Bedroomdisco Top Alben – Oktober

Foto-© Bridgette Winten

Oktober ist bekannt als der Monat der musikalischen Hochkaräter – und lässt auch in 2023 nichts zu wünschen übrig was Masse und Klasse betrifft. Unsere liebsten Alben des Monats gibt es hier:

1. Angie McMahon – Light, Dark, Light Again (VÖ: 27.10.2023)

Schon ihr Debütalbum Salt gehörte zu unseren liebsten Alben des Jahres 2019 – jetzt legt die in Melbourne lebende Sängerin und Musikerin Angie McMahon mit ihrem Zweitwerk Light, Dark, Light Again ein Album nach, das sie in noch höhere Sphären heben wird! Das Album handelt davon, die dunkelsten Orte in sich selbst aufzusuchen, sich seinen Ängsten zu stellen und zu lernen, dass diese als Portal zu etwas Größerem, Hellerem und Besserem dienen können. Gleichzeitig verliert sie sich darauf und heilt sich auf wundersame und bedächtige Art wieder: Nachdem sie das Gefühl hatte, dass ihr Leben aus den Fugen geraten war, wandte sich die Musikerin der Natur zu – dem Zwitschern der Vögel, dem Wiegen der Bäume, den Bewegungen des Meeres. Die stillen, aber transformativen Offenbarungen, die sie in dieser Zeit über das Leben hatte, sind in die 13 Songs auf Light, Dark, Light Again eingeflossen. Hier untersucht sie die Beziehung zu sich selbst und findet einen Weg, mit dem, was sie ist und was auch immer die Zukunft bringt, zurechtzukommen. Die ruhige Poesie von McMahons Texten wird jedem, der sich seinen eigenen Ängsten stellt, als Boje dienen und ihn ermutigen, weiterzumachen.

Das neue Album ist daher ein tief durchdachtes Werk, das langsam und zielstrebig über ein weiteres Jahr hinweg zwischen McMahons Heimatstadt Melbourne im Bundesstaat Victoria und der Stadt Durham in North Carolina aufgenommen wurde. In Durham, wo die meisten Stücke des Albums entstanden, arbeitete McMahon mit dem renommierten, für einen Grammy nominierten Produzenten und Songwriter Brad Cook zusammen, der bereits für Bon Iver, Waxahatchee, Kevin Morby und Snail Mail produzierte. Die Studioband wurde durch den Bon Iver-Schlagzeuger Matt McCaughan, den kanadischen Singer-Songwriter Leif Vollebekk und den Megafaun-Musiker Phil Cook vervollständigt. Die Chance, ins Ausland zu reisen und mit Künstler*innen zusammenzuarbeiten, deren Arbeit sie so sehr bewundert, fühlte sich für McMahon wie die Erfüllung eines Traums an. Sie empfand es befreiend, nicht an einen festen Zeitplan gebunden zu sein, es langsam angehen zu können und auf das Timing des Universums zu vertrauen – ihre Songs in die ganze Welt zu tragen und mit neuen und alten Freund*innen zu kreieren, half ihr, diese Stücke  umfangreicher, realer und klangvoller zu machen.

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2. Sufjan Stevens – Javelin (VÖ: 06.10.2023)

Der 48-Jährige aus Detroit/Michigan gehört damit zu den großen, irgendwie spleenigen Individualisten des Indiepops, sein Werk gleicht einer Wundertüte. Und aus der hat er mit Javelin nun eine seiner schönsten Songsammlungen herausgezaubert. Es sind wieder mal fabelhaft ausgereifte Songs voller melodischer Höhepunkte und bewegender Stimmungen – oft in der Tradition seiner frühen Folkpop-Highlights Michigan (2003), Seven Swans (2004) und Illinois (2005), mehr aber noch im Gefolge des tiefgründigen Singer-Songwriter-Geniestreichs Carrie & Lowell (2015).

Mit Goodbye Evergreen und A Running Start hat Stevens zwei der besten Songs seiner Karriere gleich an den Beginn von Javelin gestellt. Wie der Soundtüftler hier nach zunächst reduzierten, sehr intimen Akustik-Intros mit immer mehr Instrumenten und Chören seine gewaltigen Klang-Kathedralen baut, ist wirklich hohe Kunst. Klar, man sollte schon ein gewisses Faible für Bombast nahe der Kitsch-Grenze haben – dann aber steht dem Hochgenuss nichts mehr im Wege.

Wie die traurige Familiengeschichte von Carrie & Lowell ist Javelin textlich ein sehr persönliches Album. Will Anybody Ever Love Me? oder So You Are Tired etwa klingen wie Gebete oder doch zumindest sehr anrührende Bekenntnisse. Sufjan Stevens hat wieder mal ein von seiner komplexen Persönlichkeit tief durchdrungenes Solo-Werk geschaffen.

