Kritik

Veröffentlicht am 23.08.2019 | von Susan

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DAS ZWEITE LEBEN DES MONSIEUR ALAIN – Filmkritik


Foto-© Carole Bethuel © Albertine Productions – Gaumont

Ich ruhe mich aus, wenn ich tot bin

(Alain Wapler – Das zweite Leben des Monsieur Alain)

In einer so schnelllebigen Welt, wie der unseren, ist es häufig schwer, das richtige Maß für sich selbst zu finden. Wann ist der eigene Akku leer? Wie lange kann man die ersten Anzeichen des eigenen Körpers ignorieren, die darauf hindeuten, dass man eine Pause braucht? Und wann sollte man sich selbst nicht so wichtig nehmen? Dies sind Fragen, mit denen auch der viel beschäftigte Unternehmer Alain Wapler (Fabrice Luchini) im französischen Film Das zweite Leben des Monsieur Alain, nach einem Hirnschlag, konfrontiert wird.

Der einflussreiche Manager eines Automobilherstellers lässt sich jeden Morgen um 5:50 Uhr von den Wirtschaftsnachrichten wecken, um anschließend von Termin zu Termin zu hetzen. Seine eigene Familie ist schon seit langem aus seinem Fokus gerutscht und Tochter Julia (Rebecca Marder) muss ihren Vater im Büro besuchen, um ihn überhaupt noch zu Gesicht zu bekommen. In der Zwischenzeit erleidet Alain immer wieder kleinere Schwächeanfälle, bis er schließlich, während einer Fahrt mit seinem Chauffeur, einen Hirnschlag erleidet und dieser ihn sofort ins Krankenhaus bringt. Als er dort nach drei Tagen erwacht, ist nichts mehr wie zuvor. Ihm wird mitgeteilt, dass er einen zweiten Schlaganfall erlitten hat, den ersten hatte er nicht einmal richtig bemerkt. Als er sich schließlich zu artikulieren versucht, merkt er, dass sowohl sein Sprachzentrum, als auch sein Gedächtnis schaden davon getragen haben. Er vertauscht Buchstaben, erfindet Worte neu und ist nicht mehr in der Lage, einfachste Sätze zu formulieren. Als die sympathische Logopädin Jeanne (Leïla Bekhti) ihm versucht klar zu machen, dass er nur mit viel Ruhe, Geduld und harter Arbeit seine Sprache wiederfinden kann, ignoriert er ihre Anweisungen zunächst.

Als er jedoch merkt, dass er ohne Hilfe nicht wieder in seinen alten Job zurückfinden kann, hilft Jeanne ihm, Schritt für Schritt mit seiner Situation umzugehen. Auch seine Tochter steht ihm mit wichtigen Gedächtnisstützen zur Seite und genießt die neu gewonnene Zeit, die sie mit ihrem Vater nun endlich verbringen kann. Doch es fällt ihm alles schwer. Ein Mensch der vergessen hat, Hilfe anzunehmen, geschweige denn sich zu bedanken, schiebt die Menschen, die sich liebevoll um ihn kümmern, immer wieder von sich. Als er schließlich seinen Job verliert und keinen Ausweg mehr sieht, begibt er sich auf den Jakobsweg, um wieder zu sich zu finden und schließlich auch wieder zu den Menschen die ihm nahestehen.

In der Dramödie, die auf der Autobiografie des französischen Konzernmanagers Christian Streiff basiert, zeigt Regisseur Hervé Mimran auf beeindruckende Art und Weise, wie vergänglich das eigene Leben ist und wie ein Neustart funktionieren kann. Dabei gelingt es Fabrice Luchini zwischen Unsympath und Hilfesuchenden zu switchen, ohne die durchaus amüsanten Versprecher ins Lächerliche zu ziehen. Doch wird der Film nicht nur durch den gut gewählten Cast unterstützt, sondern auch durch die Musik, die mit Cat Stevens und Bob Dylan Alains Jugend und damit eine unbeschwerte Zeit widerspiegelt.

Ein durchaus aktuelles Thema, das durch den französischen Touch, etwas humoristisches birgt. Zwischenzeitlich hat man allerdings das Gefühl, dass sich der Regisseur ein bisschen in seiner eigenen Wunschvorstellung des Lebens verliert und kurz vorm Ende erst wieder die Kurve bekommt.

Das zweite Leben des Monsieur Alain (FR 2018)
Regie: Hervé Mimran
Darsteller: Fabrice Luchini, Leïla Bekhti, Rebecca Marder, Igor Gotesman, Clémence Massart, Frédérique Tirmont, Yves Jacques, Micha Lescot
Kinostart: 22. August 2019, NFP

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