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Veröffentlicht am 12.05.2022 | von Elias Ott

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SOCCER96 – Inner Worlds

Ein paar Jahre mehr, und Soccer96 hießen heute, die Gnade der Elektronikkonzerne hinter den Videospiel-Titeln, vielleicht FIFA08 oder PES 2004. Bei genauerem Hören stellt sich jedoch schnell heraus, dass die grobkörnige Fußballsimulation aus den Untiefen der 1990er deutlich besser als die glatten Produkte der Gegenwart zu einer aus Schlagzeug und Synthesizer bestehenden Band passt, die sich obendrein jeder Zuordnung entzieht. Hinter dem Duo steckt nicht nur ein Drittel der Jazz-Formation The Comet Is Coming mit Saxophonist Shabaka Hutchings, der einst bei einem Gig der beiden mit seinem Instrument gesprungen sein soll: Zu hören sind Dan Leavers aka Danalogue und Max Hallett aka Betamax auch bei Henry Wu, Sons of Kemet oder gemeinsam mit Alabaster DePlume auf der galoppierenden Polit-Sause I Was Gonna Fight Fascism. Soccer96 verdichten all die Sounds einer unablässig pulsierenden Londoner Szene unter dem Brennglas: polyrhythmische Drums treffen auf slicke Synthesizer-Parts, hypnotische Bass-Grooves auf spontan ausbrechende Improvisationen – und das, nach ihrem selbstbetitelten Debüt (2012), schon ein volles Jahrzehnt. Zwischen zahllosen Haupt- und Nebenprojekten erscheint nun mit Inner Worlds ihr viertes Album, das sie ganz nach Schutzpatron Sun Ra Richtung Weltraum abheben lässt.

Der Start gelingt den beiden mit einer spielerischen Leichtigkeit, die noch im Bandnamen widerhallt: Streckenweise fühlen sich ihre Songs an wie rauschhafte Fahrten durch bunte, irrsinnig verzwickte Level, die sich am Horizont Takt für Takt neu aufbauen. Die Strecke, die der stoische Beat und das stramme Synthesizer-Arpeggio im Opener Inner Worlds, Outer Worlds einschlagen, verzweigt sich im letzten Songdrittel und bereitet auf hirnverknotende Breakbeats und subtil modulierte Sequenzen von Speak More of Love (feat. Colours That Rise) vor. Ob es in kurzen Interludes in Underwater Cities oder im Feature mit Rozi Plain zu den mystischen Gatekeepers geht, deren Vorstellung Leavers einer außerkörperlichen Erfahrung verdankt – mit ihrer Symbiose aus detaillierter Studioarbeit und freier Improvisation betreiben Leavers und Hallett feinstes Worldbuilding.

Im Gegensatz zum raumfüllenden Sound vom Vorgänger Dopamine (2021) kommen die Songs auf Inner Worlds deutlich leichtfüßiger daher: Clubtaugliches Wummern wird vom feinfühligen Tippen der Hi-Hat und langgezogenen Synthesizer-Fahnen umspielt und selbst ein Brecher wie Adrenalin, der sonst als elektrifizierte Version einer Sons-of-Kemet-artigen Brass-Orgie auf die Hörer*innen zurollt, groovt mit leichtem House-Einschlag dahin, bevor er vollends Richtung Kosmos abdreht. Nachdem uns die Türsteher durchgewunken haben, klingt das Album dort oben ganz zurückhaltend mit einem Feature Tom Herbert (u.a. Polar Bear) und seinen schwerelosen Bassläufen langsam aus.

In den Weiten des UK-Jazz den Überblick zu behalten ist das eine, all seine Formen und Farben in einen Koffer zu packen und sich damit auf eine Reise in neue Sphären zu machen, das andere. Genau das ist Soccer96 mit ihrem neuen Album so gut gelungen, dass man nach dem Hören einige Mühe hat, sich – Gamifizierung hin oder her – wieder in der banalen Alltagswelt zurechtzufinden.

Soccer96 – Inner Worlds
VÖ: 6. Mai 2022, Moshi Moshi Records
https://soccer96.bandcamp.com
www.facebook.com/Soccer96band

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