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3. Sampha – LAHAI (VÖ: 20.10.2023)

Nach dem Namen seines Großvaters väterlicherseits benannt, der gleichzeitig auch Samphas zweiter Vorname ist, fließt die Musik auf LAHAI zwischen der Ehrfurcht vor dem Leben und der Magie der weltlichen Existenz und beschreibt das Chaos, das man erlebt, wenn man sich dem Kreislauf des Lebens und dem Jenseits stellt. Auf den 14 Tracks hat Sampha enge Freunde und Kollegen zusammengerufen – darunter Indie-Stars wie Yaeji, Sheila Maurice Grey (Kokoroko), Ibeyi, Morgan Simpson (Black Midi), Yussef Dayes, Laura Groves und Kwake Bass. Im Gegensatz zum Vorgänger Process ist das lang erwartete Zweitwerk daher eher ein kollaboratives Album geworden. Genretechnisch ist es eine Mischung aus Jazz, Soul, Rap, Dance, Jungle und westafrikanischer Musik, mit der Sampha seine produktionstechnischen und stimmlichen Ambitionen auf ein neues Niveau hebt. Wenn Process, Samphas 2017 mit dem Mercury-Preis ausgezeichnetes Debütalbum, einen Künstler zeigte, der seinen eigenen Platz in der Welt suchte und schließlich auch fand, ist LAHAI eine Übung in der radikalen Akzeptanz und Freude am Leben und der Schönheit der Reise bis hierhin. Willkommen zu Samphas nächstem musikalischen Kapitel: LAHAI.

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4. Hania Rani – Ghosts (VÖ: 06.10.2023)

Eine Komfortzone verlassen – das ist längst zur Phrase verkommen für oft nur marginale Änderungen im Sound einer Musikerin oder eines Musikers. Hört sich aber spannend an und vermittelt das Gefühl von (grundsätzlich lobenswerter) künstlerischer Entwicklung. Im Falle von Hanna Raniszewska, die ihren Namen zu Hania Rani abgekürzt hat, traf diese Beschreibung aber tatsächlich zu, als sie vor einigen Monaten mit der fast schon groovigen Pianopop-Single Hello überraschte.

Dass die vor 33 Jahren in Gdańsk (Danzig) geborene Pianistin und Komponistin mit diesem von einem Fender-Rhodes-Klavier angetriebenen Track an Kate Bush oder Tori Amos erinnerte, schadete ihr sicher auch nicht. Nun ist das dritte Album der Polin draußen – und es setzt die Erkundung von Neuland im Singer-Songwriter-Genre mit einigen Liedern fort. Dass Hania Rani ihren introvertierten, der Neoklassik zugeordneten Stil nicht gänzlich über Bord wirft, macht den vielseitigen Reiz von Ghosts aus. Ein kommerzieller Durchbruch, der dem Berliner Neoklassik-Pionier Nils Frahm schon vor Jahren gelang, wäre dieser hochtalentierten Musikerin absolut zuzutrauen – und zu gönnen.

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5. Black Pumas – Chronicles of a Diamond (VÖ: 27.10.2023)

Als Black Pumas 2019 ihr selbstbetiteltes Debüt veröffentlichten, löste das Duo aus Austin eine Reaktion aus, die fast so außergewöhnlich und mitreißend war wie ihre Musik selbst. Gefeiert von den Medien, hagelte es insgesamt 6 Grammy Award-Nominierungen (darunter Best New Artist und Album of the Year) – komplett ausverkaufte Touren, gefeierte Festival-Auftritte und Streams in mehrfacher Hundert-Millionen-Höhe inklusive! Produziert von Quesada und hauptsächlich abgemischt vom Grammy-Preisträger Shawn Everett (Alabama Shakes, The War on Drugs), übernimmt Burton auf den zehn Songs des neuen Albums nun auch die Rolle des Co-Produzenten und lässt seine freigeistige Musikalität in jeden Track einfließen.

“It felt like a metamorphosis in a way that was both beautiful and difficult, but in the end feels more true to who we are as collaborators“, erzählt der Sänger. Die Songs entstanden zwar im Studio, fangen aber definitiv auch die verrückte Energie ein, die während den Live-Shows der beiden entsteht. Das endet in einem besonderem Hybrid aus Soul und symphonischem Pop, der verrückter und extravaganter als sein Vorgänger komponiert wurde. Inklusive unerwartete Ausflüge in Jazz-Funk und psychedelische Gefilde samt hypnotischen Rhythmen, wilden Gitarrenriffs und stimmungsvollen Mellotron-Melodien, die eine tranceartige Euphorie ausstrahlen. „With this album I felt very free in my vocal performance, which has a lot to do with Adrian hearing something in my voice and helping me to explore that”, ergänzt Burton.

