auf dem 2021 erschienenen Debüt-Mini-Album Forever Isn’t Long Enough und setzt sich mit Mellow Moon und dem dazugehörigen Bildmaterial fort. Frisch, frech, jugendlich und einfallsreich. Alfie Templeman sieht eine immer grauer werdende Welt in leuchtenden Technicolors.

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3. Tate McRae – I used to think I could fly (VÖ: 27.05.22)

Wir haben zuletzt ja auch immer wieder ein Herz für gute Pop-Musik – und in diese Kategorie fällt auch das Werk der aus Calgary stammenden Songwriterin und Tänzerin Tate McRae, die schon vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums mit mehr als 3,2 Milliarden Streams, über 700 Millionen Video-Aufrufen, einer Nummer 1 der Top 40-Charts und mehrfachen Spitzenpositionen in den Dance Charts zu einer Künstlerin avanciert, die man auf dem Schirm haben muss. Allein ihre Single you broke me first wurde bis dato weltweit über 1,4 Milliarden Mal gestreamt. Nun erscheint das Debüt als eine Metapher über ihre Reise ins Erwachsenenalter, auf der sie schnell feststellt, dass Dinge, von denen sie einst dachte, sie könnte sie locker tun oder bewältigen, schwieriger sind als sie scheinen. Vor der Veröffentlichung kommt Tate im Mai für fünf komplett ausverkaufte Shows nach Deutschland – im Oktober geht sie dann im Vorprogramm von Shawn Mendes in USA auf Tour!

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Wiederkehrer: Spoon – Lucifer on the Sofa (VÖ: 11.02.22)

„Wir wollten eine Platte machen, bei der wir eine Szene erleben und aus ihr schöpfen können“, erinnert sich Frontmann Britt Daniel über die aktuelle Spoon-Platte, deren neuer Impuls daraus entstand, dass Daniel und Gitarrist und Keyboarder Alex Fischel nach Austin, Texas zogen, wo auch Schlagzeuger Jim Eno sein Studio hat. „Alex und ich konnten den ganzen Tag schreiben, dann zu Dale Watson ins Continental gehen und dann nach Hause kommen und weiter an Songs schreiben.“ Und das hat dem neuen Spoon-Album gut getan – obwohl diese Band eh keine schlechten Werke in ihrer Discographie vorzuweisen hat, steht ihr der neue, rockigere und roughere Sound wie ein maßgefertigter Anzug. Der uns immer noch nicht aus dem Ohr gehen will…

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Über den Autor

Bedroomdisco-Gründer, Redaktions-Chef, Hans in allen Gassen, Golden Leaves Festival Booker, Sammler, Fanboy, Exil-Darmstädter Wahl-Hamburger & happy kid, stuck with the heart of a sad punk - spreading love for great music since '08!



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