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Veröffentlicht am 8.10.2019 | von Andreas Peters

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NICK CAVE AND THE BAD SEEDS – Ghosteen


Foto-© Matt Thorne

For we are not alone it seems
So many riders in the sky
The winds of longing in their sails
Searching for the other side

And if we rise, my love
Oh my darling precious one
We’ll stand and watch the galleon ships
Circle around the morning sun

(Nick Cave and The Bad Seeds – Galleon Ship)

Und auf einmal ging alles ganz schnell: Nur eineinhalb Wochen nach dessen Ankündigung haben Nick Cave and The Bad Seeds am 04. Oktober ihr neues Werk Ghosteen digital veröffentlicht. Das siebzehnte Studioalbum des australischen Großmeisters der Melancholie ist gleich ein doppeltes: Die ersten acht Stücke sind „den Kindern“ gewidmet, die zwei langen Songs und das Spoken-Word-Stück in Teil zwei verweisen auf „deren Eltern“, lässt Nick Cave im Vorfeld verlauten. Das Resultat ist ein ein formvollendetes Set an wunderschönen Songs, die zu den besten gehören, die die Band je veröffentlicht hat.

Klanglich knüpft das Album an die beiden Vorgängerwerke Skeleton Tree (2016) und Push The Sky Away (2013) an und präsentiert einen vergleichbaren schwerelosen Strom an Melodien, der durch den Sound von Caves düsterer Stimme eine prosaische Dramatik erzeugt, wie man sie sonst vielleicht nur noch von Leonard Cohen kennt. Rhythmische Elemente sind in Ghosteen so gut wie nicht präsent. Das majestätische Klavier und warme, analoge Synthesizer rufen dafür umso mehr eine harmonische Klanglandschaft wach, die das wohlige Gefühl von Geborgenheit und tiefer Sehnsucht erschaffen. Aus deren Mitte scheinen Caves sinistre Wortbilder heraus, die ein emotionales Spektrum zwischen innerlicher Zerrissenheit und zugleich unergründlicher Hoffnung porträtieren. Dabei erreicht der Australier eine neue erzählerische Sogkraft, welche die Grenzen zwischen Musik und Lyrik verwischt und den Hörer in ein fabelgleiches Universum aus Bildern und Erzählungen zieht.

Der tiefe Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen bricht auch in diesem Werk – wie bereits im Ansatz in Skeleton Tree durch die einzelnen Songs und ist eine inhaltliche Konstante, ohne die das Werk kaum denkbar ist. „ Everybody’s losing someone / It’s a long way to find peace of mind, peace of mind“, singt Cave in Hollywood und trifft einen elegischen Ton, der sowohl voller Trauer gesogen ist, als auch die eigene Versöhnung mit dem Unwiederbringlichen in den Fokus rückt. Die Melancholie ist derweil nahezu in allen Stücken allgegenwärtig und wird vor allem von der monologischen Ästhetik der teils fast nur geflüsterten Worte Nick Caves betont. Und doch, die Hoffnung stirbt auch hier zuletzt und drängt sich – aller Finsternis zum Trotz – immer wieder an die Oberfläche, etwa wenn es in Sun Forest dann heißt : „I am here / Beside you / Look for me / In the sun“

Hat man in Skeleton Tree noch versucht, das düstere Gefühl des unmittelbaren Verlustschmerzes von Nick Cave über seinen 2015 verunglückten Sohn zu erahnen, so zeugt Ghosteen in seiner rätselhaften Zusammensetzung fantastischer Wortbilder, düsterem Ton und durchdringendem Pathos von einer tief gefühlten Leidenschaft für die Tragödien und Lichtblicke des Lebens und ist von einer Trauerarbeit durchzogen, die in diesem bildgewaltigem Werk oft kryptisch, zuweilen ausgesprochen direkt, immer aber höchst poetisch und wundervoll ästhetisch in einen Bann ziehen, aus dem man sich anschließend nur ungern wieder freimachen möchte.

Nick Cave and The Bad Seeds – Ghosteen
VÖ: 4. Oktober (digital), 8. November (physisch) 2019, Rough Trade
www.nickcave.com
www.facebook.com/nickcaveandthebadseeds

YouTube video

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