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Newcomer:

1. Holly Humberstone – Paint My Bedroom Black (VÖ: 13.10.2023)

Schon seit einigen Jahren gehört die junge Songwriterin Holly Humberstone zu den heißesten Versprechen der britischen Musikszene – und in 2023 legt sie nach einigen EPs und Singles endlich ihr Debütalbum vor. Die beiden Singles Overkill und Scarlett zeigen schon welches Potential da auf uns zukommt – hochemotionale wie persönliche Texte, die auf eine tolle Stimme und eine zeitgemäße Songwriter-Pop-Produktion treffen – nicht umsonst ist Holly Humberstone auch BRIT Rising Star Gewinnerin und damit in den Fußstapfen von Acts wie Tom Odell, Sam Smith, Jorja Smith, Sam Fender oder Celeste.

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2. Egyptian Blue – A Living Commodity (VÖ: 27.10.2023)

Hierzulande vielleicht noch relativ unbekannt, sind die vier Herren von Egyptian Blue schon seit einiger Zeit umtriebig und ein heißes Post-Punk-Eisen – nun folgt Ende Oktober das Debütalbum, das während der Pandemie Gestalt annahm als die Band die Zeit nutzte um alte Songskizzen wieder aufleben zu lassen und daran weiterzuarbeiten. Zwar sei das „keine einfache Zeit“ gewesen erzählt Gitarrist und Sänger Andy Buss, aber „als wir wieder gemeinsam im Proberaum waren, fügte sich alles fast wie von allein wieder zusammen“. Daraufhin ergab sich die Möglichkeit Support für die Foals zu spielen und schlagartig war auch das verloren geglaubte Momentum wieder zurück. Im Hintergrund wurde die Produktion ihres Debütalbums weiter vorangetrieben. Die Band vierköpfige beschreibt das Release als absoluten Kindheitstraum und hat die Tracklist dafür über Jahre hinweg unzählige Male verworfen und neu sequenziert.

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3. Ethan P. Flynn – Abandon All Hope (VÖ: 06.10.2023)

Der in Yorkshire geborene und in London lebende Sänger, Songwriter und Produzent Ethan P. Flynn vereint auf seinem Debütalbum die Erfahrung von 24 Jahren in acht eklektischen Tracks. Das Album ist der Höhepunkt einer äußerst fruchtbaren Periode persönlicher Kreativität, in der der junge Künstler mit einer Reihe bekannter Namen wie David Byrne, FKA Twigs, Jockstrap und Vegyn zusammengearbeitet hat. 44 Minuten lang, 22 Minuten auf jeder Seite (was absichtlich der traditionellen Länge einer 12″-LP entspricht), aufgenommen in den Narcissus Studios in 12 Tagen, wird das Album durch ein verbindendes Thema zusammengehalten: ein Album im altmodischen Sinne. Es erinnert an 70er-Jahre-Größen wie Randy Newman und Harry Nilsson, während es sich mit der Sehnsucht und dem Verlusts der Macht über die Hoffnung im Bezug auf Beziehungen, Liebe, Angstbewältigung und dem Erwachsenwerden im 21 Jahrhundert beschäftigt. „Wir leben in einer hoffnungslosen Zeit: Krieg in Europa, Covid davor, und ich wollte, dass es als Antwort darauf schwer klingt. Vielleicht ist es zu rockig, aber ich wollte auf diesem Album zur Gitarre zurückkehren. Die Gitarre ist der Fokus.” Und das ist nur die erste Geschichte, die man von Ethan P. Flynns bereicherndem und ehrgeizigem Debütalbum erfahren wird.

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Wiederkehrer: Loupe – Do You Ever Wonder What Comes Next? (VÖ: 16.06.2023)

Das aus Amsterdam stammende Quartett Loupe ist uns eigentlich seit der Veröffentlichung des Debütalbums Do You Ever Wonder What Comes Next? Im Juni nie so wirklich aus dem Kopf gegangen. Denn darauf erkundet die Band Themen des jungen Erwachsenwerdens, des Lebens in der Großstadt und menschlicher Beziehungen in einem Geflecht aus mitreißenden Harmonien, frei fließenden Rhythmen und ausdrucksstarkem Gesang. Dabei bewegt sich Loupes Bandsound impulsiv, spannend und fluide irgendwo zwischen Synthie-Pop, Folk und Indie-Rock. Die sanften, aerodynamischen Grooves von Annemarie, die melodischen Basslinien von Lana und das dynamische, virtuose Spiel von Jasmine bilden zusammen eine Art Geheimsprache. Was die Musik von Loupe antreibt, ist das „Was kommt als Nächstes?“ in der großen Frage, die der Albumtitel aufmacht; die ständige Bewegung, um diesen Silberstreifen über den Horizont hinaus zu jagen: unablässig auf der Suche nach Mut, Trost und Abenteuer im ruhelosen Jetzt. Sollte man sich auch Monate nach der Veröffentlichung nicht entgehen lassen…oder einfach immer mal wieder reinhören!

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Dominik

Bedroomdisco-Gründer, Redaktions-Chef, Hans in allen Gassen, Golden Leaves Festival Booker, Sammler, Fanboy, Exil-Darmstädter Wahl-Hamburger & happy kid, stuck with the heart of a sad punk - spreading love for great music since '08!

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