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Veröffentlicht am 6.07.2022 | von Tamara Plempe

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GWENNO – Tresor


Foto-© Claire Marie Bailey

The scales of life, to live and to die
Are both equal and rough
It gets easier every time
Like rocks building a wall

(Gwenno – Tresor, englische Übersetzung)

Wie würde es klingen, wenn Kate Bush und Enya beschlossen hätten, mit Fleetwood Mac einen draufzumachen? Wahrscheinlich ungefähr so wie Tresor, das dritte Studioalbum der Waliserin Gwenno, das am 1.7. bei Heavenly Records erschienen ist.

Ihr Erstlingswerk, das 2015 erschienene Y Dydd Olaf, war komplett auf Walisisch geschrieben, ihr zweites Album Le Kov dann auf Kornisch, einer sehr seltenen, keltischen Sprache aus Cornwall, die im 18. Jahrhundert quasi „ausgestorben“ war und von einigen Familien im 20. Jahrhundert wiederbelebt wurde. Gwenno ist die Tochter eines kornischen Dichters und einer walisischen Übersetzerin, weswegen sie mit beiden Sprachen großgezogen und so gewissermaßen zu einer Art Botschafterin wurde: nach dem Erscheinen von Le Kov stieg das Interesse am Kornischen, z.B. wurden in Großbritannien viel mehr Sprachkurse belegt.

Auch Tresor ist wieder ganz auf Kornisch gehalten, wobei die Fremdheit der Sprache zu der unwirklichen, entrückten und zeitlosen Atmosphäre des Albums beiträgt. Wie bei Kate Bush hat jedes Lied einen ganz eigenen Charakter, und über die gesamte Laufzeit werden die eklektischen Einflüsse deutlich: Gwenno hat die Nachdenklichkeit und Ernsthaftigkeit von Stevie Nicks, aber in die Musik mischen sich auch die Experimentierfreude des Freak Folk, ein Hauch Psychedelic, ein Stich in keltisch-mystische Gefilde wie bei Enya, Anklänge von Industrial, Indie Pop und Dark Wave. Thematisch dreht sich das Werk um das Private, Unbewusste, Intuition und Isolation, worin sich auch der nach innen gerichtete Fokus der Welt während der COVID-Krise widerspiegelt. Sie verhandelt persönliche und kulturelle Identitäten, und wie das eine das andere beeinflusst – welche Macht hat Sprache, wie sind kleinere und abgeschiedene Gemeinden und Communities durch ihre Sprache miteinander verbunden, aber auch abgekapselt von der Welt? Was kann durch Worte ausgedrückt werden? Alles Fragen, die Gwenno sehr wirkmächtig stellt und die Hörer*innen, auch wenn sie kein Kornisch verstehen, durch die gedankenvollen und verträumten Kompositionen mit auf eine Reise in eine einzigartige Welt nimmt.

Der bedächtige Opener An Stevel Nowydh holt einen gleich mit einem supereingängigen Glockenspiel-Riff, elfenhaften Gesang und versponnenem 80er Flair ab; zu gefällig und konventionell wird der Track aber nie, ein paar präzis gesetzte, dissonante Zither-Jump Scares hier und da machen klar, dass man auf diesem Album mit Überraschungen rechnen muss. Das fremdartige Anima erinnert mit seinen 60er-Jahre Psychedelic-Einflüssen und der warmen, relaxten Atmosphäre an Grateful Dead oder Linda Perhacs. Etwas kühler, reduzierter und balladiger kommt der Titeltrack Tresor daher, behält aber trotzdem eine typische esoterische Sinnlichkeit bei.

In N.Y.C.A.W. wird es politisch: Die Abkürzung steht für Nid yw Cymru ar Werth: Wales is not for Sale. Hier kritisiert Gwenno die Zersplitterung und touristische Vermarktung von Wales, dessen Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich sie auch befürwortet. Dieser Song bewegt sich mehr in Richtung Synth Rock oder Post Punk und klingt straighter und weniger entrückt als die vorhergehenden Tracks, passend zu seiner direkten gesellschaftskritischen Botschaft. Men An Toll erinnert dafür dann wieder stark an Enya, es wird eine trancehafte und mystische Soundlandschaft heraufbeschworen, die an Druiden und keltische Klippen im Nebel denken lässt.

Ardamm wiederum ist klar vom Krautrock beeinflusst und mäandert mit einem hypnotisierenden Beat vor sich hin. Das bedrückende Keltek fühlt sich wie ein schwerer Nebel an und lässt Einschläge vom Industrial und Post-Rock der Marke Godspeed You! Black Emperor erkennen. Tonnow bringt einen weiteren Stimmungsumschwung in Form einer entspannten Vaporwave-Ballade, die mit einer gewissen Sentimentalität und Künstlichkeit spielt, aber trotzdem düstere Untertöne beibehält. Der letzte Track Porth La fasst den Ton des Albums nochmal gut zusammen: Er ist zwar psychedelisch, aber trotzdem schräg, warm und irgendwie einladend.

Gwenno schafft es auf Tresor, so viele verschiedene Einflüsse zu einem stimmigen Gesamtkunstwerk zu verbinden. Gleich bei den ersten Tönen merkt man, dieses Album ist anders: Nicht nur sprachlich, sondern auch musikalisch erschafft sie eine einzigartige Klangwelt jenseits des Profanen, die fremdartig und entrückt und doch betörend und verführerisch ist. Man könnte sich zu diesem Album nachts auf einem Festival ins Universum hineindenken oder auf einer Sonnenwendfeier um das Lagerfeuer tanzen. Man kann nur hoffen, das Gwenno und ihre Musik – genauso wie die seltenen Sprachen und die Geschichten der kleinen, speziellen Communities, die sie besingt – uns noch lange erhalten bleiben.

Gwenno – Tresor
VÖ: 1. Juli 2022, Heavenly Recordings
www.gwenno.info
www.facebook.com/Gwennomusic

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