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Veröffentlicht am 19.10.2017 | von Patricia Hölscher

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KETTCAR – Ich vs. Wir


Foto-© Andreas Hornoff

Und nicht eher schlafen bevor wir hier
Heute Nacht das Meer sehen
Spüren wie kalt es wirklich ist
Benzin und Kartoffelchips
Jede Scheiße mitsingen können
Irgendwann ist irgendwie
Ein anderes Wort für nie

(Kettcar – Bier und Kartoffelchips)

Ich habe es vermutet. Irgendwann wird man erwachsen. Eigentlich ist es unfair. Aber wahrscheinlich kann man nichts dagegen tun. Die Erinnerungssplitter liegen herum, aber wir treten nicht mehr rein. Wir verbluten auch nicht mehr am Elbstrand. Wir nehmen ein feuchtes, antistatisches Mikrofasertuch und wischen weg, was uns Angst macht. Manchmal sogar mit einer einfachen Handbewegung.

Ich gebe es offen zu. Ich habe auf dem neuen Kettcar-Album Ich vs. Wir auf Sätze gehofft, die ich mit Edding an die Wände hauen kann. „Mach immer was dein Herz dir sagt!“ Dieses Mantra sang Marcus Wiebusch schon in der Mittelstufe bis zur emotionalen Besinnungslosigkeit für mich auf Repeat. Besessen von der Idee, dass sich 2017 gleich nahtlos an damals anschließt oder dass es die zweite Strophe von Balkon gegenüber von der Fest-van-Cleef-Bühne am Hamburger Großmarkt auf die neue Platte geschafft hat, fokussiere ich mich beim ersten Hören auf typische „Kettcar-Sätze“. Sie sollen mir bitte helfen, die letzten Jahre meiner Zwanziger heil zu überstehen. Nach zwei Takten steht fest: Kettcar wussten um die Nostalgie in den Herzen, ahnten, dass es nicht nur mir so gehen würde und eröffnen ihr fünftes Studioalbum mit Ankunftshalle. Ich fühle mich in den Arm genommen.

 

Aber dann? Die Hoffnung von den Fakten trennen. Kettcar geben sich sperrig, werden politisch, sind dabei ehrlich, fokussiert und nach wie vor so beeindruckend wortgewandt. Sie singen diese Songs, die du eigentlich nicht hören willst, denn du hattest doch vor mal abzusteigen – von diesem bunten, blinkenden Gedankenkarussell. Hallo, Realität. Und plötzlich weinst du doch wieder beim Kettcar hören, aber vor Wut, sie steigt unaufhaltsam in dir auf, du merkst, was Popmusik kann und was Popmusik soll. Es fühlt sich gleichzeitig richtig und wahnsinnig falsch an, wenn Marcus Wiebusch die Mannschaftsaufstellung für Deutschland besingt und dir Adjektive wie „radikal, aggressiv, stolz und national“ zuwirft, als wären sie faulende Äpfel.

Unzählige Zeilen, Wörterberge und ich. Mir wird heiß. Das neue Kettcar Album ist kompliziert, will nicht nebenbei gehört werden, entweder/oder, Haltestelle verpasst, die Menschen im U-Bahn-Tunnel verschwimmen, die Konzentration schwindet, zu viele Fragen, keine Antworten. Eigentlich hätte das klar sein müssen, nach Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun) der wohl mutigsten Single seit Langem.

Es gibt Menschen, die hochkonzentriert ein Buch lesen können, während sie durch die Straßen laufen und denen dabei nichts passiert. Next level multitasking. Ich kann das nicht. Ich schaffe es noch nicht mal Ich vs. Wir unterwegs zu hören, ohne mich irgendwann einer immensen Reizüberflutung geschlagen geben zu müssen. Also setze ich mich in die Küche, nehme mir Zeit und lasse Gedankenketten wie Dominosteine ineinander fallen. Geordnet zwar, aber unaufhaltsam. Ein Mikrofasertuch trocknet neben der Spüle, wird zu einem merkwürdigen Gebilde. Ich fühle mich doch nicht mehr erwachsen.

Hört bitte Kettcar! Und wenn ihr die Sache mit dem Edding und der Wand noch nicht aufgegeben habt… „Du gibst was du verlangst. Das Gegenteil der Angst.“

Kettcar – Ich vs. Wir
VÖ: 13. Oktober 2017, Grand Hotel van Cleef
www.kettcar.net
www.facebook.com/kettcar

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