KIM GORDON – Play Me


Foto-© Moni Haworth

Trees are weeping
Grass is wet
Rolling ‘round, around
Darker blue, can it be?
It’s true, through you, you, you
Are you bold or stuck like glue?
Like glue

(Kim Gordon – Not Today)

Vierzig Jahre nach ihren Anfängen klingt Kim Gordon noch immer so, als würde sie die Gegenwart zum ersten Mal auseinandernehmen. Mit Play Me, ihrem dritten Soloalbum nach No Home Record (2019) und The Collective (2024), setzt sie ihre Zusammenarbeit mit Produzent Justin Raisen fort und verdichtet ihren Sound zu einem direkten, rhythmusbetonten und überraschend fokussierten Album. Die Stücke sind kurz, prägnant und stärker von Beats getragen als zuvor – melodischer, ohne an Schärfe zu verlieren.

Der Titeltrack Play Me eröffnet das Album mit einem groovenden, trip-hop-nahen Beat, über den Gordon zunächst eher spricht als singt. Samples, Loop-Strukturen und eine bewusst weiche, fast wollige Klangfläche treffen auf ironische Playlist-Referenzen (“You like / Easy Rider / ’70s hippie / Spring pop, chill vibes, feel free“) und machen sofort klar, worum es hier geht: um eine Gegenwart, in der Stimmungen vorgefertigt und Gefühle vorprogrammiert scheinen.

Girl With A Look wirkt dagegen deutlich nervöser. Schneller, kantiger, fast vorahnend schiebt sich der Track mit unruhigen Beats und einer permanenten inneren Spannung nach vorne. Auch Dirty Tech bleibt im elektronischen Bereich, kombiniert hip-hop-artige Rhythmusstrukturen mit verschobenen Soundschichten, Sprachfetzen und Samples. Gordons Gesang bewegt sich hier zwischen Sprechgesang und Melodie, als würde sie sich bewusst jeder klaren Form entziehen.

Mit Not Today verschiebt sich das Album kurz in Richtung Bandsound. Treibender Bass, ein stoischer Schlagzeug-Puls im Achteltempo und aufheulende, verzerrte Gitarren tragen einen der zugänglichsten Momente der Platte. Gleichzeitig bleibt die Stimmung angespannt, fast verletzlich, wenn Gordon singt: “There’s a hole in my heart“. Gerade hier zeigt sich die andere Seite von Play Me – ein Album, das sich zwar mit Tech-Kultur, KI-Ästhetik und spätkapitalistischer Absurdität beschäftigt, dabei aber immer wieder nach innen kippt.

Überhaupt lebt das Album von dieser Spannung. Verzerrte Stimmen, verschobene Beats und schroffe Klangschichten wirken nie wie Selbstzweck, sondern wie Werkzeuge, um eine Realität freizulegen, die sich nicht glatt erzählen lässt. Songs wie Square Jaw und Busy Bee greifen gesellschaftliche Themen auf, ohne sie auszuerklären – eher wie Momentaufnahmen, die zwischen Humor, Frustration und Widerstand schwanken.

Play Me ist kein lautes Album im klassischen Sinn, aber ein sehr waches. Kim Gordon reduziert ihre Mittel, ohne an Wirkung zu verlieren, und findet einen Sound, der gleichzeitig körperlich, politisch und persönlich wirkt. Gerade diese Mischung macht die Platte so gegenwärtig – und so eigenständig.

Kim Gordon – Play Me
VÖ: 13. März 2026, Matador Records
www.kimaltheagordon.com
www.facebook.com/KimGordonOfficial

Kim Gordon live:
19.04.26 Berlin, Huxleys Neue Welt

YouTube Video

Robert Heitmann

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