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Veröffentlicht am 25.04.2018 | von Dennis Möller

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LORD HURON – Vide Noir

Here by the lake, what a vision you are
In the light of the emerald star
I’ve come for you, my love
Through a window in the dark
Don’t you know you’re my everything?
If I lost you, I think I would die
Was everything you said just a lie?

(Lord Huron – Emerald Star)

Wer es immer noch nicht mitbekommen hat: Die Zeiten der Akustik-Gitarren und Hosenträger, Brusthaare und Bärte, Holzfällerhemden und Lagerfeuer, Cowboy-Hüte und Plattenspieler sind vorrüber. Willkommen auf Stufe Zwei der Nostalgie-Orgie „2010er“. Wir haben die 50er, 60er und 70er hinter uns gelassen und katapultieren uns direkt in die 80er und 90er. Nicht nur auf der Straße, im H&M, Zara und sämtlichen anderen Kleidungshäuser muss man das miterleben, sondern vor allem in der Musik. Die Synthesizer schlagen um sich und ersetzen die Akustik-Gitarre bei dem Versuch, vor der unübersichtlichen, weil digitalen Welt zu flüchten. Die Liebe zur analogen Technik geht quasi in die zweite Phase: Wir feiern das Video-Tape, alte Videospiele und sehnen uns nach unserer Naivität von damals und bekommen nun den vielleicht besten Soundtrack geliefert: Lord Hurons Vide Noir.

Die Band mit Leadsänger Ben Schneider hatte schon immer ein Faible für Bilderwelten, die ihre Musik begleiten. So schickten sie in ihrem Musikvideo Lonesome Dreams von 2012, als noch das Brusthaar angesagt war, Schneider als Indiana Jones Double durch einsame Inseln. Nicht nur die Liebe zu feiner Bildinszenierung wurde hier deutlich, sondern auch das immer wiederkehrende Grundmotiv: Eine einsame Stimme singt sich durch die Wirren der Welt. Auf dem Cover zum Debütalbum Lonesome Dreams sehen wir das Artwork eines lonesome Reiters durch die Wüste, welchem nur sein treues Pferd und der Mond Gesellschaft leisten. Schon immer neigen Schneiders Stimmlagen und Kompositionen dazu, sich im Dunkeln zu verlieren und den Mond anzuheulen. Doch diesmal ist ihm der Mond nicht weit genug: Der Kosmos ist es, nach dem er sich sehnt – und das bitte nicht auf Platte, sondern auf Kassette. Der gesamte Style zeigt: Der Lord hat Wüste und Wald verlassen und strebt nach ferneren Welten, den Welten aus alten Spielkonsolen und Universum-Dokus. Wer Beweise braucht, darf sich mithilfe der neuen Spotify-Funktion davon überzeugen. Denn seit Neustem besteht die Möglichkeit für Musiker bewegte Cover für jeden Song hochzuladen. Lord Huron nutzen diese Funktion und für jeden Song bekommt das passende Vaporwave-Artwork aus Pixeln und Sternenstaub. (Nur auf der Smartphone-App, versteht sich.)

Und während man dem ersten Album, der Wüste und den Brusthaaren hinterheult, fragt man sich, ob Lord Huron nur nach Trend-Bespielung aus ist oder ob mehr dahinter steckt? Einen Hinweis könnte das offizielle Musikvideo zu Wait By The River geben: Im Set einer Art Miniplaybackshow für Erwachsene – natürlich mit Analog-Bildfehler-Ästhetik – besingt Schneider in Silberanzug seine Zeit als ehemaliger Waldläufer mit Banjo. Lord Huron thematisieren ihren Epochen-Sprung indem sie sich über die Zeit davor lustig machen. Immer wieder springt das Video in das Jahr 2012, als Lord Huron noch auf dem Land waren und Cowboy-Hüte trugen. Über der Miniplaybackshow und den Banjo-Hurons leuchten die Artworks aus der erwähnten Spotify-Funktion immer wieder hervor. Eine seltsame Mischung aus allerlei Epochen-Nostalgie.

Lost in time and space
Aimless drifting into a far off place
Hurtling through the vast unknown
Staring straight into the pure, black void
Drowning in the sea of stars
Lost in a galaxy of cocktail bars
Blinded by the neon lights
I lie awake and say your name into the night

(Lord Huron – Lost in Time And Space)

Doch genug vom Epochen-Sprung. Wie gut ist Vide Noir? – Es ist musikalisch ein Genuss, der Sound faszinierend, viele Songs zwar ähnlich, aber als Gesamtpaket mehr als überzeugend. Lord Huron haben wahres Können bewiesen. Diese Band kann sich offensichtlich anpassen, hält jenen Trends aber gekonnt den Spiegel vor. Ihre Songs sind intelligent und einfallsreich. Der Seitensprung zum Kassettenspieler sei ihnen verziehen. Diese Musik darf man hören, feiern und sich – während man die Hosenträger durch Schlaghosen ersetzt – Gedanken darüber machen, vor was unsere Gesellschaft und Trendsetter eigentlich flüchten und was wohl der nächste logische Schritt ist? – Die Wiederbelebung der 2000er und 50 Cent? Oder endlich eine frischere Auseinandersetzung mit der neuen, weil digitalen Welt. Lord Huron hätten definitiv das Zeug zum nächsten Soundtrack.

Lord Huron – Vide Noir
VÖ: 20. April 2018, Whispering Pines-Republic Records
www.lordhuron.com
www.facebook.com/lordhuron

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