GRIMSON – Climbing Up The Chimney

You would be surprised
how much a round-trip ticket could change
See, she might have lied
but you could see it in her eyes
there was pain
So as the kids they fell and cried
and walked through the turnstile it became
the point in their lives
where nothing would ever be the same.

Well they lived alone
and the city became their home once again
And he lived overseas
with the rest of him family, again
Well the older understood what the younger never could
such a shame
Well, they played it well
they played it just like it was a game
Just a game

(Grimson – Round Trip Ticket)

Lassen wir ihn sich doch einfach selbst vorstellen, diesen geheimnisvollen Aiden Berglund alias Grimson: “From NYC – living in Berlin now. I write and animate videos for songs with lots of melodies. Hope you enjoy.” So steht es – kurz und knapp, bescheiden und doch selbstbewusst – auf der Bandcamp-Seite des jungen Mannes aus New York, der seit einigen Jahren mit amerikanischer und schwedischer Staatsbürgerschaft in der deutschen Hauptstadt lebt und aus Jugenderinnerungen sowie anderen Quellen ein fabelhaftes erstes Album zusammengebastelt hat.

Ja, das mit dem von Grimson erhofften “Enjoy” klappt beim Schreiber dieser Zeilen tatsächlich so sehr wie bei kaum einer anderen aktuellen Indiepop-Veröffentlichung. Sein Debüt Climbing Up The Chimney ist eine der großen Überraschungen des Jahres – nicht nur, weil man diesen Künstler so gar nicht auf dem Zettel hatte.

Gerade 26 ist Berglund/Grimson, das allein erstaunt angesichts der Reife und Klasse seiner Lieder. Aber es wird noch besser: Diese 14 Songs wurden laut besagter Bandcamp-Seite “between 2013 and 2017” geschrieben – da war Aiden also noch Teenager. Des Rätsels Lösung folgt bei einem Face-to-face-Interview in Berlin-Mitte: “Ich habe in der Schule an einem Songwriting-Wettbewerb teilgenommen, da war die Konkurrenz und der Ansporn groß.”

Daher darf man Grimson (der Künstlername bezieht sich auf die schwedische Abstammung seines Vaters) die schöne Geschichte vom frühreifen, extrem vielseitigen Talent mit der Debüt-Sensation also durchaus abnehmen. Die Lieder von Climbing Up The Chimney (und zwei weitere, die man auf der stets empfehlenswerten Musiker-Plattform quasi als Bonus-Tracks erwerben kann) wurden schließlich eingespielt und produziert “in a bedroom in Brooklyn, in a dorm room in the Hudson Valley, in a basement on Staten Island, in a bedroom in Berlin, and at Impression Studios in Berlin”.

Abgesehen von der letztgenannten Berliner Location ist dies also ein lupenreines “Bedroom Pop”-Werk. Auch viel berühmtere Musiker wie Paul McCartney, Paddy McAloon (Prefab Sprout), Sondre Lerche oder Beck haben in der weitgehenden Abgeschiedenheit der eigenen vier Wände schon solche Homerecording-Werke eingespielt. Womit wir bei Bezugspunkten von Climbing Up The Chimney wären: Dazu zählen neben den vier Genannten noch Elliott Smith (Grimsons Stimme ähnelt der des tragischen Songwriter-Genies sehr), Soundtrack-Großmeister Jon Brion (Magnolia, Punch-Drunk Love, Vergiss mein nicht!) und Aimee Mann (die geschmackssicheren Bezüge zu den Beatles und Harry Nilsson!).

Bei so vielen großen Namen könnte man nun meinen, dass Climbing Up The Chimney ein epigonales Angeber-Album geworden ist oder unter der Last seiner Ambitionen zusammenbricht. Doch weit gefehlt, hier werkelt ein kluger, origineller Musiker selbstbewusst unter Zuhilfenahme des Produzenten Robbie Moore und einiger Freunde (im Artpop-Walzer Round Trip Ticket etwa Chris Hill am Schlagzeug und das Oriel String Quartet) vor sich hin – und erschafft dabei verblüffende und bewegende Songjuwelen.

Das bereits erwähnte, streicherverzierte Round Trip Ticket könnte auch von den beiden letzten regulären Elliott-Smith-Werken XO und Figure 8 stammen – dieser wunderschöne Song erzählt von Berglunds Kindheit und der Trennung von seiner Familie, die Rohfassung des Textes wurde sogar bereits in der Grundschulzeit geschrieben. Im verspielten Household zeigt Grimson seine Begeisterung für die “Fab Four” (nicht zum letzten Mal).

Das schillernde, mit kraftvollem Gitarrensolo aufgepeppte Heavy Machine (laut Grimson-Interview “der aktuellste Song vom Album”) und Leave It Like You Found It begeistern mit einigen der komplexesten Arrangements auf dieser ausgefuchsten Platte. Die Balladen Set Gently und I Was A Moth können zu Tränen rühren. Und mit dem traumhaften Good Dreams sowie dem Musical-Pop von Chimney Sweeper reizt Grimson sein riesiges Talent gegen Ende des Albums nochmals voll aus. “Ich liebe es einfach, viele Details in meinen Liedern unterzubringen, so dass man immer wieder etwas Neues entdecken kann”, sagt er.

Insgesamt hat Aiden Berglund mit seinem Studiodebüt die Messlatte verdammt hochgelegt – für andere Singer-Songwriter des Sophisticated Pop, aber auch für sich seine eigene künstlerische Zukunft. Nach der Vergangenheitsbewältigung mit dem im Eigenvertrieb und via Bandcamp veröffentlichten Climbing Up The Chimney will Aiden nun bald ein festes Label erobern – für die zweite Grimson-Platte, denn “die ist praktisch schon fertig geschrieben und wird viel direkter klingen”. Wir sind gespannt.

Grimson – Climbing Up The Chimney
VÖ: 01. September 2023, Independent/Snowhite PR
www.facebook.com/grimsonbook
www.grimsoncamp.bandcamp.com

YouTube video

Werner Herpell

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