MARK PRITCHARD & THOM YORKE – Tall Tales


Foto-© Pierre Toussaint

We are gold and we are bright
We are gold and we are bright
Gangsters

One by one they arrive
Playing games
Chewing glass
Stay in best hotels

We are gold and we are bright
Gangsters

Business is now picking up (We are gold and we are bright)
Things are really looking up
Gangsters (We are gold and we are bright)

Some of us
Some of us
Gangsters

We are gold and we are bright
Gangsters

(Mark Pritchard & Thom Yorke – Gangsters)

Schläft Thom Yorke eigentlich irgendwann mal? Diese Frage stellt sich, nach dem Genuss von gleich zwei herausragenden Alben mit der Supergroup The Smile im Vorjahr, fast zwangsläufig, wenn man jetzt sein neues, nicht minder ambitioniertes Album hört.

Auf Tall Tales, einer 12-Track-Kollaboration mit dem britischen Synth-Wizard Mark Pritchard und seiner ersten Warp-Veröffentlichung, ist Yorke schon wieder auf neuem Kurs unterwegs. Nach dem Neo-Progrock (und vielem mehr) mit Radiohead, dem jazz-infizierten The Smile-Artpop neben Jonny Greenwood und Tom Skinner, weiteren kurzzeitigeren Band-Projekten (z.B. Atoms For Peace) sowie Soundtracks für die Filme Suspiria (2018) und Confidenza (2024) steuert der 56-jährige Multi-Künstler seine typischen Falsett-Vocals nun also zu einem teils dystopischen Electro-Pop bei.

Während man Thom Yorke kaum noch vorstellen muss, ist Mark Pritchard nicht ganz so allgemein bekannt. Mit seinen Projekten Reload, Link und im Produktionsduo Global Communication gilt er als Koryphäe der elektronischen 90er-Jahre-Musik in Großbritannien. 2011 veröffentlichte er zwei Remixe von Radioheads Bloom (hier beginnt wohl offiziell die Verbindung zu Yorke), weitere spannende Arbeiten leistete er für Künstler wie Aphex Twin, Depeche Mode, PJ Harvey und Slowdive.

Tall Tales ist nun ein Album, das einerseits kühl, experimentell und auch mal verstörend klingt (der gruselige Opener A Faker In A Faker’s World, Gangsters), zugleich aber regelrecht unter die Haut kriecht mit seinen üppigen Synthie-Flächen, Voice-Samples und virtuosen Yorke-Klagegesängen (etwa im betörend schönen The Spirit, im ebenso faszinierenden Happy Days oder im hypnotisch-hymnischen The Men Who Dance In Stag’s Heads).

Als drittes Mitglied des Projekts fungiert Jonathan Zawada – ein multidisziplinärer visueller Künstler und Designer, der das Artwork von Tall Tales entwarf und für die knallbunt-fantasievollen Videos sowie einen abendfüllenden Film verantwortlich zeichnet, der zeitgleich mit der Albumveröffentlichung in ausgewählten Kinos auf der ganzen Welt gezeigt wird. „Durch Yorkes Texte, Pritchards zeitlose Kompositionen und Zawadas Bilder stellt ‚Tall Tales‘ die Frage, wohin unser unersättlicher Appetit auf ‚Fortschritt‘ uns geführt haben könnte“, fasst das Label Warp den inhaltlichen Ansatz des Bild-Ton-Gesamtkunstwerks zusammen.

Letztlich hört man in diesem raffinierten, schwebenden, oft unbehaglichen Synth-Pop durchaus Anklänge an verschiedene Phasen des jährlich umfangreicher werdenden Oeuvres von Thom Yorke. Wer die Radiohead der bahnbrechenden Kid A/ Amnesiac-Zeiten (2000/2001) bevorzugt, dürfte es mit dieser Platte leichter haben als Fans der ersten, noch stärker pop-orientierten Bandjahre. Aber wer diesem kompromisslosen Musiker schon so lange auf allen Wegen gefolgt ist, wird sich ohnehin mit weit offenen, toleranten Ohren jeder neuen Yorke-Veröffentlichung nähern. Und damit auch die eigentümliche Schönheit von Tall Tales goutieren können.

Mark Pritchard & Thom Yorke – Tall Tales
VÖ: 09. Mai 2025, Warp
www.warp.net/talltales
www.facebook.com/markprtchrd

YouTube Video

Werner Herpell

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